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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-19 · Heft 51 (19.12.1919) · p. Seite 586

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 51 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
Seite 586 (sequence 10)
Language
German
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586 sie in solcher Art der öffentlichen Schande preiszugeben. Er möchte bitten, es etwa bei einem kräftigen Verweis bewenden lassen zu wollen. Hierauf ließ der Landvogt den Mann hinausaehen und die Frau wieder eintreten. „Euer Mann ist", sagte er, „allem Anschein nach ein Taugenichts und hat sich selbst den Kops verbrüht, um euch ins Unglück zu stürzen. Seine ausgesuchte Bosheit verdient die gehörige Strafe, die ihr selbst vollziehen sollt! Wir wollen den Kerl am Sonntag in das Drillhäuschen sehen, und ihr mögt ihn dann vor allem Volke so lange drillen, als euer Herz verlangt." Die Frau hüpfte vor Vergnügen in die Höhe, dankte dem Landvogt für seinen guten Spruch und schwor, daß sie die Drille so gut drehn und nicht müde werden wolle, bis ihm die Seele im Leib weh tue." Vielleicht hat (Gottfried Keller für diesen und die anderen Gerichtsfülle im „Landvogt" Vorbilder in schweizerischen Volksgeschichten gefunden. Mich hat diese Ehe- und Gerichtsszene an eine verwandte Darstellung des bekannten Franzistanernlönchs Iah. Pauli in seinem Buche „Schimpf und Ernst" erinnert. Er gibt das Motiv von dem lmötno ■ Wuv rfi in folgendem Geichichtchen: „Shtc Bürgersfrau hatte ein Vergehen begangen, für welches sie öffentliche Strafe am Halseisen leiden sollte. Ihr Mann aber hatte sie dermaßen lieb und konnte es nicht ertragen, daß seine liebe Frau öffentlich also sollte gehöhnt werden. Deshalb kanr er mit dem Strafherrn überein, gab Geld und brachte es dahin, daß er für sie die Strafe tragen durfte, welchen Hohn und Schmach er um seines lieben Weibes nullen geduldig ertrug. Wenn es sich späterhin begab, daß die Hadersucht in dem Weibe überhandnahm und sie mit ihrem Gatten uneins wurde, warf sie ihm die erlittene Strafe vor und sprach öffentlich vor den Leuten: „Ich habe doch nicht am Halseisen gestanden - wie du!" — Vilmar, in dessen Fassung das Geschichtchen hierher gestellt ist, erachtet es für „eine einfache, treuherzige Volksanekdote". Ich habe es oft gelesen und öfter erzählt —- bei Gelegenheiten. Und jedesmal habe ich dabei die Empfindung gehabt -. und ein dämmriges Erinnern bestärkte mich darin, hier handle es sich um einen alten jüdischen Witz, um eine frühe Schtemihls-Variante. Bei Pauli, dem einstigen Juden, darf man ein Fortwirten des Geisteshauches annehmen, den er in Jugendjahren geatmet, und vielleicht auch eine Kennerschaft der tälmudischen Literatur, vor allem der hagadischen. Vielleicht gelingt es einem gelehrteren Mitarbeiter, den altjüdischen Stoff zu erforschen, dem Pauli und möglicherweise auch Keller eine ihrer Zeit und ihren Zwecken gemäße Fassung gegeben haben. Srnjamms Liebeslied. (24. Forts.) Roman von 3 a m u e t Meise! s. oktor Korngold fuhr hierauf fort: „Auch Plätze haben ihre Schicksale. Mit dem Schwarzenbergplatz ist in den letzten Wochen eine große Umwandlung vor sich gegangen: bisher eine Stätte der Erinnerung an vergangene Ruhmeszeiten, ist er jetzt der Sammelpunkt der durch >en Krieg arm und obdachlos Gewordenen. Er ist die Zufluchtsstätte jener Menschen, die es vorzogen, unter Habsburgs Doppelaar ein Leben voller Entbehrungen zu fristen, als auch nur einen einzigen Tag unter moskowitischer Herrschaft daheim zu bleiben. Der Schwarzenbergptatz ist gegenwärtig der Zufluchtsort der galizischen Flüchtlinge in Wien, er ist sozusagen die Speisekammer für die vielen Tausenden von Flüchtlingen aus den heimgesuchten Gebieten." Das Gespräch — im Grunde ein Monolog von Doktor Korngold — begann Benjamin zu interessieren. Er hörte gespannt zu und vergaß beinahe, daß er gekommen, war, Nachrichten über seine Eltern einzuholen. „Am Sch'warzenbergplatz", erzählte Doktor Korngold weiter, „waltet das Wiener Hilfskomitee für die Flüchtlinge seines wohltätigen Amtes. Täglich in den Vormittagsstunden wälzt sich dorthin eine wahre Flut von Flüchtlingen und belagern den Platz. Es sind keine Arme in Permanenz, diese Flüchtlinge. Daheim, in Friedenszeiten, haben sie ehrlich gearbeitet, redlich Weib und Kind ernährt, manche von ihnen haben zu den Wohlhabenden und Besitzenden gezählt. Manche unter diesen Flüchtlingen waren selbst Wohltäter der Armen, jetzt stehen sie mitunter in Reih und Glied mit solchen, denen sie einst Wohltaten erwiesen haben. Trotzdem klagen sie nicht über die Not der Zeit, über ihren jähen Abstieg in das Leben voller Entbehrungen. Fürwahr, es liegt Tapferkeit in der Art, wie sie sich in ihre entsetzliche Lage fügen." „Wie muß diesen armen Leuten. zumute sein!" sagte Beniamin fast tonlos „Sie glauben wohl, daß sie die Köpfe hängen lassen! Nein, Herr Glück. Sie kennen unsere Leute schlecht. Ihr Humor verläßt sie auch in der Stunde der Not nicht. Sie verstehen es. die Schwere der Zeit mit Leichtigkeit zu tragen. Sie stehen ans dem Schwarzenbergplatz, warten auf ihren Unterstützungsbeitrag, machen manchen guten, mitunter auch manchen schlechten Witz dabei und gießen Weintropsen in ihren Wermutsbecher." Benjamin stand auf und reichte ihm die Hand. Das geschah so mechanisch, daß Doktor Korngold still darüber lächelte. „Ihre Mitteilungen haben mich sehr interessiert, Herr Doktor," sagte Benjamin mit belegter Stimme; ein eigentümlicher Unterton schwang mit. „Ich danke Ihnen. Aufrichtig gestanden, wußte ich es nicht, daß auch das Flüchtlingselend feine Poesie hat." „Eine 'elende. Voesie, wollen Sie offenbar sagen." „Durchaus nicht! Ich kann es mir vorstellen: das Schwarzenbergdenkmal, von Tausenden von Flüchtlingen umranden, macht sich gewiß als Sinnbild des Krieges, seiner Ruhmeskränze und seiner Dornenkronen sehr gut, sehr sinnig, doppelsinnig —" „Freilich, freilich," entgegnete Doktor Korngold und sah Benjamin scharf an. „Herr Doktor," sagte Benjamin, seinen Ton wechselnd, „ich bin eigentlich gekommen, zu fragen, ob Sie meine Eltern in Wien „Ach ja. — Hab' ich's Ihnen noch nicht gesagt? — Ich babe Ihre Eltern am Schwarzenbergplatz gesehen. Sie können ihretwegen ganz beruhigt sein." Benjamin machte eine stille Verbeugung und entfernte sich. Während er die Treppe hinunterging, sagte er zu sich selbst: Nun weiß ich es, meine Eltern sind zu Bettlern geworden. "Er blieb indes ruhig. Vor dem Hoteleingang stand der Portier mit dem umfangreichen Leib und der goldrandigen Mütze: er musterte Benjamin vom Scheitel bis zur Sohle. Benjamin aber merkte es nicht. Er war einige Schritte gegangen, da sah er den alten Menachem des Weges daherkommen. Sein Gang war heute lässiger und schwankender denn je. Er sah abgehärmt und entkräftet aus. Heute maß er Benjamin nicht mit einem verächtlichen Blick, wie er es seit der Affäre in der Betstube zu tun gewohnt war, heute machte er auch nicht eine Bewegung, um sich vor Benjamin auf den anderen Fußsteig zu schlängeln.

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