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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-19 · Heft 51 (19.12.1919) · p. Seite 588

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 51 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
Seite 588 (sequence 12)
Language
German
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- 588 ersten Male erscheint in deutscher Uebersetzung das in Jiddisch weit verbreitete Werk des Jaacow ben Jizcho-k Aschkenasi, „Zeenoh u'reenoh". Von modernen Dichtungen seien Werke von Perez, Gorellik und Arno Nadel genannt. Joseph Budko und Jacob Steinhardt haben die Ausschmückung verschiedener Werke übernommen. Ter Alma n ach selb st bringt ei ne Probe des „Zeenoh u'reenoh", außerdem zwei Dichtungen von Arno Nadel, verschiedene Illustrationen von Joseph Budko und Lesser-Ury und schließlich eine kunstgeschichtliche Würdigung Urys von Dr. Karl Schwarz, der auch als Herausgeber des neuen Verlages zeichnet. * — In der fremde.' Neue Judenlieder von Marek Scher la g. 2. Auslage. Jüdischer Verlag, Berlin 1919. Marek Scherlag ist kein Unbekannter. Er gehört der jungjüdischen Richtung Oesterreichs an. Der Geist, der seinen Versen entströmt, ist mit dem des „Neiter'lied"-Dichters Hugo Zuckermann nahe verwandt. Gleich diesem, dessen Jünglingsjahre mit tausend Bitternisse u erfüllt waren, da sie in die Zeit des hochgezüchteten Rassenantisemitismus eines Houston Sfewart Chamberlain sielen, waren seine Kinderjahre trübe. „Daß meine Mutter nie gelacht. Auch nicht im Sonnenschein. Das hat mich um den Lenz gebracht Und um das Glücklichsein." So klagt Scherlag in seinem „Gettoliede". Das Leid inn seine unglücklichen Stammesgenossen, namentlich um die des Ostens, liegt über allen seinen Freuden wie ein dunkler Schleier ausgebreitet. „Während wir lachen und scherzen. Bluten taufende Herzen" — das ist es, was keine Fröhlichkeit in seiner mitfühlenden Seele aufkommen läßt. Es ist zwar nicht alles gleichwertig, was der Dichter lins in seinem Buche darbietet, aber die meisten seiner Lieder zeichnen sich doch durch vollendete Schönheit der Form und Ehrlichkeit des Empfindens aus. Die Mode der Jüngsten, unklare Gedanken und unwahre Gefühle durch dämonisches und geistreich sein wollendes Getue noch mehr zu verdunkeln, liegt ihm Gott sei Dank fern. Aus der Fülle des Gebotenen sei folgendes kleine Gedicht mit Rücksicht aus das nahende Ehanukafest zum Abdruck gebracht: Kleine Lichtlein. Dämmerstunde. Wolken schteier Hüllen noch die Sterne ein. Wart ein Weilchen — und die Stube Wird voll sanfter Sterne sein. Vater zündet Licht um Lichtlein Ter Menorah zärtlich an. Und die Kinder schaun befangen Wie m einen Zauberbann . . . Kleine Lichtlein, große Taten — Ob es Kinder auch verstehn? Warte — diese Dämmerstunde Wird ernst leuchtend auferstehn. Blanca Kah. * ~ Lion Wolfs: 50 Jahre Lebenserfahrungen eines jüdischen Lehrers und Schriftstellers. Kulturbilder aus den jüdischen Gerneinden. Leipzig, Gustav Engel. Wer dieses Buch liest, gibt es nicht mehr ans der Hand, ehe er es nicht zu Ende gelesen. Es ist wie alle Bücher und Arbeiten des Verfassers einfach und in leichter Sprache geschrieben und bietet, wie alle Memoiren, des Interessanten gerade genug, besonders wenn man in verickstedener Weise au deru Verfasser und seinem Bucke interessiert ist, sei es durch persönliche oder amtliche Berührung, sei es durch die Verhältnisse, die er schildert, oder durch den Beruf, dem er sich gewidmet, und die Gegenden, in denen er seinen Beruf ausübte. In keiner anderen Gemeinschaft wäre es möglich gewesen, daß der Buchbindergeselle sich zum „Geistlichen" emporarbeitet, höchstens in den evangelischen Sekten und in der israelitischen Gemeinschaft Preußens. Ich enthalte mich eines Urteils, ob es stets zur Ehre und Würde des preußischen Judentums gewesen ist. wenn seine geistlichen Vertreter aus solchen Existenzen sich rekrutierten, ohne entsprechende Vorbildung und Ausbildung, aber in diesem Fall? war die Probe gut ausgstallen, und es war hier einem „Tüchtigen" eine Bahn frei geworden, die zu betreten er sich innerlich berufen fühlte. Was er geworden, war er aus sich selbst und kraft eines starken Selb st bewußts eins. das ihn in keinem Falle verließ. Ob in einer anderen Gemeinschaft solches Selbstbewußtsein sich in dieser Weise durchgerungen hätte, möchte ich sehr bezweifeln. Leicht war es dem strebsamen Jüngling ja auch nicht geworden, aber mit seiner Tatkraft und seinem zähen Fleiße wurde er Herr aller Schwierigkeiten und konnte so Stellungen gerecht werden, die an das rabbiniische Wissen keine allzu großen Anforderungen stellten, -und in denen er als B o l k s r e d n e r und B o l k s b i l d n e r — denn darin liegt Wolsss Stärke -und' die Erklärung für seine ganze Lebensbahn — Gutes und Großes geleistet. Zudem hatte er einen praktischen Blick für das, was der Gemeinde wie auch dein Lehrer nötig war. Das letztere zeigen seine Schriften, die heute Rabbinern und Lehrern Lehr- und Lernbücher geworden sind, und wenn auch das meiste nur aus den Werken anderer geschöpft ist, so darf mansagen, daß die Art der Zusammenstellung und der Darbietung das Ei des Kolumbus war; denn nur wenige haben eben gerade den p r a k t i s ch e n Blick dafür gehabt, woran es den jungen Lehrern fehlte. Das zeigen auch seine Kriegspredigten wie überhaupt alle seine Schriften auf dem Gebiet der Praktischen Theologie. Und was Wolfs besonders ist, das ist der alles verstehende Mensch und darum der geborene Seelsorger. Gar mancher Kollege dürfte sich hierin an dem nicht seminaristisch noch akademisch gebildeten Geistlichen ein Beispiel nehmen. Nur wer seiner Gemeinde sich voll und ganz widmet, wer den Mitgliedern mittlerer und kleinerer Gemeinden Lehrer und Freund, Berater und Seelsorger ist, der darf von sich sagen, daß er sein Amt würdig führt und sich seiner Aufgabe voll und ganz bewußt ist. Es hat deshalb in Rabbinerkreisen unangenehm berührt, als Dr. Abr. SchHsinger (Buckau) in seinem Aufsätze „Fragen des Galuth" l"Neue Jüdische Monatshefte", III. Jahrgang, -Heft 18. S. 8781 behauptete, daß gerade die „Seelsorge" eine L a st für den Rabbiner sei, die auch ein „Nichtakademiker" leisten könnte. Ob es ein Nichtakademiker oder Akademiker leisten soll, ist Nebensache; aber wer den Beruf des Rabbiners und Geistlichen erwählt, hat der Seelsorge sich zu widmen und mH seiner Gemeinde zu leben, besonders in den kleineren und mittleren Gemeinden, wo der Rabbiner im Mittelpunkte des Gemeindeinteresses steht und wo er Berater und Vertrauter eines jeden sein soll antb kann. Die Gemeindegenossen dürfen die Fühlung mit dem Nabbinat und umgekehrt nicht verlieren. Zubinn muß der Rabbiner, wenn er als Geistlicher geschätzt und geachtet sein null, seiner Gemeinde dasselbe sein wollen, was die Geistlichen der anderen Konfessionen ihren Pfarrkindern sind. Cs gehört dies ja nickst hierher, und doch muß es gerade hier erwähnt werden, weil das Buch von Wolfs zeigt, was man einer Gemeinde sein kann, so inan sich ihr widmet und sie zu einer würdigen Anschauung vorn Lehrerberuf erzieht. Ob Wolfs sein Buch nicht kürzer hätte fassen können und nmnches weg lassen, was er keilweise anderswo schon veröffentlicht hatte und was gerade nicht immer zur Veröffentlichung gepaßt hat, das wird er selbst fühlen; ich habe beim Durchlesen manchmal ein si taeuLsses, philosophus m ansiss es an den Rand geschrieben, aber das Alter ist geschwätzig und sieht in der. Erinnerung manches für „sehr wichtig" an, was außerhalb der Interessensphäre des Lesers liegt: manchnral ineint inan , auch, man lese die „Khilleberger", wenn man die leider lehr betrübenden Schilderungen liest, die er von den „Glaubensgenossen" entwirft. Ich hasse solche Schilderungen, und es wäre besser, wenn in dieser Hinsicht unsere „Schriftsteller" mehr Verantwortlichkeiksgefühl in sich trügen; man kann solches sagen und im engeren Kreise rügen, aber gedruckt gehört das nicht, besonders in Zeiten, wo man mit Argusaugen auf alles schaut, aus dem man dem „Juden" einen Vorwurf machen kann oder für Vorurteile Belege finden will. Daß der Verfasser, wie es in der Ankündigung des Buches heißt, nur nebenbei-von semer „Entwicklung" spricht, ist vielleicht euphemistisch; ich möchte gerade sagen, weil er sich seines Wertes und feiner Arbeit, und zwar mit Recht, vollauf bewußt ist, und weil ihm alles Herzenssache gewesen, deshalb hat er dieses Buch geschrieben. Sehr angebracht wäre ein Personalregister gewesen all der Personen und Größen, mit denen Wolfs auf seiner Wanderung in Berührung kam. Zu vielen Fragen gibt das Buch Veranlassung, aber darüber vielleicht an anderer Stelle. Jetzt nur noch den Wunsch, der Verfasser möge noch manches seiner angefangenen Werke zu Ende bringen können und ein wirkliches otium cidtj dignilate genießen. Sein Buch aber sei allen, dH für unser jüdisches Gemeindeleben Interesse haben, empfohlen. F. Str.

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