Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1919)
- Date
- 1919-12-26
- Page
- Seite 591 (sequence 5)
- Language
- German
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591 Ernste zu arbeiten. Wir rufen in unserem Gelöbnis unsere geliebten. Toten zu Zeugen auf, die Toten, derer wir jetzt in weihevoller Stimmung gedenken: „Lasset uns wirken und wachen! Möge Gottes Segen uns geleiten lind uns Kraft geben zur Erfüllung unserer Pflichten! Amen." Dir Mache. B e r I i n , 22. Dezember. n der Sitzung der Preußischen Landesversammlung vom 1 16. d. M. fand. Mieder einmal eine „Judendebatte" statt. Allerdings waren es diesmal nur die Ostjuden, dre den Gegenstand der Erörterung bildeten. Der dentschnationale Abgeordnete v. Kardorff besprach die Einwanderung von Osten, die, wie er des längeren ausführte, auch andere Kreise für bedenklich hielten. Bei dieser Gelegenheit versuchte er eine Grenze zwischen den Deutschnationalen und den Antisemiten zu ziehen, indem er bemerkte: „Wir wenden uns entschieden dagegen, daß man es immer so hinstellt, als ob die antisemitische Hetze die Politik der deutschnationalen Partei ist." Diese Bemerkung, welche die Demokraten mit dem Zuruf: „Da liegt doch System drin" quittierten, hat bei den Deutjchnationalen, die in ihrem Kampf gegen die sozialistische Regierung den Antisemitismus in den Vordergrund stellen, keinen besonderen Beifall ausgelöst. Dagegen spendeten sie lebhaften Beifall den Ausführungen des Ministers des Innern Heine, als er bemerkte: „In der Frage der Ostjnden lassen nur uns vom Gefühl der Menschlichkeit leiten. Die Verhältnisse werden allerdings von Monat zu Atonal schwieriger. Vielleicht müssen wir die sich in den Großstädten znfannnendrängenden, weder wirtschaftlich erfreulichen noch politisch unbedenklichen (Sehr richtig! rechts) Zugänge von den Großstädten fernhalten und i n K o n zentrati o nsla g e r n nur e r - bringen. Dem hat sich die Reichsregiernng bisher widersetzt. Ich werde aber meine Bemühungen dafür fortsetzen." Wir möchten nicht annehmen, daß der Innenminister plötzlich sein altes Herz aus der Zeit seiner Zugehörigkeit zmn Verein Deutscher Studenten entdeckt hat. Das eine aber ist sicher: die von ihm angekündigten., eventuell zu ergreifenden Maßnahmen gegen die Eingewanderten aus dem Osten, wenn diese in der Mehrzahl auch nur Inden sind tmb unter ihnen auch eine geringe Anzahl, denn nur um eine solche handelt es sich — von weder wirtschaftlich erfrenlichen noch politisch unbedenklichen Personen sich befindet, entsprechen weder dem Gefühle der Menschlichkeit noch den Grundsätzen der sozialistischen Lehre, zu deren eifrigsten Verfechtern auch Herr Heine zählt. Hoffen wir, daß ein sozialistischer Minister, der in dem nun zu Ende gehenden Jahre zur Leitung der inneren Angelegenheiten des preußischen Staates berufen worden, ist, im kommenden Jahre nicht außer acht lassen wird, was das oberste Gesetz aller Regierungen fein muß: Recht und Gerechtigkeit. * Der Badische Volkskirchenbund gegen den Antisemitismus. Der äS.abifdj.e Volkskirchenbund hat an di-e Evangelische Genernlsihnode folgende Eingabe gerichtet: Hochwürdige Synode! In unserem, durch Parteiungen 'ohnedies tief zerklüfteten Vaterlande gewinnt zur Stunde eine Bewegung, immer mehr Boden, deren weiteres Umsichgreifen das Schlimmste befürchten läßt: der Antisemitismus. Den Juden, allein verantwortlich zu machen für das nationale Elend, ist von jeher das Mittel g e \v issenl o s e r Agitatoren gewesen, um dein Haß einer p o l i t i s ch ungeschulten Masse ein Objekt zu schassen, an dem sie sich austoben konnte. Es sind dunkle Blätter, aus denen die Geschichten der Judenverfolgungen geschrieben stehen, von alten Zeiten an bis zu den russischen Pogromen der Gegenwart. Unser Volk wird überschwemmt mit Zeitschriften und Büchern aller Amt, die em geschäftiges System verraten, das an. der Arbeit ist, und wer mit dem Volke in Fühlung ist, der begegnet der Verwirrung der Geister, die bereits angerichtet ist, und sieht die. gefährlichen Früchte, die zu. reifen beginnen. So tief wir mit den weitesten Schichten unseres Volkes Anstoß nehmen, an der Rolle, die besonders ausländische Juden in der Revolutionszeit gespielt haben, so sehr verwahren wir- -uns gegen die unchristliche Verirrung, dafür das Judentum als Ganzes verantwortlich zu machen. Wir halten es -daher für geboten und werden in diesem Sinne bei der verfassunggebenden Generalsynode vorstellig, daß dieselbe unzweideutig klar, zu.m Ausdruck bringt, daß Rassenhaß und Religions- Haß des christlichen Namens und Glaubens unwürdig sind und daß die Kirche des Evangeliums diesen trüben Haß als unverträglich mit dem Geiste ihres Herrn und Meisters weit von sich weist. Wir halten eine solche offene Stellungnahme für um so unerläßlicher, als e i n M it g l i e d de r o b e r st e n Kir ch e n b e h ö rde in s e i n er p o l i t i s ch e n T ä t i 'g feit i m Vorderg r> u n d der a n t i s e m i t i s ch e n A g i t a t i o n in B a d e n st e h t und in einem öffentlichen Schriftwechsel besch u I d i g t i st, u n wa>h re Tat sa che n, di e die jüdi schen Staatsbü rger schwer beleidigen, weiterverbreitet zu haben. Je weniger die parteipolitische Tätigkeit and) der Mitglieder der obersten Kirchenbehörde heutzutage einer Einschränkung unterliegt., desto deutlicher und unmißverständlicher muß die höchste Vertretung der evangelischen Kirche 'dafür Sorge tragen, daß nicht die Gewissen verwirrt werden und der Kirche als solcher zur Last gelegt wird, was Privatmeinung eines ihrer höchsten Beamten ist. Der Schaden, der sonst der Kirche entstehen könnte, wäre unerlnetzlich. I. A. des Voltstircheubundes Badens. Der Laudesvor stand: gez. Dr. H e i n r i ch D i e t r-i eh. Die „Volkskirchlichen" vergessen, daß „man" neben seinem positiven Bekenntnis zum Geiste des Evangeliums auch noch politisch konservativ denkt und zur - Partei der Deut sch - nationalen gehört, deren Interessen es zurzeit erfordern, daß „man" etwas in A n t i s e m i t i s m u s macht, um die Unzufriedenheit des Volkes mit den durch die alldeutsche Kriegshetze und Eroberungspolitik verschuldeten trostlosen Zuständen im Reiche nach einer anderen Seite hin abzulenken. Das ist ja eben das Niedrige und Abstoßende am öffentlichen Gebaren dieser Herren, daß sie auf den Lippen das fromme Bekenntnis zur allmenschlicheu Nächstenliebe ihres „Herrn und Meisters" tragen, im Herzen aber jenen „trüben Haß" gegen die jüdischen Andersgläubigen, von dem es oben treffend, heißt, daß er „des christLichen Namens und Glaubens unwürdig" sei. Wenn jetzt schon die Angehörigen des eigenen Bekenntnisses sich gegen solche unchristliche Zweideutigkeit der Gesinnung wenden - es geschieht dies allerdings nur seitens jener Elemente, an denen man auch bei anderen Anlässen ein freieres und edleres Bekennen gewohnt war —, so läßt sich daraus erkennen, wie heftig das Aergernis ist, das dieOeffentlichkeit bereits an der Politischen Betätigung des erwähnten „Mitgliedes der obersten Kirchenbehörde" genommen hat. * Ein Testament. Wir haben in der vorletzten Nummer bereits mitgeteilt, daß in München der Student Maximilian Spaeth als ein Opfer der antisemitischen Hetze gefallen ist. Bemerkt sei noch, daß Spaeth im Jahre 1914 als Kriegsfreiwilliger eingetreten war, Auszeichnungen wegen tapferen Verhaltens vor dem Feinde besaß und sich in diesem Jahre wieder freiwillig gegemeldet hatte, um als Zugführer in der Brigade Lettow- Vorbeck an der Befreiung Münchens mitzuwirken. Dieser Mann war plötzlich kein „gleichberechtigter Deutscher" mehr! Schon vor seiner Ausschließung aus dem Verein waren Spaeth schwere Kränkungen nicht erspart geblieben. Die letzte brachte ihn zur Verzweiflung: er griff zur Waffe. Die „Münchener Neuesten Nachrichten" veröffentlichen nun Teile des Testaments,