Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1919)
- Date
- 1919-12-19
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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herausgearbeitet. Juda, der Hammer und Sänger seines Gottes, der- Leier und Schwert in der Hand hielt, in dem sich Kraft und Frömmigkeit. Heldenfinn und Heiligkeit vereinten, er sammelte seine Scharen jit Gebet und Kampf, zur Einkehr und A'bwehr! Selbstbesinnung und Selbstprüfung — Lazarus nannte uns Juden einmal das klassische Bvlk der Selbstkritik — und damit vereint rückhaltlose Beseitigung und unbarmherzige Abstellung aller Schwächen und Schäden, dann aber auch beherzte und zielbewußte Frontstellung und tapfere und mutige Zurückweisung aller Angriffe gegen unsere jüdische Ehre. Chanuka bedeutet Tempelweihe: auch nach all diesen gewaltigen Kämpfen soll der Tempel der Menschlichkeit und Bruderliebe von neuem geweiht werden, und wie einst Jeremia aus den Trümmern des zerstörten Heiligtums nach der sinnigen Sage eine herrliche Vision erlebte, er sah den Helden Juda die Tempelweihe Vollziehern so sehen wir über den Zusammenbruch und Zusammensturz so vieler Werte einen heiligen Neubau sich erheben, den Gottesdom einer in Freiheit und Freundschaft geeinten Menschheit, die Erfüllung des Gebetwortes vom Völkerbund >vcheo88n kullom aggnddo achas, sie sollen sich alle zusammenschließeu zu einem Vereine, und dann tönt's durch unsere Reihen mit den Klängen unserer Ehanukahymne: „Dann vollende ich mit Jubelsang die Weihe des Altares!" Vir Woche. B e r l i n , 15. Dezember. ie deutschnatlonale-antisemitische Preßmeute wird nicht müde, die Schuld an unseren heutigen bekannten Zuständen neben der Revolution den bösen Juden in die Schuhe zu schieben. Daß es sich bei ihrem skandalösen Treiben aber um ein unehrliches Klopfflechtertum handelt, dafür erstehen Kronzeugen aus dem eigenen Lager der Deutschnationalen Volkspartei, die objektiver die jetzigen Zeitverhältnisse beleuchten und zu einem wesentlich anderen Ergebnis kommen. Beispielsweise hat der greise Graf Posadowsky, der stets als vornehmer Politiker gegolten hat, kürzlich in der „Post" folgenden bemerkenswerten Ausspruch getan: „Es wäre eine Uevertreibung, zu behaupten, das; alt das politische, wirtschaftliche und sittliche Elend, unter dem unser Volk leidet, eine Folge der Revolution sei. Tie Ursache hiervon liegt in der seelischen, körperlichen mW sittliche;'. Erschöpfung des Voltes als Folge eines viereinhalbjährigen Krieges, der uns überanstrengt und unsere Widerstandskraft geschwächt hat." Weit schärfer noch schreibt Herr Adam Röder, der bebekannte Herausgeber der „Süddeutschen konservativen Korrespondenz", der schon mehrfach das Demagogentum in der Tentschnationalen Volkspartei gegeißelt hat, gelegentlich eines Artikels „Mehr Nüchternheit" jenen Herrschaften folgende Mahnung ins Stammbuch: „Was nur heute an Agitationen erleben, ist furchtbar. Agitation, nichts als Agitation, schmutzigstes Parteiinteresse überall, hüben wie drüben-, bei den sogenannten Anhängern des alten Regimes nicht weniger wie bet den Verteidigern des „neuen". Nirgends eine Erkenntnis der furchtbaren Lage, in der wir uns befinden: nirgends der Gedanke der Versöhnung, der Sachlichkeit. ein Wille zmn Mitarbeiten und Aufbau; nirgends ein Einschränten des Luxus, eine Eindämmung des Manmwmsinns und der Prvfitsncht, nirgends ein Sichbesinnen ans christliche Frömurigkei-t, ans Reinheit und Lauterkeit des Handelns, überall nur Geschrei, wüste Agitation für ökonomische und Parteiprosite. Die ganze politische Lage wird immer nur wieder unter dem Gesichtspunkte betrachtet, wie schlagen wir für die Partei etwas heraus: wüster als je ist unser Volk von Parteihaß und Klassenhaß dnrchwühlt; der öffentliche Gott ist der Parteifunktionär. Und wie wichtig wäre unser Volk aus das Kommende vorzubereiten. Denn noch stehen wir erst am Anfang unseres Elends. Milliarden werden verschleudert für Luxus, für Schokolade, für entbehrliche Dinge, und damit wird unsere Valuta immer schlechter. Sinnlos wird in den Tag hineingelebt. Verkürzte Arbeitszeit, erhöhte Löhne, Feiertage, Streiks/ andauernd fcbeit wir aus unseren gefüllten Brieftaschen, die „aber immer dünner werden". Und dazu muß natürlich wieder ein Sündenbock her; sind's die Juden nicht, dann ist's der Erzberger. Immer diese kindische lind korrupte Anschauung, als ob einer für das Chaos verantwortlich zu machen sei, als ob einer es bewältigen könne. Ehrlichkeit und politische Anständigkeit gebieten zu sagen, daß die jetzt herrschenden wirtschaftlichen Verhältnisse unabwendbar sind und durch keinerlei Aenderungen der politischen Form des Staatswesens beseitigt werden können. Ob Monarchie oder Republik — ums wir hellte erleben, ist das unausbleibliche Ergebnis einer Weltverheerung an Werten, wie sie noch nie erlebt wurde. Aber eben darum treiben besonnene und ehrliche Männer keine Agitation mit politischen Schlagwörtern, sondern bauen und schaffen mit an der Wiederaufrichtung der Weltwirtschaft. Was wir honte in Berlin an Agitation erfahren, ist kindisch lmd dumm und kann keinen anderen Erfolg haben, als die äußerste revolutionäre Richtung zu stärken." Leider sind so einsichtsvolle Politiker weiße Raben in der Deutschnationalen Volkspartei, und wie Herr Reichsluiuister a. T. Gothmn kürzlich in der Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus treffend bemerkte,, fehlt Männern wie Posadow'skh, Delbrück, Düringer, die ihm persönlich ihre Mißbilligung der antifemitischen Bewegung bezeugt haben, die Kraft, sich gegen ihre eigene Partei durchzusetzen. Die Hergt, Bruhn, Kunze haben die Führung; sie flllden ein für die Deutschuationale Volkspartei einträgliches Geschäft darin, antisemitische Hetze zu betreiben, sei es auch ans Kosten der Wahrheit und Gerechtigkeit. Immerhin aber wird man ihnen obige Bekenntnisse als ein gutes Abwehrunttet entgeaenhalten können. * Eine tolle Verdrehung. Die „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" bringen in der Nummer vom 10. Dezember folgende Zuschrift des Reichsministers a. D. Gothein: Tie „Deutsche Tageszeitung" hat in ihrer Abendausgabe vom -1. v. 1U. ln unerhörter Verdrehung der Worte, die ich in der Generalversanunlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus gesprochen habe, mir unterstellt, daß ich einen Appell an die Ententemächte gerichtet hätte zu einer gewaltsamen Einmischung in die inneren deutschen Verhältnisse zwecks Stützung der Herrschaft des Judentums in Deutschland. In Wirklichkeit habe ich vor antisemitischen Allsschreitllngell gewarnt, da zu befürchten stände, daß andernfalls die Entente, wie sie das anläßlich der Wiener antisemitischen Demonstrationen gegenüber der österreichischen Regierung getan Hütte, sich auch bei uns in unsere inneren Angelegenheiten einmischen lvürde, lvir aber darauf verzichten müßten, die Unterstützung aller derer anzurusen, die im Auslande sich noch ein sittliches Empfinden gegen die Vergewaltigung bewahrt haben. In meinem lin vorbereitet und frei gehaltenen Vorträge habe ich wortgetreu gesagt: „Wir können nur eine Hoffnung haben, diesen Friedensvertrag, diese Vergelvaltigung unseres Volkes in Znknnst abzuwenden: indem lvir im Auslande moralische Eroberungen lnachen, indem wir der Welt klarmachen, daß sie ein Kulturvolk von mehr als 60 Millionen nicht verelenden, nicht verkommen, nicht versklaven lassen darf, wenn sie nicht selbst an ihren Kulturgütern verarmen will. Denn kaum ein Volk hat der Menschheit an Kulturgütern so viel geschenkt als das deutsche: was wäre die Welt, wenn lnan alle diese geistige und kulturelle Tätigkeit der Deutschen aus dem Register der Welt streichen wollte! Und so braucht die Welt auch in Zukunft die kulturelle Betätigung der Deutschen. Wie aber sollen 'wir ihr das klarmachen, wenn nur ans den Kulturstandpunkt der Russen«, der Polen oder der Rumänen herabsinken, loo die Pogrome an der Tagesordnung sind, lvo die jüdischen Mitbürger abgeschlachtet werden, wo aus Neid und Habsucht die antisemitifche Welle «entfesselt wird, die sie verschlingt? Sinken wir wirklich auf diese „Kulturstufe" hinab, so wird das Ausland sagen: das deutsche Volk verdient das Schicksal, das wir ihm