Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1919)
- Date
- 1919-12-26
- Page
- Seite 590 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- 590 r!; c i, morgenländis chen Ursprungs. Ja, noch weiter können wir gehen. Wir können bei allen morgenländischen Völkern eine starke Disposition auch für das Diesseitsmotiv ausspüren, wie es kein abendländisches Volk gibt, in dem nicht auch autochthon ein Stück Jenseitsmotiv lebendig wäre. Aber den Querschnitt gemacht durch, das Geistesleben der Antike und des Orients, ist diese Unterscheidung unbedingt anzuerkennen. Antike ist Diesseitsmotiv mit seinen folgen: Individualismus mit der Gabelung in JrMvidual-Jdealismus und Jndividual- Materialismus. Morgenland ist Jenseitsmoitiv mit Allheitsidee und Altruismus. Und nun betrachten Sie, meine lieben Brüder, von diesem Gesichtswinkel ails die Geschichte der europäischen Menschheit. Ist sie etwas anderes als der Kampf zwischen Antike und Morgenland, zwischen Diesseits- und Jenseitsmotiv? Nehmen Sie gleich die Entstehung des Christentums! Der Individualismus der Antike war an einem toten Punkt angelangt; er war in Materialismus ausgeartet. Verderbnis, Ueppigkeit Haben Rom und Griechenland vollständig zerrüttet. Da kam das Morgenland: Juden, Aegypter, Perser, Inder wurden Lehrer des Jenseitsmotivs, des Monotheismus, des Altruismus, des Allheitsgedankens. Die dekadente Antike warf sich begeistert der neuen Idee in die Arme: es entstand das Christentum, das Jenseitsmotiv siegte. Nehmen Sie die Renaissance! Tie totgesagte Antike lebt auf und mit ihr erhebt der Individualismus abermals sein Haupt; das Diesseitsmotiv erstarkt im Leben der Völker und Staaten, bis es schließlich mit den technischen Wissenschaften Sieger wird und das Jenseitsmotiv fast vollständig aus dem Felde schlägt. Wie stellte sich nun das Judentum zu diesen Kämpfen? Es ist ein Volk gewesen, das der morgenländische Geist mit seinem Jenseitsmotiv stark erfüllt hat, das aber zugleich eine große Disposition zum Tiesseitsmotiv in sich besaß. Wer die Bibel aufmerksam liest, dem offenbart sich in ihr, mit Händen greifbar, das ungeheure Ringen dieser zwei großen Lebensprinzipien. Gesiegt hat, weil er siegen mußte, als der Mächtigere, der Geist des Morgenlandes. Als Israel aus seinem Lande auszog, um in der Welt für seine Gottesidee zu zeugen, lebte es sein wahres Leben nur in Gott, im Jenseitsmotiv, im Messiasideal; das Diesseits wurde ihm nur die Schule der Prüfung für eine andere und bessere Welt. So führte das Judentum sein Gottesdasein viele Jahrhunderte hindurch; die Umwelt war sein ä u ß e r e s M u ß, die Innenwelt das M u ß seiner Seele. Und da auch in der Christenheit das Jenseitsmotiv das herrschende war, konnte das Judentum in seiner Beschaulichkeit durch nichts gestört werden. Wohl drang in die intelligenten Kreise der Jndividual-Jdealismus des Aristoteles gar tief ein, aber die Masse blieb dem Jenseitsmotiv treu und fand volle Befriedigung in Kabbala und Chassidismus und ihrent altruistischen Allheitsgedanken. Der Individualismus der Renaissance fand im Judentum infolge der politischen Zustände keinen oder nur da tmb dort einen sehr dürftigen Anklang. Mit einem Schlage änderte sich das, als den Juden die Gleichberechtigung eine neue, ungeahnte Welt eröffnete. Es war die Welt des Diesseits mit ihrer Wissenschaft und ihrer Kunst, mit Handel, Industrie und Technik, mit Wohlleben und Behaglichkeit, mit den ungeheuersten. Erwerbs- und Genußmöglichkeiten. Der Jude, der jahrhundertelang nur im Jenseitsmotiv gelebt, im Diesseits gedarbt hatte, wurde bald, ' berauscht von der Schönheit und dem Glanze der neuen Lebensmelodien, die seine Lebenssaiten in Schwingung brachten, der gelehrigste Schüler des Diesseitsmotivs, sein leidenschaftlicher Propagator, sein Lehrer und Meister. So sehen w.ir heute in der Judeuheit, wie in der Christenheit, das | Jenseitsmotiv vollständig cm die Wand gedrückt, von einer kleinen Schar treuer Anhänger ängstlich gehütet und gepflegt. Die Massen der Völker haben sich fast ganz dem Diesseitsmotiv ergeben. Ist damit der Kampf-zu Ende?, Ich glaube es nicht.' Ich sehe es kommen: wie einst in der / Antike ergreift ein Taumel die gesamte Menschheit, der Individualismus artet immer mehr aus, wird zum wildesten Materialismus, bis schließlich, wie vor zweitausend Jahren, das Diesseitsmotiv an einem toten Punkt anlangt und dem Jenseitsmotiv in irgendeiner Form den Platz einräumt. Der Sieger über die Welt wird nicht Amerika sein, sondern abermals das Morgenland, das vielleicht die Antike und -ihren Geist, wenn nicht vollständig, so doch für lange, lange Zeit begraben wird. Muß es aber so sein? Muß die Menschheit alle Aeönen hindurch zwischen diesen zwei Prinzipien pendeln? Kann es da wirklich nichts anderes geben als das grausame Entweder — oder? Wäre nicht d er Mensch, der beide Gedanken harmonisch in sich vereinen könnte, der Ideal typus des Kulturmenschen, dem wir nacheifern sollten? Wäre nicht die Synthese vom Diesseits- und Jenseitsmotiv, von Individualismus und Allheit die Rettung des Menschengeschlechtes aus diesem schier endlosen Kampfe? Tatsächlich haben alle großen Philosopheni des Abendlandes, von Plato angefangen bis zu unserem Cohen, alle großen Denker, Ethiker und Erzieher dieser Synthese das Wort geredet und in ihr das Allheilwittel, die Gesundung der Nationen, gesehen. Aber diese Großen waren nicht imstande, die Massen für sich zu gewinnen, sie blieben allein mit ihren Lehren. Institutionen müssen entstehen, Gesellschaften muffen sich bilden, in der Christenheit wie in der Judenheit, die sich zur Aufgabe machen, durch friedliche Vereinigung von Diesseits- und Jenseitsmotiv ein Segen der Menschheit zu werden. Im Judentum ist, so glaube ich, unser Orden sür dieses Hohepriesteramt berufen. Ich sagte Ihnen schon, meine lieben Brüder, daß ich den i n n e r e n Motor für die Entstehung unseres Ordens aus dem , Gewissen des jüdischen Volkes hervorholen will. Dieses Gewissen d e s I u d e n t u m s , das ist der innere Motor unseres Ordens. Es ist der alte, mor-genländische Geist, es ist die altruistische Allheitsidee, die sich auflehnen gegen den zunehmenden materialistischen Individualismus, der uns zu vernichten droht. Es ist das unausrottbare Ahnen, daß das Diesseitsmotiv der Antike, dem sich das moderne Judentum in die Arme geworfen hat, zum Untergang führe imt> daß nur die Synthese dieser zwei Prinzipien das Heil auch für das Judentum, seine Erhaltung bedeute. Nicht umsonst ist unser Bund gerade in jenem Staate erstanden, in dem die Judenheit in erster Linie in Gefahr stand, vom Diesseitsmotiv, vom Jndividual-Materialismus hinweggefegt zu werden. Damit ist unserem Bunde eine Aufgabe erwachsen, erhaben und edel und groß. Die Aufgabe beiß: in der Judenheit den Jdealtypus des Kulturmenschen herauszuarbeiten, Diesseits- und Jenseitsmotiv in Einklang zu bringen. Hat unser Bund diese Aufgabe bis jetzt erfüllt? Hat die „Karlsbad" in dem verflossenen Vierteljahrhundert dieser Aufgabe gelebt, an ihr gearbeitet? Sagen wir es offen: zielhewußt nur in ganz geringem Maße, unbewußt viel stärker. Wir haben uns doch stets in den Dienst am Nächsten und in den Dienst der Allheit durch den Dienst an der Gemeinschaft gestellt und nicht Unersprießliches geleistet. Nlln gilt es aber, mit reinerer Erkenntnis und zielsicherer an die Aufgabe zu schreiten. Harmonie z w i s ch e n a n t i k em u n d m o r g e n l ä n d i s ch e m G e i st, Harmonie zwischen Diesseits- und Jenseitsm o t i v , H a r m* onie zioische n I n d i v i d u a l i s m u s und A ll h e i t s d i e n st das sei auch weiter, aber fester und unverrückter als bisher, unsere Existenzberechtigung. So lasset uns angesichts der Vertreter llnseres Gesamtbundes das Gelübde ablegen, in diesem Geiste mit heiligem