Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1919)
- Date
- 1919-12-12
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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573 Wilhelm von Preußen König wurde (1861), ging diese Herrschast an den Prinzen Karl und später an dessen Sohn Prinz Leopold über. Nach der letzten Volkszählung wohnten im Kreise Flätow 2500 Juden, von denen die Kreisstadt Flatow zu dieser Zeit noch 440 Seelen zählte, heute kaum noch 200. Auch in diesem Kreise folgten die Juden dem Zuge der Zeit und siedelten in große Städte über, wo ihnen eine bessere Ernährungsmöglichkeit geboten ist und wo sie in die Lage versetzt sind, ihren Kindern eine bessere und höhere Bildung angedeihen zu lassen. Ist doch der Jude stets «daraus bddacht, seine Kinder in dieser Beziehung zu fördern, um sie nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft werden zu lasten. Der Jude weiß: „Bildung macht frei!" Murs von Martin Suber. anz gleich, wie man zu den Problemen steht, die Martin Buber behandelt, ist man stets aufs neue ergriffen von der Innerlichkeit, mit der er zu uns redet. Wohl keiner unter den lebenden Juden erlebt das Judentum init solcher Tiefe wie er, den seine Gegner spottend den Baalschem von Heppenheim nennen, ohne zu wissen, wie hoch sie ihn damit preisen. Martin Buber ist der geborene Führer, einer von denen, die dazu bestimmt sind, ein ruhender Punkt in dem Auf und Ab der Gegenwart zu sein! Doch wir wollen hier nicht aus die Persönlichkeit Martin Bubers zu sprechen kommen, wir wollen uns nur mit dem beschästigen, was uns in letzter Zeit seine Feder geschenkt hat. Da ist zunächst die „Rede über Jugend u n d R e l i q i o n, C h e r u t h"'), die unser Interesse ganz besonders in Anspruch nimmt. Die Zukunft des Judentums ist abhängig von seiner Jugend, und dieser einen Weg zu weisen, an den sie sich halten kann, die wichtigste Aufgabe! Die Kräfte, die in unserer Lehre, unserem Gesetz, unterer Volksgemeinschaft wirken, müssen aufs neue lebendig gemacht werden. „Aus dem Verhängnis des Zeitalters führt nur eine Befreiung: die zur Freiheit in Gott führt. Wenn wir dies wissen, nicht begrifflich und nicht stimmunghaft, sondern mit wahrem, entschlossenem Lebenswissen. haben wir, so abgelöst von der Ueberlieserung wir dem stumpfen Blick erscheinen, den Anschluß an den großen Weg des Judentums vollzogen, zu seiner Wiederausnahme fähig und bereit." Der Gedanke der Gemeinscbaft ist es, den er in seinem Buckie: „Der Heilige Weg, ein, Wort an die Juden und an die Völker"^ weiter ausbaut! „Die wahre Gemeinschaft aufzubauen, muß die Ausgabe der JudeNheit in Palästina werden; nicht darf dieser jüdische Staat ein Staat wie andere sein, die Gemeinschaft muß erfüllt sein von dem Geist der Verwirklichung, der dem Judentum spezifisch ist! Nicht die alten Triebkräfte der Machtvolitik dürfen dort wirksam sein. Neue Beziehungen zwischen Mensch und Mensch müssen ausgebaut werden, damit aus ihnen wahre Wiedergeburt geschehe. Unsere Hoffnung wurzelt in dem Glauben, daß in einem Judengeschlecht, das in diesem Augenblick unserer Geschichte, nach solcher Erschütterung und 'aus solcher Entscheidung in die Heimat zurückkebrt, die Vorbedingungen für die Verwandlung der Beziehungen zu einer noch nicht dagewesenen Kraft gesteigert sind." — Prachtvoll sind auch die Worte, die Buber für die Stellung der neuen Gemeinschaft zur Orthodoxie findet. Nicht gibt es eine einmalige Offenbarung, sie wiederholt sich immer aufs neue. „Zu uns aber redet er aus dem brennenden Dornh Verlag R. Löwit (Wien/Berliu). -) Frankfurt a. M., Literarische Anstalt, Rütten u. Loemng, dusch der Gegenwart und aus dem Urim und Tumim unseres innersten Herzens — Größeres als Worte. — -* Der lebendige Gott ist alles!" Zum Schluß erwähnen wir noch eine neue Schriftenreihe: „Worte an die Zeit", die Martin Buber im Dreiländerverlag (München) herausgibt und von der die ersten beiden Hefte vorliegen. Zuerst entwickelt er seine Grundsätze. Auch hier packt uns das tiefe GotteSerleben Bubers. „Gemeinschaft ist die Vereinigung von Menschen im Namen Gottes zu einer lebendigen Stätte seiner Verwirklichung." Den versiegelten Namen Gottes will er durch die Tat wieder lösen! Den Gemeinschaftsgedanken entwickelt er in der zweiten Schrift dieser Reche. Aus ihm heraus erhofft er einen neuen Ausbau der Menschheit. „Die Menschen, die nach Gemeinschaft begehren, begehren nach Gott." Alle Begier nach wahrer Verbundenheit geht nach Gott; und alle Begier nach Gott geht nach der wahren Gemeinschaft." Stets hat Martin Buber etwas Neues zu sagen, und seine Worte verdienen, weithin gehört zu werden. Er ist einer unserer geistreichsten und produktivsten Schriftsteller, von dem wir noch viel erwarten dürfen! " Dr. Willy Cohn. Srnjamins Lirbrsiied. (23. Forts.) Roman von Samuel Meisels. Zehn t es Kapitel. leihendes Sonnengold floß durch die bogenförmigen Fenster in das Gotteshaus. Schimmernde Sonnensäden zogen sich von dem untersten Sitzen zu dem Almemor, zu der Kanzel, zu den Emporen, bis hinauf zur äußersten Deckenwölbung. Die blanken Messingleuchter funkelten und blitzten, die Thorakronen und Silbergeräte blinkten und glänzten und in das blitzernde Gefunkel mischten sanft schaukelnde Kenzenflämmchen ihr mattes rotgelbes Licht. Und Licht war auf den mattgelben, golddurchwirkten Vorhängen vor der Bundeslade, Licht auf dem wallenden Gebetmantel des Predigers, Licht auf den Pulten, Licht auf den durch Andacht verschönten Gesichtern. Ein geheimnisvolles Singen ging durch das Gotteshaus. Aller Ohren waren geöffnet und lauschten; sie lauschten den Worten, die von der Kanzel herüber und hinüber klangen. Und auf der Kanzel stand, in einen wallenden, weißen, schwarzgeränderten Gebetmantel gehüllt, Feldrabbiner Doktor Korngold und predigte. Weit vernehmbar sprach er, mit tönender Stimme, als hätte eine höhere Gnade seinem Worte Kraft und Klang verliehen. Das Wort wunderte vom Munde in die Herzen; verständnisvolle Männenblicke wanderten zur Kanzel zurück, und manche Träne vom zarten Franenaüge floß wie Tautropfen hernieder. Und seltsam, aus jedem Blick keimte dem Redner ein neuer Gedanke, aus jeder Träne erblühte ihm ein klingendes Wort, Und er mühte sich, die neuen Gedanken in klingende Worte zu fassen. Doktor Korngold begann seine Predigt mit des Propheten Wort: „Alles Fleisch ist wie Gras, und alle seine Güte wie die Blume auf dem Felde; das Gras verdorrt, die Blume welkt..." Doch nicht das kündet mir die Stimme, die ich vernehme, sagte er. Sie spricht nicht von dorrendem Gras und von welkenden Blumen; sie spricht von Pflanzen, die in die Höhe streben, und von Knospen, die in duftender Pracht sich öffnen werden. Nicht vom Vergangenen und Vergänglichen, sondern vom Kommenden und Zukünftigen spricht die Stimme unserer Zeit. Der Zeiger an der Uhr „unserer" Geschichte weist in die Zukunft, rief er emphatisch aus.