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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-19 · Heft 51 (19.12.1919) · p. Seite 579

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 51 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
Seite 579 (sequence 3)
Language
German
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o7Ö ix. reitet haben. . Die Wiener. Demonstration hat uns ja schon die Lehre gegeben: sofort haben die Ententemächte ihre scharfe Mißbilligung zu erkennen gegeben und der Wiener Regierung die Pflicht auferlegt, dafür zu sorgen/ daß solche Vorgänge sich nicht wiederholen. Wenn so etwas bei uns Tatsache würde, würde die Entente sofort dagegen Einspruch erheben, wir aber würden darauf verzichten müssen, die Unterstützung aller derer zu erfahren, die im Auslande sich noch ein sittliches Empfinden bewahrt haben." Wenn, die „Deutsche Tageszeitung" sagt: „Herr Gothein, der ein bekanntes Mitglied der all jüdischen Bewegung ist", so kann ich demgegenüber nur betonen, daß nur von dieser „alljüdischen Bewegung" nicht das geringste bekannt ist und daß ich als Ehrist, Sohn christlicher Eltern, den Vorsitz im V. z. A. d. A. nur deshalb übernommen habe, um einer Bewegung entgegenzutreten, die Kaiser Friedrich einst die „Schmach des Jahrhunderts" genannt hat, die ich selbst für eine tiefunsittlrche halte, und die unser Ansehen im Auslande herabwürdigen muß. Von einer Herrschaft des Judentums in Deutschland ist nur nichts bekannt, jedenfalls, würde ich der letzte sein, der sie stützen würde. Ich stehe auch gar nicht an, die politische Betätigung mancher Inden m Deutschland zu -mißbilligen, und habe daraus in meinem von der „Deutschen Tageszeitung" bemängelten Vortrage nicht das geringste Hehl gemacht. Irgendeine Verbindung mit ausländischen Juden für die Zwecke einer alljüdischen Bewegung habe ich nie gehabt und nie erstrebt. Für mich handelt -es sich lediglich darum, die Verfassung, nach welcher alle Staatsbürger ohne Unterschied der Religion gleichberechtigt sein sollen, aus einem beschriebenen Blatt Papier zur Wahrheit zu wachen, das ungeheure Unrecht, das unseren deutschen Mitbürgern jüdischen Glaubens durch lange Jahrhunderte angetan ist und das ein schwarzes Blatt in der deutschen Geschichte darstellt, zu beseitigen. Das ist für mich eine Ehrensache. Rein ehrenamtlich führe ich den Vorsitz nn V. z. A. d. A., bringe ihm Opfer an Zeit und Mühe, und wenn Graf Reventlow in die Gosse greift und mir unterstellt, als ob es für mich irgend etwas zu „handeln" gebe, so steht nach 28jährig,er parlanijentarischer Betätigung das Ansehen meiner Uneigennützigkeit für jeden, der mit mir zusammen in politischen Körperschaften gesessen hat, so unzweifelhaft fest, daß solcher Schmutz nicht an meine Stiefelspitzen reicht. Das' Urteil über die Kampfeslveise des Grafen Ernst Reventlow kann ich getrost jedem ehrlich Denkenden überlassen Georg Gothein, M. d. N. * Kultusminister Haenisch gegen die Antisemitenhetze. In der Preußischen Landesversammlung vom 12. d. M. hielt Kultusminister Haenisch eine ausführliche Rede zu seinem Etat, .in der er sich besonders scharf gegen die antisemitische Verhetzung wandte, die namentlich an den höheren Schulen geübt wird. Er legte dar, daß es wohl Gegensätze zwischen Germanen und Juden gäbe, daß aber beide doch in wertvoller Weise voneinander lernen können. Wenn die deutschen Führer ihrem Unmut gegen die Juden dadurch Ausdruck gegeben hätten, daß eine große Anzahl von ihnen über einzelne von ihnen herfiel, so entspräche das nicht dem germanischen Ehrgefühl. Die Germanen unter den Schülern müssen doch Gerechtigkeit an den Tag legen und in ehrlichen Wettbewerb mit ihren jüdischen Mitschülern treten und ihnen .zeigen, daß sie ebensoviel oder Besseres vermögen. Geistige Kämpfe sollen nur mit geistigen Mitteln ausgetrayen werden. „Ich bin als Kültusminister eine Zwangsehe 'eingegangen, nm dem Vaterlande in seiner Not zu dienen, und ich richte an alle Parteien und Richtungen die dringende Bitte, das Vaterland höher zu stellen als die Partei." * Ein Ministerialerlatz über die eingewanverten Ostjnden. Der. Mini st er desJnnern hat unter dem 1. November einen Erlaß gegen die Einwanderung aus dem Osten herausgegeben, der auch die ostjüdische Einwanderung behandelt. Nach allgemeinen Ausführungen über die möglichste Einschränkung der Einwanderung heißt es: „Zurzeit'und bis auf weiteres verbietet es sich aus. Gründen der Menschlichkeit, die im Lande bereits befindlichen Ostjnden, selbst wenn sie unter Umgehung der Grenzsperre und ohne im Besitze der vorgeschriebenen Legitimationspapiere und der Einreiseerlaubnis eingewandert sind, zwangsweise in ihre Heimat zurückzuweisen, weil sie dort nach Lage der Verhältnisse vielfach unmittelbaren Gefahren für Leib und Leben ausgesetzt wären. Voraussetzung der Duldung ist in jedem Falle der Nachweis eines Unterkommens und einer nutzbringenden Beschäftigung. Fehlt eine dieser Voraussetzungen, so ist die Ausweisung grundsätzlich gerechtfertigt. Zur Vermeidung von Härten soll jedoch dann von ihr abgesehen werden, wenn eine der anerkannten jüdischen Hilfsorganisationen die Fürsorge für den Betreffenden derart übernimmt, daß er der öffentlichen Armenpflege oder der Erwerbslosenfürsorge nicht zur Last fällt. Vor jeder Ausloeisungsversügung und in Aussicht genommener Zwangsabschiebung ist der jüdischen Fürsorgeorganisation Gelegenheit zu geben, die Interessen des Betroffenen wahrzunehmen. Soll die Ausweisung wegen Arbeitslosigkeit erfolgen, so ist sie erst dann statthast, wenn der jüdischen Fürsorgeorganisation eine angemessene Frist zur Beschaffung von Arbeit für den Beteiligten gesetzt worden und diese Frist fruchtlos verstrichen ist. Alle Personen, die im Widerspruch zu diesen Vorschriften sestgenommen worden sind, sind in Freiheit zu setzen; Ausweisungen, die bereits verfügt sind, dürfen nur ausgeführt werden, wenn die Ausweisung nach den vorstehenden Grundsätzen zulässig ist. Die im allgemeinen Interesse wünschenswerte schnelle Unterbringung beschäftigungsloser jüdischer Arbeiter in geeignete Arbeitsstellen ist dadurch erschwert worden, daß es nach den bestehenden allgemeinen Verordnungen zu ihrer Beschäftigung der jedesmaligen Genehmigung des Regierungspräsidenten, bei landwirtschaftlichen Arbeitern Landrats bedarf.. . . Zur Vermeidung der oben erwähnten Schwierigkeiten wird deshalb bestimmt, daß bei solchen ostjüdischen Arbeitern, deren Einstellung durch Vermittlung einer der genannten Hilfsorganisationen erfolgt, die besondere Genehmigungspslicht fortfällt,.sofern in den betresfenden Betrieben im ganzen nicht mehr als zehn ausländische Arbeiter beschäftigt werden. Jedoch ist die Einstellung von der vermittelnden Hilfsorganisation alsbald dem Regierungspräsidenten bzw. dem Landrat anzuzeigen. *. Die Wohnungsnot und die Ostjnden. Der Verband der Ostjuden schreibt uns: In jüngster Zeit wird dieses Thema in der Presse?, in städtischen und staatlichen Parlamenten und in den Reihen -ernster Politiker vielfach erörtert. Viele merken kaum, daß dahinter sich eine ausge,prochen judenseindliche Tendenz versteckt. Ueberall zeigt es sich, öasz man nicht die Fremden, sondern die Ostjnden meint. Es wirkt beschämend, daß in vielen öffentlichen Versammlungen und Stadtvertretungen Beschlüsse gefaßt werden, die Nationalversammlung zu ersuchen, ein Gesetz zur Verschärfung der Ostgrenze vorzulegen und Maßnahmen zu schaffen, um die Fremden unter eine besondere Kontrolle zu stellen und ihre Anmeldung zu erschweren. Dabei ist die Grenze des Ostens seit Monaten bereits gesperrt und die Einwanderung schon heute bereits sehr schwierig. Die Wohnungsnot muß dabei herha-lten, um den antisemiti-schen 'Geist dieser Bestrebungen zu verhüllen. Der Verband der Ostjuden in Deutschland, der ins Leben getreten ist, um die wirtschaftlichen,, kulturellen, sozialen und moralischen Interessen der in Deutschland lebenden Ostjuden wahrzunehmen, hält es für seine Pflicht, die Oesfentlichkeit über die wahre Sachlage nuszuklären. Zunächst ist die in letzter Zeit häufig genannte Zahl von 70 000 fremden Juden in Berlin ungeheuerlich übertrieben. Wir glauben gut orientiert zu sein, und wir schätzen die Zahl der seit April eingewanderten Ostjuden in Berlin auf höchstens 7000 bis 8000 ein. Die meisten von ihnen sind Arbeiter, die sich bis zum Beginn des Krieges redlich in ihrer Heimat ernährt haben. Sie kommen hierher, mit Arbeit zu suchen, und unsere Organisation ist bemüht,, die meisten nach den westlichen Industriegebieten zu befördern, um ihnen dort Arbeitsgelegeuheit zu verschaffen. Viele von ihnen hat die Furcht vor Pogromen hierher geführt und viele suchen vor dem russischen Bolschewismus Zuflucht in Deutschland. Vielfach sind sie direkte Opfer ihrer deutschfreundlichen Gesinnung und werden von den Polen wegen dieser Gesinnung in ihrer Heimat verfolgt. Die Bezeichnung „lästige Ausländer" paßt auf diese Leute schon gar nicht, denn sie fallen weder der Qefsentlichkeit noch den Behörden, noch öffentlichen Armenkassen zur Last. Sie wenden sich ausschließlich nur an die jüdischen Organisationen, die ihnen nach Kräften zu helfen bestrebt sind. Diese Leute finden zumeist Unterkunft bei Verwandten oder sonst ihnen nahestehenden Personen, in Räumen, die

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