Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1919)
- Date
- 1919-12-19
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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585 „Entweder mm* ver^ß über .die Juden das Judentmn-, das Ewige über das Zeitliche, oder man -g>l1a>udte das rein Menschliche, alsio auch das Göttliche, anH-erhald der Sphäre des eigentlich Jüdischen finden. Das Zeremoniialgesetz in Zeremonien auflösend, verband die Knltnr unserer Zeit mit dem Worte Zeremonie die Vorstellungvon leer, überflüssig und lästig; Zurücksetzung und Selbstsucht nehmen manchen Juden gegen, sein Bekenntnis ein, und vor lauter Sorae um 'das Materielle wurde das unbequeme Jüdische halb, wobl auck ganz über Bord geworfen!." . „Die hohle Bedeutung, Voekfre das Gebot d>er Beschneidung im Judentum von scher gehabt, ist durch d'e Heilige Schrift, die Tradition und die Geschichte bestätigt; feine Heilialeit ist so alt wie Israels Stamm, vier Jabrtausen'de. Mit dem Bekenntnisse des e'n^iaen Gottes standen als Zeugen. des Judentnurs Sabbat und Beschneidllna in gle'chem R>anae und galten unter den Nicktjuden als jüdische Sakramente ... Die Beschneidung ist, wie der Sabbat, eine Institution, keine bloße Zeremonie..." „Eine mit der Verleugnung, des' Talmud und des Messias, d. i. mit dem Aufgeben von Vergangenheit und Zukunft verbundene AbschasfiMg 'der Boschneiduna, schneidet das Leben des Judentums mitten entzwei'; e i n Selb st m o r d ist keine Re so r m." Dieser kategorische Schiedsspruch eines Zunz, als Ergebnis eines mit den ernstesten Studien der jüdischen Wissenschaft beflissenen Gelehrten, erweckte Sturm in den Reihen der Reformrabbiner; hatte doch zuvor ihr genialster Führer Abraham Geiger den Forscher Zum „als den bedeutendsten jüdischen Gelehrten unserer Zeit" bezeichnet. Geiger versäumte nickt in einem Briefe an Zum Einwendungen zu machen, welcke leider auch etwas ironisch ausklingen, worauf aber Zunr am 4. Mai 1845 entschieden erwiderte: „Für das Unglück des Stillstandes kann ich nichts, und werde 'ch N7»ch stbr freuen, wenn andere mit ibren Angriffen ans das Judentum und anf alles, was mir von jeher teuer war - meine Schriften fett 1817 sind die unwiderleglichen Zeuoen —. der Menschheit und den Juden wirklich. etwas, um das es sich lohnt, errinaen. Eine Ra-bbinerhierarchie verabscheue ich, eine Reform mit „milchdingen" Paragraphen verachte ich, einen Angriff auf daswehrlose Judentum aus einem an ti religiösen Standpunkt überlasse ich denen, die sich darin gefallen.. Die Norm für das Relia,iöse kann mix das Religiöse, das Gemeingültige und in lebendiger Ueberliesernng Hechgebaltene sein: aber demhöher gebildeten Geiste lMaimomdes, Aben-Esra. Mendelssohn) ist es .gegeben, aus dieser Grundlage zu batten. U ns müssen wir res o r mieren, nicht die Religion: bestehende Mißbräuche, nach« außen wie im Innern, haben wir anzugreisen, nicht ein ererbtes Heiligtum. Das Geschrei gegen den Talmud ist bereits die Stellung des Apostaten." „Sie sehen, ich stimme weder mit Holdheim noch mit den beiden Stern; vielleicht auch nicht mit Ihnen. lieber das ganze oder zerbrochene Israel hatten wir schon vor sechs Jahren münd-lich gestritten; daß die Zeitrichtungen diese Divergenz schärfer gezeichnet und in den Vordergrund gestellt — dafür können weder Sie noch ich. Man 'bedauere mich, aber wer mich verdächtigt, ist selber ein Lump. In diesen mir fast mit Gewalt abgerungenen Erklärungen, die allerdings ans dem. Papier kurz, aber schneidend werden, liegt mit ein Grund meines Stillschweigens. Aber nun sei .genug von diesen Dingen gesprochen und verhandelt. Mich ziehet die Wissenichaft immer mehr an, je mehr um mich her Torheitengemacht werden, Narrheiten, die uns erniedrigen und nichts einbringen. Schreibell Sie inir lieber von Dingen, über die wir uns in früheren Zeiten unterhielten. In zwei Tagen ist eine Sonnenfinsternis, zwei Tage nachher Generalversammlung der Reformer Hierselbst, und zwei Tage daraus wird wohl in der Synagoge gegen mich.gepredigt werden — was ich, sub rosa bemerkt, nicht tun würde, wenigstens milder. Uebrigens danke ich für Ihren offenen Tadel, und ich bin an Aufrichtigkeit nichts schuldig, geblidben. . . . und nun ist genug geeifert, und es schließt mit alter Freundschaft."23) Um dieselbe Zeit, dokumentierte Zunz seine Betrachtung in seinem großen Werke „Zur Geschichte und Literatur", S. 28, welche wir oben angeführt hatten. Aus derselben Zeit datiert auch ein Brief Zunzens, welcher wie die Artikel „Te-fillin" und „Gutachten über die Beschneidung" zum zweiten Male in den „Gesammelten Schriften" II. Band abgedruckt ist. In diesem gefundenen Brief schreibt Zunz einem Freunde: „Dos jüdische Publikum, forderst Du, soll diejen!k'gen, die seit zwei Jahrtausenden die Träger unserer Literatur sind, kennen, ihr Wollen begreifen, ihr Wirken achten, ihr Leiden fühlen. Von welchen Führern soll es dies lernen? Doch wohl nicht von jenen Autoren, die das Alte, das jüdisch ist, mit Füßell tretend, unaufhörlich . . . anfeinden; auch von jenen nicht, die die hebräischen Bücher verbrennen, die die Kenntnis dieser Sprache unter uns ausrot teu lllöckten, weil dieselbe Palästina und das Mittelalter, den Partikularismus und 'das Veraltete vertrete, wir aber die Kinderschuhe, die uns der göttliche Bund angelegt, längst ausgetreten..." „Wenn 'b'ie Bande der Sprache, der Geschichte und Religion, der Idee und aller Nationalität aus diese Art beharrlich gelockert werden, so erstaune nicht, daß unsere fashionablen Juden die hebräischen' Bücher schleunigst aus 'den Boden bringen oder verkaufen, und um die Männer dieser G'eschichte keinbetiteltet Narr sich kümmert." In derselben Zeitspanne (1841 bis 1851) schrieb Zun; einige Artikel auch in hebräischer Sprache. So dachte, schrieb und wirkte Leopold Zunz vor 75 Jahren und vor einem Jahrhundert; geradeaus schritt unser bedeutendster Gelehrte die breite gotdene Mittelstraße, von beiden Extremen gleich entfernt, den Fanatismus von rechts sowohl als von links gleich mißachtend. „Echte Wissenschaft ist taterzeugend" war sein Wahrspruch; echt und riesengroß war sein unsterbliches Schaffen: die Wissenschaft vom Judentum! Vom helleren Mann und böleren Meid in deutscher Sichtung. Bon S. Andorn (Krefeld). ie beziehungsreiche Gerichtssitzung in Kellers „Land- Vogt vom Greifende" wird durch diesen „Fall" eröffnet. „Der Amtsdiener oder Weibel führte nunmehr ein ländliches Ehepaar.herein, welches in großem Unfrieden lebte, ohne daß der Landvogt bisher hätte ermitteln können, auf welcher Seite die Schuld lag, weil sie sich gegenseitig mit Klagen und Anschuldigungen überhäuften und keines verlegen war, anf die grobe Münze des anderen Kleingeld genug herauszugeben. Neulich hatte die Frau dem Mann ein Becken voll heißer Milchsuppe an den Kops geworfen, so daß er jetzt mit verbrühtem Schädel dästand und bereits ganze Büschel seiner Haare herunterfielen, was er mit höchster Unruhe alle Augenblicke prüfte und es doch gleich wieder bereute, wenn ihm jedesmal ein neuer Wisch in der Hand blieb. Die Frau aber lenanete d>e Tat .v'/-••»untote, >.-> Man» habe in seiner tollen Wut die Suppenschüssel für seine Pelzmütze angesehen und sich auf den Kopf stülpen wollen. Der Landvogt, um aus seine Weise einen Ausweg zu finden, ließ die Frau abtreten und sagte hierauf zum Manne: „Ich sehe wohl, daß du der leidende Teil und ein armer Hiob bist. Hans Jakob, und daß das Unrecht auf seiten deiner Frau ist. Ich werde sie daher am nächsten Sonntag in das Drillhäuschen am Markt setzen lassen und du selbst sollst sie vor der ganzen Gemeinde hernmdrehen, bis dein Herz genug hat und sie gezähmt ist!" Allein der Bauer erschrak über diesen Spruch und bat den Landvvgt angelegentlich, davon abzuftehen. Denn, wenn seine Frau, sagte er, auch ein böses Weib sei, so sei sie immerhin seine Frau, und es gezieme ihm nicht, ss) Abraham Geiger, „Nachgelassene Schriften", Bd. V, S. 184.