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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-19 · Heft 51 (19.12.1919) · p. Seite 581

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 51 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
Seite 581 (sequence 5)
Language
German
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581 Die Ukraine sowie große Teile der Krim befinden sich unter der Herrschaft Denikins, und von den Gebieten des früheren An siedlnngsrahons find nur die größeren Gouvernements Witebsk und Mohilew unter der Sowjetherrschaft geblieben. Die Zahl der Juden int Wolgagebiet ist durch den Rücktransport der Flüchtlinge stark gesunken. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung in Moskau beträgt etwa 50 000 Seelen; hinzugerechnet die jüdische Bevölkerung in Petersburg (zirka 50 000 Seelen) sowie Sibirien, Baikalgebiet und die Teile der Krim, die noch unter der Sowjetherrschgft sind, dürfte sich die Gesamtzahl der Juden in Sowjetrußland auf etwa 750 000 Seelen stellen. Trotz der geringen Anzahl der Juden ist der Antisemitislinls stark verbreitet. Dank den energischen Maßnahmen der Sowjetregierlmg im Kampfe gegen den Antisemitismus ist es aber bisher, abgesehen von vereinzelten Fällen, zu kernen ernsteren Allsschreitlmgen gekommen. Insbesondere sind es die Beamten des alten Regimes — die heute noch in zahlreichen Behörden sitzen —, die das Gift des Judenhasses verbreiten. Aber auch gegen diese werden ernste Schritte unternommen, sobald sie ihre Gesinnung öffentlich kundgeben. Die Gerichte des Revolutionstribunal beschäftigen sich fast täglich mit Prozessen. Der Antisemitismus wird von der Svwjetvegiernng als die gefährlichste konterrevolutionäre Bewegung erklärt und de in gemäß aufs schärfste unterdrückt. Viel schlimmer steht es mit der antisemitischen Welle innerhalb der Roten Armee, die zuweilen bedrohliche Formen annimmt. Die judenfeindliche Haltung vieler Truppenteile wird insbesondere in den von den Juden dicht bewohnten Gebieten der Gouvernements Mohilew und Witebsk zil einer großen Gefahr. In diesen Gouvernements sind Fälle zil verzeichnen, wo Truppenteile, die zuui Schlitz der jüdischen Bevölkerllng in kleilie Städtchen entsandt wurden, in denen bewaffnete Bauernschareli Pogrome veranstalteten, heftigsten Unwillen bekundeten, daß mau sie für solche Zwecke „mißbrauche". An mehreren Stellen nahmen solche Truppenteile an den Pogromen selbst teil. In solchen Fällen bestrasten ' die Militärbehörden jedoch die Verbrecher, Zivilisten wie Soldaten, mit sofortiger Erschießung. Im Gegensatz zu der Ukraine, ivo ganze Note-Arm-ee-Regimenter sich der blutigsten Judenexzesse schuldig gemacht haben, sind in Sowjetrußland solche Fälle so gut wie gar nicht zu verzeichnen geivesen. Die ersten Pogromfälle in Sowjetrußland ereigneten sich im Monat März 1919 in Borissow (Gouvernement Minsk). Unter der Losung „Tötet die Juden, rettet Rußland" übersielen vewilderte Banden den Markt und die anliegenden Straßen und begannen zu rauben und zu plündern. Mehrere Juden wurden tödlich verletzt. Aiii 18. März wurden einige der Hetzer und Verbrecher vom Feldgericht zum Tode verurteilt. Späterhin brach ein Pogrom in Hömel aus, der von unbekannten Personen unter der Maske der Vertreibung der Sowjetmacht veranstaltet wurde. An der „Meuterei" nahmen zahlreiche Soldaten sowie das Bahnpersonal teil. Viele Kommissare, darunter auch Inden, wurden erschlagen. Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung, namentlich die ärmere Klasse, wurde ansgeplündert. Todesopfer hatte die jüdische Bevölkerung aber nicht zu beklagen, da inzwischen mehrere Abteilungen der Roten Armee herbeigeeilt waren itnb der Meuterei ein schnelles und blutiges Ende machten. Schlimmere Folgen hatten die Ende März ansgebrochenen Pogrome im Gouvernement Mohilew. Ganz unhaltbar ist die ökonomische Lage der Juden in Sowjetrußland. Abgesehen von den zahlreichen Verboten, Privathandel zu treiben, sind es die großen Verkehrsschwierigkeiten, die eine Betätigung auf dem Gebiete des Handels und der Industrie fast unmöglich machen. Die Lage der jüdischen Handwerker und Arbeiter wäre erträglich, wenn nicht der Mangel an Rohstoffen und Arbeitsmateriat eine ungeheure Arbeitslosigkeit hervorgerufen hätte. Um so bewunderungswürdiger ist die starke Betätigung des russischen Judentums auf geistigen Gebieten. Der Kampf um die Erhaltung des jüdischen Lebens, der religiösen Einrichtungen, der Schulen, der hebräischen. Sprache und« insbesond-ere der sozial-phtlanthroptschen Institutionen wird ein- Ruhmesblatt in der Geschichte des russischen Judentums bleiben. Aus den früheren Berichten war bereits zu ersehen, welch schweres Unheil die sogenannten „Jüdischen Kommissare" dem russischen Judentum Allfügen. Sie sind geradezu als die schlimmsten Feinde des Judentums zu bezeichnen. Aus Mangel an einer anderen Tätigkeit und aus dem Bestreben heraus, sich unt den Kampf gegen die „jüdische Konterrevolution" verdient zu machen, quälen sie die jüdischen Genreinden und jüdischen Institutionen mit den unsinnigsten „Dekreten", mit Verhaftungen, Haussuchungen', Konfiskationen usw., die zur völligen Zerstörung der Gemeinden und Anstalten führen. Am schwersten hat hierunter die Zionistische Organisation zu leiden. Glücklicherweise haben die „Jüdischen Kommissare", die mit den verwerflichsten Mitteln arbeiten, in Moskau und Petrograd, den Sitzen der zentralen Behörden, keinen Einfluß. In der Provinz dagegen sind sie oft allmächtig. Wie diese Elemente in der Ukraine vor der Vertreibung der Bolschewik! gehaust haben, ist zum Teil schon bekannt geworden. Der zukünftige jüdische Historiker wird sich mit diesen trüben Erscheinungen der jüdischen Geschichte noch zu beschäftigen haben. # Eine grandiose Protest- und Trauerdemonstration in New Uork. K. f. d. 0. Am 24. November hat in New Pork eine grandiose Trauer- und Protestkundgebung gegen die Abschlachtungen der Juden in der Ukraine und anderen osteuropäischen Ländern statt gesundem An dieser Kundgebung haben sich einige hunderttausend Menschen beteiligt. Alle jüdischen Geschäfte sind geschlossen worden, auch wurde in den jüdischen Werkstätten und Fabriken nicht gearbeitet. Fast die gesamte jüdische Bevölkerung war mit schwarzen Trauerbändern angetan. lieber allen jüdischen Geschäften sind große schwarze Fahnen mit entsprechenden Allsschriften aus gehängt worden. Die jüdischen Blätter sind mit schwarzen Rändern erschienen. Besonders starken Eindruck hat die Prozession von jüdischen Soldaten aus der amerikanischen Armee gemacht, loelche in einer Zahl von etwa 10 000 Mann an der Spitze der Menge marschierten. Eine besondere Gruppe haben die früheren jüdischen Legionäre gebildet. Allster den Meetings, welche an einzelnen Sa mmelp linkten ab geh alten wl irden, hat in der Carnegie-Hall eine riesige Protestversammlung unter dem Vorsitz des Obersten Kattler stattgeslmden. Mit Reden, die die Anwesenden zll Tränell gerührt haben, sind der Staatssekretär Daniels, Kardinal Lowell, Leutnant Wacker, das Hall.pt der Stadtverwältlmg, Hhlan. der jüdische Philanthrop Jakob Schiss, der Vizepräsident der Zionistischen Organisation Rabbiner Weiß und andere allsgetreten. Zlwr Schluß ist eine entsprechende Resolution angenommen lind beschlossen worden, eine Spezialdeputation zum Präsidenten Wilson zu senden mit der Bitte, den Juden in der Ukraine und anderen osteuropäischen Ländern zu Hilfe zil kommen. Die Demonstration hat einen ungeheuren Eindruck auf die Juden von Amerika wie ans die christliche Bevölkerllng gemacht. Aehnliche Demonstrationen haben in allen größeren Städten der Vereinigten Staaten stattgeslmden. Dr. J. Theodor (Lojanowo). s ist für das moderne Judentum sehr bedauerlich, daß es nicht große Forschungsinstitute gibt, an denen jüdische Gelehrte, befreit von den Sorgen um das tägliche Brot, ihre ganze Kraft in den Dienst der Wissenschaft stellen können. Klein sind die rabbinischen Bildnngsanstalten, und auch sie stellen an die Dozenten derartige praktische Ansprüche, daß die wissenschaftliche Arbeit, welche von einzelnen von ihnen in Deutschland geleistet wird, noch unverhältnismäßig groß erscheint. Die jüdische Wissenschaft ist ganz auf die Rabbiner angewiesen, auf Männer, die im praktischen Amte stehen, deren Zeit durch die vielfachen Aufgaben des Gemeindelebens und des Unterrichts voll in Anspruch genommen ist, und nur wenige sind es darum im lebenden Geschlechte, die sich den Ruhm eines wahrhaften Gelehrten haben erwerben können. Zu diesen wenigen gehört aber ganz gewiß I. Theodor in Bojanowo, der am 28. Dezember dieses Jahres seinen 70. Geburtstag feiert. Ein der Wissenschaft freundliches Geschick wollte, daß sein Amt in einer kleinen, Stadt ihm die Muße ließ, seine ganze Kraft in den Dienst der jüdischen Literatur zu stellen und so etwas zu schaffen, was ihn bestimmt auf den Rainen des großen Gelehrten Anspruch erheben läßt. Sein Hauptgebiet ist die M i d r a s ch f o r s ch u n g, und seine Werke sind fast alle diesem Gegenstand gewidmet. Sein Meisterwerk ist seine Ausgabe des Midrasch B e r e s ch i t R,abba, eine Arbeit, die von der gesamten Fachkritik außerordentlich günstig beurteilt worden ist. Stellt sie doch ganz

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