Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1919)
- Date
- 1919-12-19
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Aufforderung, unter Hinzuziehung von Mitgliedern der Gemeinde ein allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht mit dem Grundsatz der Verhältniswahl unter solcher Beschleumgung einzuführen, daß tunlichst innerhalb drei Monaten vollständige Neuwahlen stattsinden. Die Versammlung richtet weiter an die preußische Regierung das dringende Ersuchen, in Ausführung. der Reichsversassung das veraltete Judengesetz vom Jahre 1847 auszuheben." Angesichts dieser einmütigen Erklärung von mehr als 1000 Nbitgliedern unserer 4500 Seelen zählenden Gemeinde darf eine baldige Revision unserer Gemeindeverfassung erwartet werden. Dinslaken, 12. Dezember. Das Israelitische Waisenhaus beherbergte im letzten Jahre 27 Kinder, darunter 20 Knaben und 7 Mädchen. Die geringe Zahl der Pfleglinge ermöglichte eine individuelle Erziehung der Kinder und gestattete es, sie auch noch nach der Entlassung aus der Anstalt pflegerisch zuüberwachen. Von den Zöglingen besuchten 3 Knaben das Nealghmnasiuin, 2 Mädchen die Töchterschule. Tie Verpflegung der Kinder war kräftig und ausreichend, für die Bekleidung wurde hinlänglich gesorgt. Die Einnahmen der Anstalt beliefen sich auf 57 027 Mark, von denen sich 17 865 Mark aus lausende Beiträge und Spenden, zirka 40 000 Mark auf neue Stiftungen, der Rest auf verschiedene Zuwendungen verteilen. Unter den neuen Stiftungen befinden sich 25 Vermächtnisse zum Andenken an gefallene Krieger, deren Fahrzeit in der Anstalt begangen wird. — Weinheim, 12. Dezember. I n e i n e r st a r k b e s u ch t e n Sitzung des Bürgerausschusses brachte Rechtsanwalt Dr. Pfälzer eine Interpellation ein, in welcher er unter eingehender Begründung Schutz der jüdischen Bürgerschaft gegen die lieberschwernnrung der Stadt mit antisemitischen Flugschriften fordert. Professor Keller (Dem.) sprach sich auf das schärfste gegen die vergiftende Hetzpropaganda der Antisemiten aus. Die Sprecher der Deutsch nationalen Fraktion erklärten, der antisennUschen Propaganda fernzustehen, wurden aber von dem Mehrheitssozialisten Schäfer und dem Unabhängigen Eller des verkappten Antisemitismus bezichtigt. Die mehrstündige Debatte gestaltete sich zu eirlem scharfen Protest gegen den infamen Unfug des antisemitischen Zerrelanklebens an die Häuser. Bürgermeisterstelloertretec F ich: - n e r erklärte, daß die Schutzmannschaft Anweisung erhielt, gegen jene Zettelankleber rücksichtslos vorzugehen. Lim. Bon der Schweizer Grenze, 12. Dezember. Nur selten ist in Ihrem geschätzten Blatte von uns da unten in der Südmark dos Reiches zu lesen. Wir waren während des langen Krieges vom Jn- und Ausland durch unsere geographische Lage förmlich abgeschnürt. Nicht mit Unrecht nannte vor vielen Jahren bei Besprechung von Dr. Löwensteins (Mosbach) „Die Juden in der Kurpfatz" der verewigte Bezirksrabbiner Dr. Mayer (Zweibrücken) in Ihrer Zeitung unser Gailingen „ein welt-entlegenes badisches Torf ait der Schweizer Grenze." Viel Leid, viel Trauer kam i-n diesen fünf harten und entbehrungsreichen Jahren auch über uns, und der Auflösungsprozeß scheint schneller vor sich zu gehen, als wir je befürchtet haben. Bald ist es so, daß die ehemals so stolze und große Synagogengemeinde Gailingen das- Schicksal des Berthold Auerbachschen „Schwaudorf" teilen muß. So kommt es, daß jeder einzelne Abgang als Verlust empfunden werden muß und empfunden wird. Unr wieviel mehr dann, wenn es sich um einen Bürger handelt, der zeitlebens im Dienste der Gemeinde gestanden, der sich in den Dienst der Gemeinde gestellt hat, wie es bei dem am 4. November d. I. in Zürich verstorbenen Herrn Baruch Harburg er der Fall gewesen ist. Zwanzig Jahre lang, von 1879 bis 1899, war er Vorsteher unserer damals noch großen Gemeinde, und es war nicht leicht, in jenen Jahren das Steuer bei uns zu führen, unmittelbar nach der unglücklichen Periode des sogenannten - „Gailinger Kulturkampfes" zwischen Rabbiner- und Lehrerpartei. Aber Baruch Harburger war der Mann, um die Gemeinde zu leiten. Es war ein letztes Ausblühen derselben, und dann kam auch bei uns die unselige Landflucht. In jungen Jahren, als er aus der Fremde heimgekehrt und sich eine Existenz und ein Heim gegründet hatte, war er schon in der Gemeinde tätig. Wo es galt, sozial und gesellig zu sein, da war er immer dabei. Er begründete 1866 den rührnlichst bekannten jüdischen Gesangverein „Eintracht", dessen erster Präsident er war und dem er stets ein treues Mitglied geblieben ist. In dem 1872 begründeten Schulze-Delitzschschen „Vorschußverein Gaillingen" ward er Kassierer und bekleidete diefts Amt 27 Jahre lang. Er war der erste Vertreter des Wahlbezirkes Gailiingen-Randegg-Wangen in der badischen Landessynode und bekleidete sowohl in vielen Humanitären Vereinen im Ort wie auch im Lande Ehrenstellen. Sein Stolz war und blieb das in den achtziger Jahren im Verein mit dem damaligen- Rabbiner Tr. Löwenstein errichtete jüdische Ortskrankenhaus, und ein Freudentag war es für ihn, als in Karlsruhe in den neunziger Jahren Gailingen als Sitz des Landesasyles „Friedrichsheim" bestimmt wurde. Seine Verdienste als Bezirksältester der Bezirkssynagoge Gailingen-Konstanz sollen hier nur gestreift werden. Die letzten Jahre verbrachte er mit seiner würdigen Frau Gemahlin Jeanette geb. Rothschild in Zürich bei seinen beiden Söhnen Saly und Emil, die daselbst als Großkaufleute domizilieren und angesehene Glieder ihrer Gemeinden geworden sind. Es zog den Verewigten aber immer wieder heim, und zu Anfang Dezember wollte er auch das Eigenheim in der alten Heimat beziehen. Dem sollte nicht so sein. Denn am 4. November starb er, nahezu 78 Jahre alt, auf der Fahrt zu einem Landsmanne im Train in Zürich. Am 6. November wurde Baruch Harburger unter der Teilnahme zweier Gemeinden — Gailingen und Zürich -- in der alten Heimat zu. Grabe getragen. Ihm widmeten als ehemaligen Borsteher Rabbiner Dr. Spitz, -als treuen Bürger unser jetziger Vorsteher Fabrikant S. C. H a u h a r t, als guten Verwandten Saly Mayer ans St. Gallen und als selten guten Vater der älteste Sohn Saly H a r b u r g e r aus Zürich verdiente Worte des Abschieds. — Eine letzte persönliche Erinnerung. Es war im Jahre 1889. Stöcker kam auch in unser engeres Heimatland Baden, nach Karlsruhe und Billingen. Als sein Kommen bekannt wurde, sagte der Verstorbene.- „Da heißt es Vorbeugen. Wir lassen ihn nicht durch." Und flugs fuhr er nach Konstanz zum Grobherzoglichen Landeskommissar Engelhorn. Ter gab dann seine Order an den Oberamtmann Behr -in Villingen. Und -nun sehe ich Slöcker noch vor utk* .ich fuhr nämlich mit drei Landsleuten nach Villingen, um ihn wieder einmal zu sehen und zu hören --- mit seinem bekannten freundlichen Lächeln, als sich Oberamtmann Behr ihm vorstellte. Er glaubte wohl, ein ostelbischer Landrat und Gesinnungsgenosse begrüße ihn. Aber gleich wurde sein Gesicht länger, spitzer und ernster, denn Oberamtmann Behr sagte ihm, was er auftragsgemäß zu sagen hatte. So muß nran sich jene Stelle in Dietrich v. Oertzens „Adolf Stöcker", Volksausgabe S. 292, erklären: „Meine Rede in Villingen war eine Plauderei." Baruch Harburger hatte ihm das Konzept seiner Rede gründlich verdorben. — Als Bürger war der Verstorbene ein Liberaler aus der alten Lainey-Kieferschen Zeit, ins Reich übersetzt: Lasker-Bennigsenicher Observanz. Ihn hat der Zusammenbruch schwer getroffen als Deutschen und Menschen, denn kurz vor dem Waffenstillstand fiel noch auf Frankreichs Erde sein Schwiegersohn Siegfried Ludwig, der Lehrer lind Sekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Mülhausen i. E. gewesen war. Dagegen konnte er noch zwei Enkelsöhne, die sich, wie der verstorbene Ludwig, zu wiederholten Malen in Ost lind West ausgezeichnet hatten, heil in die Heimat Zurückkehren sehen. Baruch Harburger ist wohl gestorben, aber nicht kok, denn er lebt noch lange in der Erinnerung seiner Atitbürger, der vielen Bekannten dies- und jenseits des Rheines und vor allem seiner Angehörigen mit der großen Enkelschar fort. Das Andenken Baruch Harburgers sei gesegnet! Galizien. z. Krakau, im. Dezember. Die polnischen Sozialisten (P. P. S.) haben bei ihrer letzten Kulturkonserenz in Krakau u. a. folgende Resolution bezüglich der Schulen für die nationalen Minoritäten angenommen: 1. Tie nationalen Minoritäten, die auf dem Gebiete des ethnographischen Polens leben, müssen das Recht haben, private Schulen zu gründen/ von den gewöhnlichen bis zu den höchsten. Ein bestimmtes Minimum polnischer Unterrichtsfächer, wie Sprache, Geschichte und Geographie Polens, wie and} Lehre über das jetzige Polen müssen in diesen Schulen eingesührt" lverden, insofern sie Oeffentlichkeitsrecht wünschen. 2. Es müssen Staatsschulen für nationale Minderheiten, die vom Staate anerkannt iimrbeit und die auf den: Gebiete des ethnographischen Polens wohnen, mit nichtpolnischer Unterrichtssprache gegründet werden, salls dies Eltern nichtpolnischer Nationalität verlangen und die Frequenz dieser Schulen sichergestellt sein wird. Um einklassige Volksschulen zu eröffnen, genügt.es, wenn