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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-12 · Heft 50 (12.12.1919) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 50 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
Seite 574 (sequence 10)
Language
German
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574 — Wir leben in einer großen Zeit, fuhr er fort, in einer Zeit des religiösen Erwachens. Vor dem Kriege, da sprachen die einen: Gott ist tot, und schufen sich Götzen nach ihrem Ebenbilde und riefen die Geister, die ihnen glichen; den anderen aber war der liebe Gott verlorengegangen und sie zogen aus, ihn zu suchen. Im Donner und Blitz des Krieges vernehmen wir wieder die Stimme des Herrn. Ein heiliger Rausch geht durch die Welt, alle Quellen des religiösen Empfindens tun sich auf. alle Flammen religiöser Begeisterung lohen empor. Die Religion ist wieder allen inneres Erlebnis geworden. Dann sang er ein Preislied dem Erneuerer und Erwecker Krieg. Seht, rief er mit weithin schallender Stimme, seht und nehmt's zu Ohren und zu Herzen: An der Kriegsfackel hat sich religiöse Begeisterung neu entzündet. Die Fernen und Fernsten fühlen mit einem Male, daß Gott ihnen nahe ist. Denker und Forscher, die früher Gott nicht kannten, knüpften Beziehungen zum Lenker der Schlachten. Dichter und Schriftsteller, die früher vom Himmel und seinen Herrlichkeiten nichts wußten, singen jetzt im Chore: Vater, ich rufe dich! Weltmänner und Reiche, deren Reich sonst nur von dieser Welt war, suchen Zuflucht bei den himmlischen Mächten. Die Zeit ist gekommen, von der Joel weissagte: Zur selbigen Zeit will ich Wunderzeichen geben im Himmel und auf Erden, nämlich Blut; Feuer und Rauchdampf, und zur selbigen Zeit will ich mein Licht ausgießen auf alle Wesen, auf die Aeltesten und aus die Jüngsten ... Die Predigt machte,auf die Zuhörer einen tiefen Eindruck. Rach der Predigt sprach der Rabbiner ein kurzes Gebet für Kaiser und Reich lind dann ein Gebet lim den Sieg der Waffen der in Treue verbündeten Zentralmächte. Darauf sang der Kantor einen Psalm, und zum Schluß stimmte der Synagogenchor die Kaiserhymne an, die alle Anwesenden stehend mitsangen. Damit war der Gottesdienst zu Ende. Die Leute begannen das Gotteshaus zu verlassen. Während sie dem Ausgange zuströmten, tauschten sie gegenseitig ihre Werturteile über Doktor Korngold und seine Predigt aus. Sie feierten ihn als Meister der Rede und fanden die Predigt in allen Stücken inhaltreich.und formvollendet. „Ein Mundstück wie ein Glöckchen," sagte einer; „der hätte selbst im Tempel zli Jerusalem predigen dürfen," meinte ein andrer. Rur Nachum Schalit, der alte Nörgler, versuchte das allseitige überschwengliche Lob ein wenig einzuschränken, indem er erklärte, der Jcllinek, wenn er noch lebte, hätte sicher besser gesprochen. Alts der steinernen Stiege am Ansgang der Synagoge traf Benjamin mit Doktor Riegler zusammen. Doktor Riegler war ein jünger Jurist, Konzipicnr bei einem Advokaten/ dabei ein Mann mit hochfliegenden Plänen, der im Leben eine Führerstellung einnehmen wollte. Was er führen, wen er leiten sollte, wußte er noch nicht klar; jedenfalls bereitete er sich vor für seinen hohen Beruf. Die Vorbereitung geschah im Cafe Ständler; das will sagen: der Ort, wo er sich für seinen hohen Beruf vorbereitete, wechselte nie, wenngleich Doktor Rieglers Stimmungen und Gesinnungen nicht selten wechselten. Der Krieg brachte vollends einen Umschwung in seinen Anschauungen. Vor Kriegsausbruch ein Sozialist und Pazifist, der von Revolutionen und roten Standarten geträumt und Tolstois „Besinnet Euch!" als ein neues Evangelium heilig gehalten hatte, war er jetzt zu der Ueberzeugung gelangt, daß alle sozialistischen und pazifistischen Ideen zu nichts taugten und daß seine Anschauungen einer gründlichen Revision bedürften. Er begann also seine Anschauungen zu revidieren und revidierte sie so gründlich, daß er zu einem diesen Anschauungen entgegengesetzten Standpunkt gelangte; er schwärmte jetzt für den Militarismus, sprach von Kriegssegen und von den Segnungen des Krieges, pries die kriegerischen Tugenden, den Kampsesmut und die Todesverachtung und verehrte das Heldentum als Zweck und Sinn der Geschachtet Im Casd Ständler wurden Doktor Riegler und Benjamin miteinander bekannt; als einsame Menschen fühlten sie sich einer zum anderen hingezogen. Besonders Doktor Riegler war sehr erfreut, in Benjamin einen aufmerksamen Zuhörer gefunden zu haben, der zwar selten beistimmte, dafür aber auch selten widersprach. Als Doktor Riegler auf der steinernen Stiege mit Benjamin zusammenstieß, faßte er ihn sogleich unterm Arm und verließ mit ihm zusammen die Synagoge. „Wie hat Ihnen die Predigt gefallen?" fragte Benjamin. „Der Mann spricht vorzüglich und spricht die Wahrheit," erwiderte Doktor Riegler. „Es ist eine Zeit der Erneuerung, nach innen und nach außen. Der Krieg hat uns über die Seichtheiten eines wässerigen Materialismus, über die Flachheiten eines innerlich hohlen Kopfmystizismus hinaus zu den Sternen getragen. Vergessen Sie nicht, mein Lieber, im Kriege haben wir die Phrase überwunden und das Pathos wiedergewonnen." Doktor Riegler spielte sich als Anwalt des Feldrabbiners Doktor Korngold aus; er verteidigte seine Thesen. Natürlich habe der Krieg die religiöse Begeisterung geweckt, meinte er, natürlich habe der Krieg die. die kalten Herzens waren, am Glaubensfeuer gewärmt. Benjamin möge nur bedenken, wie viele Menschen erst im Kriege das Gefühl der Gottesnähe verspürten, und daß der Krieg es sei, der die Menschen lehre, Aug' und Herz zum Himmel zu erheben. Sie bogen iwrt die Ecke in jenes steile Gäßchen ein, wo sich Verkaufsbude an Verkaufsbude reihte. Die Buden standen leer. Eine beängstigende Ruhe herrschte in der Gasse. Auf dem Fußsteig ging ein Soldat, von einer korpulenten jungen Frau geführt. Der Soldat war blind. Benjamin machte Doktor Riegler mit einer leisen Handbewegung auf den Soldaten aufmerksam. Doktor Riegler verfärbte sich und wich einen Schritt zurück. „Mein Gott, das ist ja Feiwisch Krummholz," stammelte er. „Ja, das ist er," sagte Benjamin im Flüstertöne, „seine Schwester führt ihn. Am Brückenkopf von Sieniawa ist eb blind geschossen worden." In Doktor Rieglers Auge glänzte eine Träne; er war tief ergriffen. „Blind! Schlimmer als tot, schlimmer als tot!" seufzteer. Benjamin aber entgegnete ruhig: „Und zur selbigen Zeit will ich mein Licht ausgießen auf alle Wesen, auf die Aeltesten und auf die Jüngsten." Doktor Riegler erwiderte nichts. Er reichte Benjamin die Hand, drückte sie und eilte davon. Benjamin lenkte seine Schritte nach Hause. Mitten auf dem Wege besann er sich, kehrte um, ging die Kasimirgasse entlang, über den Platz Am Tor, und immer weiter in der Richtung nach dem Bahnhof. Vor dein Portal des Hotels „Zu den drei Kronen" blieb er stehen, überlegte eine Weile, und trat in das Haus. Ein Portier mit umfangreichem Leib und einer Mütze, auf der der Name des Hotels in Goldbuchstaben prangte,' versperrte chm den Weg und fragte, was er wünsche. „Ich möchte Herrn Feldrabbiner Doktor Korngold sprechen," sagte Benjamin. . „Erster Stock, Tür Nummer sieben," stieß der Portier barsch hervor und gab ihm den Weg frei. „Ist Herr Doktor auf seinem Zittuner?" fragte Benjamin. „Ich sagte Ihnen doch, erster Stock, Tür Nummer sieben," entgegnete der Portier und wandte Benjamin den Rücken. „Die Höflichkeit in Person," murmelte Benjamin und stieg die Treppen hinan. Vor -der Tür Nummer sieben stand er eine Meile still und horchte, ob nicht Doktor Korngold gerade

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