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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-19 · Heft 51 (19.12.1919) · p. Seite 582

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 51 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
Seite 582 (sequence 6)
Language
German
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gewiß die erste Ausgabe eines altrabbinischen Textes dar, welche unter Heranziehung aller Hilfsmittel streng nach den Gesetzen der Wissenschaft erfolgt ist, und es spiegelt sich in ihr das ganze Wesen des Mannes wider, der in sich eine wundervolle Synthese von altjüdischer Gelehrsamkeit und Bescheidenheit und deutscher Genauigkeit und Gründlichkeit darstellt. Theodor ist ein Kind des fernen Ostpreußen. In Schmalleningken, im Regierungsbezirk Gumbinnen, ist er am 28. Dezember 1849 geboren. Die Schule besuchte er zuerst in Königsberg, und zwar das Friedrichs-Kollegium. Die' Reifeprüfung bestand er am Elisabeth-Gymnasium in Breslau, wohin er sich zum Studium der jüdischen Theologie begeben hatte. In Königsberg wieder Promovierte er im Januar 1876 mit einer Dissertation über den „U n e n d l i ch k e i t s b e g r i f f bei Kant und Aristoteles". Inzwischen hatte er am Breslauer Seminar unter Frankl, Grätz, Lazarus, Freudenthal, Rofin und Zuckermann eifrig theologischen Studien obgelegen, und im Jahre 1878 wurde er als Rabblner entlassen. Nachdem er einige Zeit zweiter Rabbiner m Bromberg gewesen war, wurde er 1885 nach. Berent in Westpreußen und 18881 nach Bojano w o berufen, wo er nunmehr 31 Jahre still und bis in die letzten Tage hinein glücklich und zufrieden gelebt hat. Die Harmonie eines wundervollen Familienlebens war ihm beschieden. Unter seiner und seiner vortrefflichen Gattin Leitung wuchsen drei Söhne zu tüchtigen Menschen heran. In der Stille der kleinen Stadt widmete er sich mit aller Kraft seinen wissenschaftlichen Studien, machte Studienreisen nach London, nach Oxford, Paris urxb Rom, die ihm immer wieder die reichen Anregungen zur Arbeit gaben, bis der Krieg ausbrach und auch in das freundliche Haus von Bojanowo die Unruhe und das Unglück trug. Sein einer Sohn, ein hochbegabter Jurist, ein vortrefflicher Mensch, der als Rechtsanwalt in Posen Ansehen und Ruf genoß, stand als Leutnant der Artillerie im Felde und wurde kurz vor dem Ausgang des Krieges am 22. Oktober 1918 von tückischer Krankheit im Felde vom Kriege als Opfer verschlungen. Möge der greise Vater seinen Trost im Unglück in dem finden, worin unsere Alten ihn allein suchten: in der aufopfernden und selbstlosen Arbeit. Sein Lebenswerk ist nicht vollendet. Der Krieg zerstörte die Verbindungen mit dem feindlichen Ausland. Handschriften konnten nicht mehr verglichen werden, und so mußte Theodor seine Arbeit unterbrechen. Bereschit Rabba harrt der Vollendung. Schon früher hatte Theodor viel über den Midrasch geschrieben. In der „Monatsschrift" von 1879 bis 1881 findet sich eine Untersuchung über die für den Midrasch so wichtigen P r o ö m i e n, und an diese grundlegende Arbeit haben dann die Späteren, insbesondere Bloch, M a y b a u m und Bacher, bei ihren Forschungen angeknüpft. In diesen Jahrgängen schrieb er bereits über den Midrasch Schir Haschirim und seine Quellen aus Wajikra Rabba. 1880 und 1885 folgen Arbeiten über Wünsch es Midraschübersetzung und Bubers Ausgabe des Tanchuma, 1885 bis 1888 über die äußerst wichtige Frage des dreijährigen palästinensischen Zyklus in den Vorlesungen aus dem Pentateuch. 1900 schrieb er über Friedmanns Ausgabe des Seder elijahu, 1893 bis 1895 über den Midrasch Bereschit Rabba, insbesondere über dis Londoner Handschrift und ihre weitgehende Uebereinstimmung mit dem Aruch. Diese Abhandlung darf wohl als die Einleitung gelten zu seiner großen, bereits erwähnten Ausgabe des Bereschit Rabba mit kritischem Apparat und Kommentar, von der bis jetzt Lieferung I bis IX, 1 erschienen ist. Kleinere Arbeiten, auch in hebräischer Sprache, hat Theodor in den Festschriften für Levy, Guttmann und Schwarz beigesteuert, und schließlich hat er auch in der Jewish Enchklopaedia die Artikel über den Midrasch geliefert, welche in diesem gewiß ungleichmäßigen Werke mit als die wertvollsten bezeichnet werden. Von allen Seiten ist Theodors Bereschit Rabba als ein in jeder Beziehung hervorragendes Werk jüdischer Gelehrsamkeit bezeichnet worden. Wie sehr es Anerkennung findet, kann man daraus ersehen, daß Löw und Bacher selbst die letzte Korrektur gelesen haben. Ebensolche Zustimmung findet auch der von Theodor verfaßte Kommentar. Wie seine Ausgabe selber nicht eine mechanische Arbeit ist, sondern wie sie wissenschaftlich die Struktur des Midrasch in vollendeter Klarheit zeigt, so ist auch der Kommentar eine wissenschaftliche Leistung. Nicht geistreichelnde moderne Erklärung enthält er, sondern er erläutert den Midrasch durch den Midrasch selber und gibt eine unendliche Fülle von Material auch für die spätere Herausgabe jüngerer Teile des Midrasch. Der Kommentar ist ganz das Abbild seines Verfassers. Zurückhaltende Bescheidenheit leuchtet aus ihm ebenso hervor wie gründliche Gelehrsamkeit. 70 Jahre wird nun Theodor am 28. Dezember. Sein Werk ist noch nicht vollendet. Nicht an ihm hat es gelegen, und nicht nur der Krieg war es, der biC Arbeit verzögert hat. . Gewiß von jüdischen Gesellschaften hochherzig unterstützt, hat der Verfasser doch seine große Midraschausgabe auf eigene Kosten herausgeben müssen und ist darauf angewiesen, daß nun das Werk auch vom Publikum gekauft wird. - Eine mühselige und beschämende Arbeit für einen Mann, dessen Interessen so rein aus das Ideale und Wissenschaftliche gerichtet sind! Heute möchte man fast sagen, daß die weitere Herausgabe, die jetzt nach dem Kriege sachlich möglich geworden ist, gefährdet erscheint, wenn nicht weitere Kreise ein wenig Interesse beweisen und das Erscheinen, das ja bei den horrend gestiegenen Preisen für Papier und Druck immer schwieriger wird, unterstützen. Möge diese Mahnung nicht ungehört verhallen, und möge dem bescheidenen stillen Gelehrten in Bojanowo wenigstens die Sorge genommen werden, sich um die materielle Seite seines Werkes zu kümmern. Wer Theodor kennt, wer die Freude gehabt hat, in näherem Umgang nicht nur seine Gelehrsamkeit, sondern auch feine schöne Persönlichkeit, seinen früher so goldenen und erquickenden Humor, feine Aufrichtigkeit und Freundschaft kennenzulernen, wird ganz gewiß diesem j Manne wünschen, daß er die Krönung seines Lebenswerkes i durch die Herausgabe des letzten Heftes bald erlebt. Sein | Bild wäre nicht vollständig, wenn nicht seine religiöse Stellung i noch zum Schluß stark hervorgehoben würde. Aus streng- | gläubiger Familie stammend, ist er sein ganzes Leben lang strenggläubig geblieben, in seiner Person und in seinem Rabbiner Dr. I. Theodor (Bojanowo).

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