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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-19 · Heft 51 (19.12.1919) · p. Seite 583

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 51 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
Seite 583 (sequence 7)
Language
German
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583 Wirken eine Säule des überlieferten Judentums. 'Dabei aber doch mit der Abgeklärtheit des echten Menschen, duldsam und verständnisvoll gegen abweichende Meinung, befreundet auch mit Männern, die auf einem anderen Standpunkte stehen, wenn er nur in ihnen verspürt, daß sie gleich ihm für des Judentums Zukunft ihr Bestes hingeben wollen. So wünscht ihm. denn ein großer Kreis von Freunden und Verehrern zu seinem Ehrentage, daß ihm noch lanae Jahre der Zufriedenheit und der rüstigen Schaffenskraft beschieden seien, auf daß er sein Lebenswerk zu Ende führt und Neues schafft. Und kommende Generationen von Arbeitern in der jüdischen Wissenschaft mögen mit gleicher Treue und dem gleichen Erfolge die von ihm betretene Bahn weiterwandeln. Das wäre für ihn gewiß der schönste Lohn. Dr. F. Gold m a n n (Leipzig). Der Wmeitter der Willrnlchakt des Judentums. Dr. Leopold Zunz, geb. 10. August 1794 in Detmold, gest. 18. März 1886 in Berlin. Von L e o n S ch e i n h n u s (Memel). VI. sraels gottesdienstliche Vorträge" war noch das Thema \ eines Vortrages, den der wissensreiche Greis im jugendliehen Feuereifer am 11. Januar 1870 in Berlin hielt. Es ist das glänzende Fazit seiner Forschungen in goldenen Worten wiedergegeben' „Der Zuscnmnenklang dieser Doppelstiuuue (Propheten und Psalmisten in Pint und Selicha), die Verbindung göttlichen Trostes mit menschlichem Flehen, aus dem in uralter Zeit zwischen Gott und Israel geschlossenen Bündnisse hervorgegangen, verjüngte sich, dichterisch aufgefaßt, als Liebesöuud zwischen Bräutigam und Braut, zwischen Gemahl und Gemahlin, ward als solcher in die gottesdienstliche Dichtung eingeführt. Wie erhaben ist diese Liebe des Weltschöpfers ztt dem für sittlichen Adel bestimmten Volte über die Liebe der mythologischen Götter zu sterblichen Schönen!" Die unter seiner Mitwirkung und Leitung entstandene Bibelübersetzung erschien 1838 im Verlage seines einsluß- und geistreichen Freundes Dr. Veit. An dieser für den Religionsunterricht äußerst wichtigen Arbeit haben neben Zunz als Nebersetzer die namhaften Gelehrten M. Sachs, Julius Fürst und H. Arnheim mitgewirkt. Von weiteren größeren Abhandlungen Leopold Zunzens sind noch zu erwähnen: „Die geographische Literat u r d e r I lt d e n von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1841" (70 Seiten), die dann (1841) nur in englischer Uebersetzung in der Asherschen Ausgabe der Reisen Benjamins von Tudela erschienen war, während der deutsche Tert im ersten Band der „Gesammelten Schriften" (Berlin 1875) veröffentlicht ist. Ans den entlegensten Quellen und formvollendet ist der Stoff bis dahin ergiebig erschöpft. „Z u r p a l ü st i n i s ch e n G e o - g ra pH i e, a u s jüdischen Cite ll e n" (1840, 39 Seiten), im II. Band der „Gesammelten Schriften" (1876); hier hebt Zunz hervor gegen anderseitig geringschätzig behandelte jüdische Geographen, daß die ältesten und wichtigsten Quellen für die Palästinische Ortskunde unbestritten die Schriften der Inden sind. Und dann all die kleineren Aufsätze aus verschiedenen Zeitschriften, welche in den „Schriften" (1875/76) gesammelt sind und auf diese Weise der Vergessenheit nicht anheimfallen. „Wenn Zunz die Kunde über einen Gegenstand aus den Quellen hervorholt, da bleibt selten etwas nachzutragen übrig, und er hat gar vieles in das Bereich seiner Studien gezogen, Bibelexegese und Sprachforschung, Talmudisches und Bibliographisches, Geographie und Spruchweisheit, Numismatik und Ritualien, mittelalterliche Literatur und neuzeitliche Entwicklung."^) Die große Erhebung Deutschlands regt den alten Gelehrten an, 1872 die „Deutschen B rief e" für die Reinheit der deutschen Muttersprache und des deutschen Geistes zu plädieren. In diesem Jahre bringt er noch voller Pietät ein Schriftchen heraus: „M o n a t s t a g e d e s K a l e n d e r j a h r e s", ein Andenken an Dahingeschiedene. Seine letzte scharfsinnige und freimütige Arbeit: „B i b e l k r i t i s ch e s" in sieben Abschnitten, schrieb er 1874, wovon fünf Abschnitte in der „Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft" erschienen waren; das Ganze dann in den „Gesammelten Schriften" Band I (S. 217 bis 270). Am Schlüsse des Abschnittes „Ergebnisse" prägt Zunz ein großes schönes Wert, das den großen Geistern die Berechtigung gibt, Kritik zu üben: „Solange Dichter und Priester für Wirkungen arbeiten, dürfen Historiker und Philosophen nicht ermüden, die Ursachen zu erforschen." & Anläßlich seines 70. Geburtstages, am 10. August 1864, hat der stille Kreis seiner Verehrer, durch Initiative seines vertrauten Freundes Sanitätsrat Dr. Salvmon Neumann, ein Dankmib Ehrenzeieben dm Z u n z - S t i f t u n g errichtet, dem Jubilar jederzeit Dank zu zollen und in seinem Sinne allezeit die Wissenschaft des Judentums zu fördern. Zum achtzigsten Geburtstage, 10. August 1874, erfreute ihn das Kuratorium der Zunz-Stistung mit dem dankeswerten Beschluß, seine G e s a nt m e l t e n S cki r i s t e u beransgeaeben. Seine Grilndbücher der jüdischen Wissenschaft konnten in die Sammlung nicht ausgenommen werden, „sie gleichen mächtigen Bauwerken, die der Brandung der Zeit widersteben, lurb bedürfen nicht der Sammlung", kleinere Abhandlungen aber, die nicht weniger wichtig sind, hat Zunz in reicher Fülle geleistet und die werden gerettet, wenn sie nach langer Zeit gesammelt werden. Um diese Zeit, am 18. August, verschied seine treue Lebensgefährtin Adelheid Zunz, welche in 52jähriger, kinderloser Ehe die treueste Freundin und Stütze des geistreichen Mannes war, die Beraterin seiner wissenschaftlichen Pläne *mtb Begleiterin seiner Forschungsreisen: das Lebensglück, die Freude und Arbeitslust des vereinsamt zurückbleibenden Gatten war dahin. Die Herausgabe seiner Gesammelten Schriften in 3 Bänden (Berlin 1875/76, 960 Seiten), m der noch der Altmeister die Materialien und seine Durchsicht zusagte, erforderte sein reges Interesse. Mit dem Abschluß dieser Sammlung ließ er die Feder ans seiner Hand sinken und schwieg seither. Der Geist war hell, das Wort noch lebhaft, der Witz - sein Wesenszug - noch treffend wie vordem, aber die Schaffenslust, von einer unstillbaren Trauer umfangen, war gelähmt. Selbst die seltene Jubelfeier seines 90. Geburtstages am 10. August 1884 vermochte.nicht die Trauer seiner Seele zu verscheuchen. Ein auserlesener Kreis von treuen Freunden aus nah und fern brachte an diesem Tage begeisterte Zeichen der Dankbarkeit und Huldigung dem genialen Nestor der jüdischen Wissenschaft. Allen voran, seine Schöpfung selber, die reich erblühte Wissenschaft des Judentums, 'war durch die vom Kuratorium der Zunz-Stiftung heransgegebene „I u b e l - 1 ch r i f t" huldigend vor ihm erschienen. Vertreter dieser Disziplin aus den verschiedensten Ländern hatten sich hier mit ihren Beiträgen zu einem Zoll der Verehrung tlnd Bewunderung zusammengefünden. In seinem stillen Heim, in der Auguststraße 60, fand an jenem Festtage eine imposante Gratnlationsconr vieler jüdischer und wissenschaftlicher -l) Dr. N. Brüll, „Jahrbücher für jüdische Geschichte und Literatur" (1879), S. 92.

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