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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-19 · Heft 51 (19.12.1919) · p. Seite 584

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 51 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
Seite 584 (sequence 8)
Language
German
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584 Korporationen ' und Gemeinden statt. Der unvergleichliche Jubelgreis hatte stehend die Ansprachen und die Verlesung der vielen Adressen angehört und treffliche geistreiche Dankesworte erwidert; der kleine schmächtige Greis voll erhabener Geistesgröße erweckte Bewunderung. Doch auch das gehaltvollste Leben geht Zu Ende; am 18. März 1886 starb Altmeister Zunz. * Inmitten der hingehendsten Forscherarbeit, unter der Ueberlast seines geistigen Schaffens für die Wissenschaft des Judentums, hat Zunz noch Muße gefunden, seinen freiheitlichen aufrechten Bürgersinn zu betätigen und am Leben seiner Zeit teilzunehmen. Der stille, in der Erforschung vergangener Jahrhunderte vertiefte Gelehrte war oft aus seiner Klause herausgetreten, in den Wahlkampf der Parteien herabgestiegen und hat sich da in die vorderste Reihe der politischen Kämpfer Berlins gestellt. Eine seltene freie Beredsamkeit, vornehme Gesinnung, epigrammatische Schärfe und ein Wissensreichtum machten ihn bald zur beliebten Persönlichkeit der Freiheitsbewegung jener Zeit, und trotz seiner Weigerung zur Uebernähme einer Führerrolle war er jedesmal als Wahlmann aus verschiedenen Wahlbezirken der Residenz hervorgegangen und oft zum Leiter mancher Versammlung wie zum Vorsteher eines Volksvereins allserkoren. Neun seiner Reden in öffentlicheil politischen Versammlungen in Berlin (1848/49 und 1861 bis 1865) sind dem ersten Bande seiner „Gesammelten Schriften" angehängt. Zllr selben Zeit sehen wir ihn auch im Schoße der Berliner Jüdischen Gemeinde eine gleich eifrige Tätigkeit entfalten, Besprechungen mit maßgebenden politischen Persönlichkeiten wegen Gleichberechtigung der „Bürger jüdischen Bekenntnisses" führen und innerhalb der Gelneinde für geregelte Verwaltung in Wort llnd Schrift eintreten. Innen und außen hatte man sein geistiges Uebergewicht erkannt. Schon seine „Kurzen Antworten ltnb Kultusfragen" (1844), in bezug auf jüdisches Kulturwesen von einer k. Regierung einem israelitischen Gemeindevorstand (Posen?) gestellte Fragen, die ihm zur Erwideruna vorgelegt worden sind, berühren alle Gemeindeangelegenheiten itrtb verweisen auf die von ihm* namens des Berliner Kultusvereins entworfene Preisaufgabe: ..Was war, was ist und was soll der Rabbiner sein?", die 1841 in der „Allgemeinen Prellßischen Staatszeitung" und erneut 1848 in der „Bossischen Zeitilng" publiziert war. Wir wollen insbesondere eine wenig bekannte Mitwirkung Zlinzens hervorheben, welche zur weiteren Erhaltung und Entfaltung der Jüdischen Gemeinde Berlins wesentlich beiaetragen hatte. Ms die politischen Ereignisse des Jahres 1848 die jüdischen Gemeinden von altem llnd neuem Zwange befreiten und die alte Verwaltung bald ihre Endschaft erreichen sollte, hat die am 14. September 1848 tagende jüdische Versammlung ein Komitee unter dem Vorsitz von Zunz eingesetzt, eine neue Kemeindeverfassung vorzubereiten. Am 18. September schon hielt das Komitee - 9 Mitglieder - in Zunzens Wohnung seine Sitzung ab und erließ das von Zunz entworfene Programm, das auf die zukünftige Gestaltung der Jüdischen Gemeinde in Berlin von segensreichem Einfluß war: „Die Gemeinde ist sich selber wiedergegeben; sie muß sogleich und selbst Hand ans Werk legen, um sich vor gänzlichem Verfalle zu retten . . . Die jüdische Gemeinde muß als solche fortbestehen. Aus dein geschichtlichen Boden des Judentums sind alle ihre Institute erwachsen, und auf diesem müssen sie mit Sorgfalt, mit Wärme gepflegt werden. Allen begründeten Anforderungen zeitgemäßer Verbesserung, namentlich was den öffentlichen Gottesdienst betrifft, muß genügt werden: hier wie überall, wo durch Beispiel und Unterricht Liebe und Teilnahme am jüdischen Leben geweckt, die Kenntnis desselben verbreitet werden soll, muß die Schönheit der Form der Wahrheit des Gedankens entsprechen, ohne daß jedoch die heilige Idee bloß äußerlichem Prunke aufgeopsert würde." Während rings umher in den deutschen Staaten und Kommunen die neu gewonnenen Verfassungen auf indirekte Klassenwahlen auf-geschichtet waren, hat schon damals das Komitee unter der Aegide Zunz von der jüdischen Gemeinde gefordert: „Die Verfassung der Gemeinde kann nur den Grundsätzen einer Vertretung ihr Dasein verdanken, die aus einer möglichst direkten Wahl hervorgegangen ist: alle (beitragenden) Gemeindemitglieder sind wahlfähig und wählbar. Demzufolge dürfen dann keine sogenannten Vermögens- oder eingebildete Geburtsunterschiede mehr berücksichtigt werden, sondern nur in der ehrenhaften Persönlichkeit, in der begeisterten Teilnahme nur ganzen wie am einzelnen und in wirklicher Fähigkeit die Maßstäbe für die Vertreter und Verwalter der Gemeinde gefunden werden. Das Komitee spricht dies aus, um jebcut Zweifel zu begegnen über das, was es zum Heile der jüdischen Gemeinde ins Leben zu rufen bestrebt ist." Ter Aufruf dieses Komitees sagt ferner: „Das Komitee baut auf das Interesse der jüdischen Gemeinde an der Erhaltung heiliger und segensvoller Institute, der ehrwürdigen Erbstücke der Vorfahren — auf die Begeisterung für den Gedanken des Judentums, der seit Jahrtausenden so viele Umwälzungen erlebte; es baut auf die Anhänglichkeit an dem alten, durch Blut und Tränen. geheiligten Glaubensgute. Es hat sich an die Spitze gestellt, mehr noch dem Rufe der Notwendigkeit als dem der Versammlung folgend, und indem es danach strebt, die Gemeinde wiederherzustellen, einzig in sich, kräftig in ihren Lebensäußerungen, rechnet es auf die Unterstützung derer, welche mit dem Blick in die Zukunft ein Herz für die Vergangenheit bewahrt haben, erwartet es Vertrauen von allen, für die schon längst der Anblick der trümmervollen Gemeindestätte ein trüber und schmerzlicher gewesen. Diese Hoffnungen allein halten dasselbe aufrecht auf der schwierigen Bahn, zu deren Ziel nur gemeinsame Liebe sicher hinführen kann."--) Wir können von der einzigartigen Persönlichkeit nicht scheiden, ohne noch besonders auf seine Treue zu den Grundfesten seines jüdischen Stammes wieder zu kommen. Schon in seinen Riesenwerken, obwohl er dem fortschrittlichen Zeitgeiste Folge leistete, sprach er oft und unentwegt, treu und fest an den alten Überlieferungen zu halten. Der objektiven Wissenschaft geweiht, stand er außerhalb der religiösen Kämpfe; als aber die Umtriebe der ,.Rabbinerversammlun ge n " und der „Synoden" um sich griffen, publizierte Zunz 1843 eine von ihm schon 1823 zu einer Barmizwahfeier gehaltene Betrachtung „Tesillin", wo er unter eingehender Würdigung der Bedeutung dieses Gebotes sagt: „Die königliche Sprache, die zu -den Propheten geredet, liegt im Staube, unverstanden von. den Kindern...: d'e Kinder treten ihre Wiege mit Füßen und spotten der alten Mutter; darum wäre es wohl schön, wenn wir unsere Gebräuche in Ehren hielten, wenn wir uns bemühten, der heiligen Lehre und der heiligen Sprache die Herzen wieder zuz.uführen." Zunz schließt die Betrachtung mit der warmen Mahnung: ..Lasset von der törichten Mode ab und haltet euch an euer uraltes Panier, damit ihr zusammenbleibet, wenn es finster wird, und erkannt werdet an dem großen Tage der Rechenschaft über den Bund Gottes, und die sich abaewandt haben, zurückkehven, und das Signal 'der Treue und der Rückkehr werde das Wahrzeichen an der Hand und zwischen den Augen." Bald bot sich Zunz Gelegenheit, noch .eindringlicher das Wort zu erheben; die Jüdische Gemeinde in Frankfurt a. M. hatte 1844 um sein „Gutachten über die Beschneidung" gebeten. Mit unwiderleglichen Vernunstgründen, gestützt auf die Primärquellen des Judentums, auf unsere großen Religionsphilosophen des Mittelalters und auf Moses Mendelssohns „Jerusalem", schreibt Zunz: ") Bericht aus Berlin in der Wochenschrift „Der Orient": 1848, Nr. 42. <

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