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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-12 · Heft 50 (12.12.1919) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 50 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
Seite 575 (sequence 11)
Language
German
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Besüch habe; er wollte mit ihm unter vier Augen sprechen. Dann klopfte et an.' Die klangkrästige Stimme DöKor Korngolds ließ' W hinter der Tür Vernehmen. Äenjämin trat ein. Doktor Korngold begrüßte ihn mit ausgesuchter Freundlichkeit ustd bat H Feldrabbiner Doktor Korngold war ein Mann in den dreißiger Jahren. Er war scklank, von edler Haltung, und sein langes, bis auf,die Schultern herabwallendes Haar, das ein.feingeschnittenes glattrasiertes Gesicht umrahmte, lieb ihn eher als Künstler denn als Geistlichen erscheinen. Doktor Korngold war ein Kind dieser Stadt und ein weitläufiaer Verwandter der Familie Glück. Er war aus Wien gekommen, seine alte Mutter zu besuchen, 'bevor er sich als Feldrabbiner zu seinem Truvvenkörver begab, und batte bei dreier Geleaenbeit auf Einladung der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde in der Hauptshnagoge aevredigt. „Sie kommen aus Wien, Herr Doktor." saate Beniamin, nachdem, er Platz genommen batte, „meine Eltern sind vorder russischen Invasion nach Wien geflüchtet, ich habe seit Wochen 'keinerlei Nachricht von ibnen. ich wollte Sie fragen. Herr Doktor, ob Se sie vielleicht in Wien aeseben haben." Doktor Korngold setzte sich in seinem Fauteuil zurecht und schlua die Beine übereinander. Er Zva ein -silbernes Etui hervor und bot Beniamin eine Ziaarette an. Dann zündete er sich selbst.pine an und blles mit sichtlichem Behagen bläulichgraue Nau^wölkchen Nlr Decke emvor. ..Kennen Se den Sckwarzenberaplatz in Wien?" fragte er Nisi!^^simer Betonuna iebl>ieinzelnen Silbe. Beniamin war -ganz betroffen. Kr batte das Gefühl, als babne ibn jemand und schneid-e' Gesichter hinter seinem nchon. Nnbewealick blieb er in seinem Lehnstuhl sitzen, als fürchtete er. bei der leisesten Kopfbeweaung einem vernichtenden. sröff-schen Blick zu beaeanen. Doktor Kornaold schien kno Verwirrung, die seine nnaewöbnlicke Gegenfrage bei Beniamin hervorrief, nicht zu bemerken, denn er fuhr gelassen fort: ..Also Sie kennen den Sckwarwnberavlatz nickt! Das ist schad". Denn der Sckwarzenberavlatz ist ein historischer Platz: sein Wahrzeichen ist das von Häbnl aeschaffene Reiterstandbild des tavferen Heerführers von 1813. des 'Feldmarschalls Karl von Schwarzenberg." „Ja. ia, Karl von Schwarzenberg." sagte Benjamin, nur MN etwas ZU sagen. Fortsetzung folgt.) Literarische Milteilmmen. — Almana ch 1 9 2 0. Rudolf M o s s e, Buchverlag, Berlin 81V 68. Das Buch ist ein trefflicher Führer durch die geistigen Strömungen unserer Zeit, urtb unseren Lesern wird es einen um so größeren Genus; bieten, als auch die jüdische Note in ihm nicht fehlt. Wie schön schildert Andreas Latzko „ein Duell" zwischen dem Freiherrn v. Györöki und dem Rabbiner Samuel Levy, wobei dieser durch seinen Perstand, mit seinen geistigen Waffen siegt! Wie amüsant ist die Novelle „Die heimtückischen Champignons" von Gustav Meyrink, in., der Dowidl. Taubeles, das Spekulationsgenie, die Hauptrolle spielt! Daß unsere modernen Dramatiker wieder auf die Bibel als eine unerschöpfliche Fundgrube zurückgreifen, ersehen wir aus dem Artikel von Hans Flemming „Dramatiker", während Richard Strauß, der alttestamentarische Stoffeso glänzend behandelt hat, eine Koniposition eines Sinnsprnches aus dem „W-estöstlichen Diwan" von Goethe bringt. Max Liebermann, Erich Wolfsfeld, Ernst Oppler haben interessante Abbildungen, Ludwig Fulda.und Ludwig Barnah sinnreiche Rätsel, I. Mieses eine nachdenkliche Studie über „Das Schachspielen aus dein Gedächtnis" beigesteuert. Das inhaltreiche Blich, das noch viele andere^ belehrende Aufsätze und wertvolle. Dichtungen -enthält, ist glänzend ausgestatt-et und eignet sich vorzüglich zum Geschenkwerk. Sanitätsrat Dr. Sch erb e l (Lissa.) * — Berlin, wie es w a r. Von I, Kaftan. Mit 10 Illustrationen. 3. Auflage. Rudolf Mos s e, Buchverlag, Berlin SW 68. Von Adolf Glaßbrenner, dem bekannten humoristischen Berliner Schriftsteller, ist um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Werk erschienen: „Berlin, wie es ist und — trinkt". Das war recht witzig gehalten, und auch andere. Schriftsteller haben sich mit dem Werdegänge Berlins in ernster und heiterer Darstellung beschäftigt. Alle diese Schriften über trifft das schon in dri tter Auflage vorliegende Buch, von Dr. I. Käst an an Gründlichkeit, Sachlichkeit Und Fleiß. Es schildert recht eingehend und. ausführlich, wie Berlin sich aus oft prinativen, kleinlichen Zuständen zu der jetzigen Weltstadt ernporgearbeitet hat. Wie unzulänglich, unzureichend, ia kläglich waren z B. die Gesundheitsverhältnisse, und wie wenig Mittel wurden aus die Berbesseruna. der sanitären Zustände verwendet. Die „Rahel", Friederike v. Barnhagen, sagte von dem Berlin ihrer Zeit aus: ..Hier fehlt immer zum Taler der letzte Groschen." In Nr. 43 dieses Blattes ist gezeigt worden, wie die Leistungen und Schöpfungen von Sanitätsrat Dr. Salomon Reumann für die sanitären Maßnahmen in Berlin ein wicktiaes Kavitel in den Annalen der Stadtverwaltung von Berlin bilden. Und so haben auch Traube, Senator, Mendel und andere Berliner jüdische Aerzte vieles in dieser Hinsicht geleistet, und überall finden wir die Namen von Juden vor, denen Berlin Hervorragendes für leinen unvergleichlichen Aufschwung zu verdanken hat. Dr. Bethel Henry Strousberg. dieser merkwürdige Mann mit seinen weitaus-schauenden Zielen, hat eine ganze Reihe gewaltiger, dem offentllckm Wähle dienender Anlagen geplant. die er zum Teil selber ausaeführt bat. die aber in der Mebrzabl später von der Stadtverwaltung Berlins in, mustergültiger Weise durchgeführt wurden. Und io kehren überall, im kausinännischen und industriellen Leben, im Buch- Handel, Verlag, Zeitungswesen und in der Kunshyelt die Namen von Juden wieder, deren ungewöhnliche, geniale Leistungen Berlin zu seinem Ruse und seiner Stellung in der Welt rnitverholfen haben. Dieses und noch vieles andere, oft in interessanter, anekdotischer Form und unterstützt von seltenen Abbildungen, finden wir in dem Buche wieder, das einen wertvollen Beitrag zur Geschichte Berlins bildet und weiteste Verbreitung verdient, da es gerade in unserer unrube- und sorgenvollen Zeit wie ein köstliches Jdvll wirkt, das man sich gern immer wieder in Erinnerung zurückruft. Sanitätsrat Dr. Scherbe l (Lissa). * — Dr. Ludwig Gold st ein: Der Wiederaufbau Ostpreußens 1914—1919. Hartungsche Zeitungs- und Verlagsdruckerei, Königsberg i. Pr. Die vorliegende. Veröfsentli-chung hat zwar nichts direkt mit dem Judentum zu tun. Doch verdient sie gleichwohl eine Anzeige auch, in diesem Blatte. Denn in ihrem Gegenstand verbirgt sich. ein Stück meist vergessener jüdischer Tragik. Die Heimsuchung. Ostpreußens durch die russischen Heere in den ersten Kriegsmvuaten hat -eine ganze Reihe von jüdischen Gemeinden teils vernichtet, teils in ihrem Bestände g.fährdet. Mehrere Synagogen sind zerstört worden, und von den geflüchteten Gemeinde-Mitgliedern ist oft nur ein kleiner Teil zurückgekehrt. Speziell für die nunmehr über das ganze, Reich zerstreuten ostpreußischen Juden ist das Werk als Erinnerung an ihre alte Heimat von bleibendem Wert, doch auch für. jedenpersönlich unbeteiligten Leser ist es in mehr als einer Beziehung interessant. In der großen Tragödie, die der Weltkrieg für alle Kulturvölker und .in vervielfältigtem Mäße für Deutschland darstellt, wird über bein traurigen Äusgang gewöhnlich schon der erschütternde erste-Akt vergessen. Darum ist es ein besonderes Verdienst, "wenn ihn nunmehr Goldsteins Schrift in Wort und Bild festhält. In fesselnder Darstellung schildert der - Verfasser, in dem der freisinnige Schriftsteller mit dem begeisterten; Heirlmtfr'eillld> und verständnisvollen Kunstfreund sich verbindet, bie meist noch klaffenden. Wunden - der schon so oft schcher heimgesuchten Provinz und gewährt uns einen Einblick, in den meist gar nicht' geahnten Umfang der Z.rstörtlngen. Wir erfahren: das; rund 30 000 Gebäude' in Äsche lagen, die sich auf 35. Städte und 1900 ländliche Ortschaften verteilen. Doch nicht -der Klage Inn das Zerstörte gilt die Schrift, vielmehr will sie-uns den

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