Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1919)
- Date
- 1919-12-12
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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heutige Gottesdienst, der letzte, den ei^ als Rabbiner vor seiner Gemeinde abhalte, unvergeßlich. bleiben. Die 16 Jahre seiner Wirksamkeit in der Gemeinde Umfassen Drei Lernen und Lehren. In der Abschiedsstunde wolle er eine Frage berühren, die er..bisher nych nie behandelt habe: die Unsterblichkeit der Seele. Auch die Thora erläutere diese Frage nicht. Wir sind auf unser Gefühl angewiesen; das beweist, daß in jedem Menschen das Göttliche lebt. Im Lebenskämpfe läutert sich das echte Gold im Feuer, und die Schlacken fallen ab. Wenn unser Leib in Staub zerfällt, so kehrt doch unsere Seele, die unsterbliche und göttliche, zu Gott zurück.. Zum Schluß ermahnte Rabbiner Dr. Dienemann die Gemeinde, treu auszuhalten, was auch immer kommen möge, deutsch zu sein und keinen Anlaß zu öffentlicher Aergernis zu geben. Er erflehte den Segen Gottes für unser Vaterland, unsere Stadt und unsere jüdische Gemeinde im besonderen. Ter 23. Psalm beschloß die schlichte Abschiedsfeier. y. Breslau, 5. Dezember. In der letzten Sitzung der Repräsentantenversammlung wurde beschlossen, allen Beamten der Synagogence m ei n de gleichmäßig eine einmalige Zulage von 1000 Mark zu gewähren. Die Ueberschüsse des Jahres 1918/19 von 33 800 Mark wurden einer Reihe von Wohlsahrtsstellen und Vereinen überwiesen. Mit der Wahl einer Kommission zur Borbereitung der Nabbinerwahl (für die Nachfolgerschaft des Rabbiners Pro>f. Dr. G u t t - m n n n) erklärte inan sich einverstanden. Die Kosten der Beisetzungsfeier für Rabbiner Prof. Tr. Guttmann mit insgesamt 3542,32 Mark wurden bewilligt und ebenso das Witwengeld für dessen Gattin. Zugestimmt wurde einem Anträge des Gemeindevorstehers, dem Gemeinderabbiner Dr. Rosenthal für den Verzicht auf das Recht zur ausschließlichen Mitwirkung bei Drau ringen und Beerdigungen eine Entschädigung von jährlich 3000 Mark zu -gewähren. Schließlich wurde noch in geheianer Sitzung ein Antrag des Gemeindevorstandes über die Festsetzung der Rabbinergehälter unter Ablösung der bisherigen Kasualien usw. beraten. er. Dresden, 5. Dezember. D i e jüdischen Jugendvereine in Sachsen haben sich in einer vor kurzem im Roten Saal der Fraternitas-Loge abgehaltenen Tagung zu einem besonderen Landesverband Sachsen im Verbände der jüdischen Jugendvereine in Deutschland zusammengeschlossen. Herr Heinrich Güttin a n n, Vorsitzender des Jüdischen Jugendbundes zu Chemnitz, gab in einem ausführlichen Referat ein Bild der Ziele und Aufgaben des neuen Landesverbandes, dessen Gründung einstimmig beschloffen wurde. Nachmittags hielt der Verbandsvorsitzende, Rechtsanwalt! ..Dr. Alfred Äpfel (Berlin), einen Vortrag über „Die deutschen Juden im ersten Revolutionsjahr". Musikalische Vorträge des Dresdener Synagogenchores unter Leitung des Dirigenten Dr. Fantl schlossen sich an dett Vortrag an. Abends vereinigte eine kleine Feier, zu der der h'esige Jüdische Jugendverein als Gastgeber eingeladen hatte, die Delegierten und Gäste. — Leipzig, 5. Dezember. Hier fand vor kurzem im Zoologischen Garten eine „große" antisemitische Radauversammlung statt, über deren Verlaus das „Leipziger Tageblatt" folgendes mitteilt: In dein vollbesetzten Saale hatten sich'auch etwa 100 bis 150 Juden eingesünden. Sie versuchten zu Beginn eine Geschäftsordnungsdebatte in Fluß zu bringen, wurden aber niedergeschrien und erwiesen sich von vornherein als zu ernstlicher Opposition zu schwach. Der Leiter der.Versammlung wies darauf hin, daß man Vorkehrungen getroffen habe, um Störungen zu verhindern, und von den Galerien und aus dem Saale bewiesen laute Hinausrufe, daß man sehr geneigt sei, dazu feine Hand zu bieten. Selbst der geringste sachliche Zwischenruf entfesselte sofort ein gewaltiges Schreien und Toben, an dem sich besonders die Galerie, die ja außerhalb des Bereichs der aktiven Forderungen säst, lebhaft beteiligte. Als Redner -- der in Aussicht genommene Dr. Dftiter konnte nicht erscheinen — war Dr. Hofmann-. Kutsche (Halle) eingesprimgen. Es war nichts Bedeutendes, was er brachte. Es hätte der immerwährenden Zitierung Theodor Fritsch' nicht bedurft, um seine Quellen erkennen zu lassen. Wer den ^Hammer" einmal auch nur oberflächlich durchblättert hat, hörte alle die Schlagwörter wieder, die er dort gefunden 'hat.' i'-D'en' recht "langem Ausführungen lag etwa folgender Gedankengang zugrunde: Wir Müssen uns endlich losmachen von dem falschen jüdischen Propägandarüf: ex Oriente lux. Wahrscheinlich stammte die erste Kultur nicht! von "Juden, sondern von indogermanischen Stämmen. Die Juden, als die Minderheit, suchen jede Geschlossenheit anderer Völksteile zu verhindern, um Wer die Zersplitterten zu herrschen. Vorzüglich verstehen , sie es immer wieder, einen blinden Hödur zu finden, der das Todesgeschoß nach seinem Götterbrüder''’• SBaibut tmtft. Die Revolution ist der Stern Judas. Der Bolschewismus steht unter jüdischer Führung. Der Kaiser stand unter jüdischem Einflüsse, und weil her Fürst Eülenbürg ihn aufklären wollte, wurde eine Hetze gegen ihn entfesselt (N!). Außerdem sei es eine Gemeinheit, daß' Hindenburg und Ludendorff sich vor einem jüdischen Untersuchungsausschuß „verantworten" mußten. Die Rede klang aus in dem Wunsch, daß dte beiden Heerführer hoffentlich bald wieder die Geschicke des deutschen Volkes in ihre' Hand nehnien würden. Die Opposition verzichtete darauf, gegen diese Ausführungen durch Zwischenrufe anzugehen. Als der Redner ausführte, das deutsche Heer sei nicht zusammengebrochen, sondern von der Heimat aus zermürbt worden, ries jemand: „Durch die Alldeutschen!" Im Augenblick erhob sich heftiges Gebrüll im Saal. Der Hauptschreier aus der Ecke der Galerie, ein reichlich junger Bursche, brüllte: „Schmeiße sie raus, schlagt' die Hunde tot!" Man fiel nrit Stöcken und Fäusten über die Juden im Saale her, und auch die Tatsache, daß Man einem Juden einen zu seiner Verteidigung gezogenen Gummiknüttel abnahm, kann nicht vertuschen, daß der Angriff von der anderen Seite erfolgt ist. - Endlich wurde aus der Mitte der Versammlung folgende Entschließung zür Abstimmung vorgelegt: „Die Versammlung weist die Anmaßung, daß Ew. Exzellenz (Hindenburg) mit Ihrem Kampfgenossen Lüddndorff vor einem mit Juden durchsetzten Ausschuß erscheinen müssen, mit Entrüstung zurück. Sie spricht Ew. Exzellenz und dem General Ludendorff als Deutschlands Pflichtgetreuesten Helden nach wie vor ihr felsenfestes Vertrauen und ihre unverbrüchliche Treue aus." Der darin enthaltene Angriff gegen die Juden machte es der Opposition natürlich von vornherein unmöglich, mit allzu stimmen. Trotzdem setzte sofort wieder ein Toben im Saale ein, das auch zu tätlichen Angriffen führte. — Nach diesen Leistungen wäre es wirklich nichr nötig gewesen, das Matz der Lächerlichkeit dadurch vollzumachen, daß man eine Entschließung auf Ausweisung der seit 1914 eingewanderten Ostjuden annahm, weil man . . . Wohnungen für heimkehrende Kriegsgefangene freimachen wolle. Die neugegründete Ortsgruppe Leipzig des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes kann auf ihre Eröffnungsversammlung nicht stolz sein. Es ist sehr gefährlich, die Schreier auf die Tribüne zu rufen, besonders in Zeiten, wie wir sie gegenwärtig haben. Eine Putsch- und Radautaktik, bte wir zu Dr. Geyers Zeiten stets bekämpft haben, werden wir auch auf der anderen Seite nicht gutheißen. Da stehen doch für die Allgemeinheit Dinge auf dem Spiele, die uns wichtiger sind, als der Unwille einiger anonymer Briefschreiber. 8. Magdeburg, 5. Dezember. Im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am Mittwoch, den 19. November, Gemeinderabbiner Dr. Reinhold Lew in (Leipzig) einen Vortrag über die „Frau im modernen Judentum". An dem heutigen Verfall des relig'ösen Judentums maß er einen erheblichen Teil der Schuld dem werblichen Geschlecht zu, das unter dem Einfluß der Neuzeit die überragende Stellung aufgab, welche die Entwicklung der Vergangenheit im häuslichen Leben ihm anvertraule. Zur Entlastung verwes er auf die mannigfache Zurückdrängung und Vernachlässigung, die in Synagoge und Gemeinde die Stellung der Frau herniederdrückten. Er forderte darum deren stärkere Heranziehung im Gottesdienst, eine Vertiefung der Erziehung und des Unterrichts sowie die völl'ge, restlose Gleichstellung im Aufgaben- und Pflichtenkreis der Gemeinde. Von diesem Programm einergroßzügigen Frauenbewegung versprach er sich eine Gesundung und Neubelebung der jüdischen Zukunft. Der Vorsitzende, Sanitätsrat Dr. F r a n k e n sie i n, dankte dem'Redner für den ausgezeichneten Vortrag und regte die fleißige Benutzung der Vereinsbibliothek an. S2 Lübbecke, 5. Dezember. Vor kurzem beging das älteste Mitglied unserer Gemeinde und zugle'ch die älteste Bürgerin unserer Stadt, Frau Friederike Löwen ste in, ihren 90. Geburtstag. Die rüstige Greisin kann auf -eine lange segensreiche Tätigkeit auf wohltätigem Gebiete zurückblicken und erfreut sich der Hochschätzung aller we't ' über unsere Stadt hinaus. Ihr 90. Geburtstag gestaltete sich zu einer rührenden Ehrung seitens der ganzen Gemeinde und Bürgerschaft. Möge der Lebensabend der Jubilarin, des Ehrenm'tgliedes des Israelitischen Fraüenvereins und ehemaligen Vorstandsmitgliedes des Vaterländischen Frmtenvereins weiter von Gott gesegnet sein!