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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-19 · Heft 51 (19.12.1919) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 51 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
Seite 587 (sequence 11)
Language
German
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587 Benjamin wollte an ihm vorübergehen. Aber Menachem packte ihn am Arm und sagte mit weicher zitternder Stimme: „Benjamin, hast du es gehört?" „Ich.habe nichts gehört." „Du hast nichts gehört? Hast du wirklich nichts, gehört?" „Nein, wirklich nichts." „Jossel Schlüte ist gefallen." Benjamin schwieg eine Weile. Dann fragte er: „Weiß es sein Vater schon?" „Seit vorgestern. Kalman Schlüte ist ganz gebrochen — ganz gebrochen ist er. — Wunder -auch!" Menachems Stimme klang heiser; eine Träne lief ihm über die Wange. . . . Nach langen, langen Jahren wanderte jetzt Benjamin wieder den Weg nach dem gelbgetünchten Hause. Wie hatten ihn früher auf diesen Weg, den er jetzt still und vereinsamt ging, tausend Freudenstimmen gelockt! Wie hatte einst das gelbgetünchte Haus mit den braunen Fensterrahmen, in denen sich zuweilen Sara-Leas edler Kopf mit dem milchweißen Antlitz und der.schwarzschimmernden Haarkrone im Abendsonnenschein zeigte — ja, wie hatte einst dieses Haus ihn angezogen! Welches Jugendglück hatte er da genossen! Und welche Kränkung hatte er da und dort drüben, im Häuschen, das schräg gegenüberstand, erfahren! Heute schritt er gedankenlos durch das stille Gäßchen. und dachte weder an genossenes Jugendglück noch an erlittene Kränkung. Keine Erinnerung aus vergangenen Zeiten beschwerte seinen Schritt. Er fand nichts weiter dabei, daß er Kalman Schlitte einen Beileidsbesuch machen wollte. Stumm und ohne Gruß trat er bei Kalman Schlüte ein. In der Ecke des Zimmers, das Benjamin wohl bekannt war, kauerten Kalman und seine Frau auf kleinen Fußschemeln, und mattes Licht kroch zum Fenster herein und lagerte sich auf ihre Gesichter. Sie saßen starr und reglos da, in sich zusammengesunken, wie eingeschrumpfte Zwerggestalten, und blieben auch so sitzen, als Benjamin eintrat. Benjamin holte sich selbst einen Stuhl und setzte sich in ihre Nähe. Frau Schlüte ließ den Kopf, der mit einem schwarzen Tuch umbunden war, auf die Brust herabsinken, hielt die Arme llbereinandergekreuzt und schluchzte in sich hinein. Nur ein einziges Mal erhob sie ihren Kopf und sagte: „Ihr habt ihn ja gekannt, meinen Jossel!" Dann ließ sie den Kopf tiefer auf' die Brust herabsinken. Einst war Sara-Lea der Sonnenschein des Hauses und Jossel die Freude des Herzens. Nun ist die Tochter weit weg, und der Sohn tot! Des Hauses Sonnenschein ist erloschen und wird nimmermehr leuchten! Die Freude im Herzen ist erstorben und wird nimmermehr auferstehen! — Das alles wollte Mutter Schlüte sagen. Sie sagte aber bloß: „Ihr habt ihn ja gekannt, meinen Jossel!" Vor Kalman Schlüte lag das Buch Hiob aufgeschlagen. Er las nicht darin, sondern stierte ins Unbestimmte. Er zog dabei die Augenbrauen zusammen, daß sich wulstig-borstige Klümpchen darüber bildeten. Den Kops, etwas seitwärts gelehnt, wiegte er, fragend, ohne Unterlaß. Seineganze Gestalt schien.zu sagen: - „Das mir'?" -- einst der Trotzruf eines Selbstbewußten, jetzt das Fragewort eines vom Schicksal Gedemütigten ... Einmal wandte er sich an Benjamin mit den Worten: „Weißt du auch, Benjamin, was es heißt: der Vater muß für den Sohn das Kaddisch beten?" Dann verstummte er. Benjamin nickte mit dem Kopse. Stumm und ohne Gruß, wie er gekommen, ging Benjamin von dannen. Weder sprach er Kalman Zern Beileid aus, noch gab er ihm irgendein Trostwort. Als Benjamin schon in der Türe stand, wandte er sich nochmals um und blickte ins Zimmer. Es war dunkel. In der Ecke kauerten zwei schwarze Schatten . Elftes Kapitel. An einem Eckfenster im Cafe Stäubler saßen Doktor Riegler und Benjamin und lasen Zeitungen. Es war nach der Riefenschlacht bei Lemberg, nach den blutigen Kämpfen bei Grodcl' .- da waren die Kriegsberichterstatter ins Land gekommen und schickten sich an, Galizien neu zu entdecken. Die großen Tageszeitungen des In- und Auslandes brachten Artikel über Galizien, dieses österreichische Kronland, das bisher so wenig beachtet und so gering geachtet wurde. Man begann Galizienzu studieren, seine äußere und innere Struktur zu erforschen, seine historische Bestimmung zu ergründen; man brachte, mit einem Wort, Land und Leuten warmes Internste entgegen. In den Artikeln wurde auf die herrlichen Landschaften des Landes hingewiesen. ans die malerischen Geaeuden i in den Karpathen, aus die Babia-Gvra, aus die Hohe Tatra, . auf die dunkelbewaldeten Beskiden. Man rühmte die histo-! rischen Denkmäler Galiziens, die kostbaren Kunstwerke, die! Köniasschlösser und .Königsgräber, die Fürstenpaläste und j Kastelle, die Kathedralen aus dem 14. und 16. Jahrhundert.; die Kirchen und Klöster im gotischen Stile, die sagenumwobenen Ruinen, die Wunderwerke der Holzschnitzkunst, die Meisterschöpfungen der Plastik. Man erinnerte an die reichen Schäle, die der Boden Galiziens birgt, an die Mineralguellen, die Kohlenreviere, die Petroleumdistrikte und die einzig dastehenden Salinen. Ein Berliner Blatt nannte Galizien ein wunderliches, ein häßlich-schönes, armes-reiches Land! lFortsehung ivltttö Mrihkeltkrr?rn. om Fenster strahlt ein milder Glanz Hinaus in rauhe Wintersnacht; Des Weihfests Kerzen künden hell Den Sieg der lichten Gottesmacht. Sie künden, wie ein Priesterheer Tyrannen zwang in alter Zeit, Wie Gott in Schwachen mächtig war. Die seinem Dienste sich geweiht. Sie lehren, daß, wenn finstrer Wahn Und banger Graus die Welt bezwang. Ein ew'ges Licht in Zion schien. Und sanft das Lied der Hoffnung klang. Getreu dem Licht, stimmt an das Lied Und fürchtet nimmer Neid noch Wut: Die Schatten ftiehn, der Winter weicht: Wir stehn getrost in Gottes Hut! H a m b it r g. Dr. phit. I o s e f I o l i n s k i. Literarisch? Mittriiungm. rr~ Der Vertag I r i ü Gurlitt (Berlin) gibt soeben seinen „Almanach ans das Jahr 1920" Hera ns. dessen reicher Inhalt nicht nur von allgemeinem Interesse ist, sondern anch für die jüdischen Kreise einige Beiträge bringt, die die Anzeige dieses Buches in diesem Blatte rechtfertigen. Der Verlag hat unter Leitung von E. Alexander eine neue Abteilung begründet, die unter dem Namen „Verlag für jüdische Kunst und Kultur" eine Reihe von Mc.nnmentalwerken herausbringt, die neben den bisher bestehenden doch insofern eine Neuerung bedeuten, als nun endlich jüdische Werke auch in künstlerischer Form zur Erscheinung gelangen. Erwähnt sei zunächst eine neue Ausgabe des Alten Testaments in hebräischem Urtext, dessen Bücher einzeln erscheineil und von Künstlern wie Budko, Lesser-Ury und Struck geschmückt werden. Zum

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