Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1919)
- Date
- 1919-12-12
- Page
- Seite 566 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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&(><> Dummheiten sagen und begehen, aber es ist schier unbegreiflich, daß ein Volk, das nach so schweren Prüfungen unbedingt der Klugheit und der Sammlung bedarf, sich, wenn auch in einer Minderheit, so leichtgläubig zeigt, daß eine Handvoll Sinnlijeurnal-isten imstande ist, es ungestraft gegen einen Teil seinereigenen Volksgenossen aufzureizen und es zu überreden, dieser sei nicht national. Die Juden aber sind treue Bürger des Staates, der ihr Bürgerrecht anerkennt, und wenn man die Tugenden in Betracht zieht, die ihnen ihre Lästerer absprechen, wie viele dieser letzteren verdienten dann die Ehre, Juden genannt zu werden?! Wahrlich: es tut not, dem Teil des Volkes, das im finsteren tappt, das Licht zu bringen. Die humanitäre Freimaurerei läßt es an Anstrengungen nicht fehlen, und soweit ihre Kräfte reichen, erfüllt sie auch ihre Pflichten in dieser Richtung. Aber ich bin aufrichtig: weder gegen den Nationalismus noch gegen den Antisemitismus kann sie allein erfolgreich ankämpfen. Dazu braucht sie Bundesgenossen in den großen Geistern unserer Nation. Lik Woche. Berlin / 8. Dezember. nter der Ueberschrift „Antisemitismus und Kultur" veröffentlicht Franz Carl E n d r e s in den „Münchener Neuesten Nachrichten" folgenden beachtenswerten Artikel, den wir, unserer heutigen Wochenübersicht voranschickend, besonders den ehrlichen Antisemiten, falls es solche gibt, als Lektüre empfehlen: lieber Geschmack läßt sich nicht streiten. Insofern also der Antisemitismus eine Geschmacksfrag-e ist, sieht er außerhalb jeder Kritik. Auch der politische Kampf gegen tatsächliche oder eingebildete Gefahren, die das Judentum für uns in sich birgt, läßt sich verstehen, wie jeder Kampf um oder gegen eine Idee. Wenn aber die durch den persönlichen Geschmack diktierte Abneigung oder die infolge irgendeines religiösen, politischen oder Nassebekenntnisses vorhandene Gegnerschaft Formen nnnhunii, die den Gesetzen der Kultur und deren höchster Erfüllung, der Humanität, ins Gesicht schlagen, so erwächst jedem einzelnen, der sich als im Dienst der Humanität befindlich bekennt, die unbedingte Pflicht, hiergegen Stellung zu nehmen. Wenn in Deutschland eine Judenhetze möglich ist, die darauf abzielt, in den kritiklosen Massen Pogromstimmung zu erwecken, wenn der Haß gegen den Juden so weit geht, wie das in Münchener Gymnasien der: Fall ist, daß jndenhetzerische Flugblätter in den Kreisen der Kinder verteilt werden und so die Seele des Kindes systematisch mit dem Gift des Hasses infiziert wird, so ist das, man mag zur Judenfrage stehen, wie man will, eine Schande für -das deutsche Volk. Wer wirklich, wie der Schreiber dieser Zeilen, das Judentum kennt, wird seststellen müssen, daß sich im Judentum ebenso wie in den christlichen Völkern ein Kamps des widerlichsten Materialismus mit dem edelsten Idealismus abspielt. Ter blinde Jndenhasser macht bei der Beurteilung des Judentums denselben Fehler, den beispielsweise der Feind des Militarismus gemacht hat, indem er den Sinrplicissimus-Lerltnank als den Vertreter des deutschen Heeres ansprach, denselben Fehler, den der kultur-kämpferische Heißsporn gemacht hat. der in irgendeinem Hetzkaplan die katholische Kirche verkörpert sah. Es ist die alte Lehre von den falschen Verallgemeinerungen, denen' die Anschauungen ganzer Zeitepochen zum Opfer fallen können. Die guten Elenrente des Judentums weisen mit Entrüstung den jüdischen Wucherer, Schieber und Kriegsgewinnler von sich, ebenso wie die guten christlichen Kreise das mit christlichen Vertretern dieser verachtungswürdigen Erwerbszweige tun. Auch im Judentum, genau so wie bei uns, ist die Erkenntnis vorhanden, daß der Materialismus durch einen neuen Idealismus überwunden werden muß. Der jüdische Materialismus, der sich in Händler- und Krämergeist offenbart, ist nicht die Ursache des deutschen Materialismus, unter dem wir leiden, sondern mit eine seiner Wirkungen. Daß die Bekämpfung des Materialismus in einem Volk wie dem jüdischen, das seit Jahrhunderten mit brutaler Gewalt in die Bahnen des reinen Erwerbslebens hinein-, gepreßt wurde,, an und für sich einen guten Boden findet, darf nicht wundernehmen. Doch gilt hier ein alter Erfahrungssatz, ans der jüdischen Geschichte: Der Jude ist das Bild seines Wirtsvolkes. Man beachte die Stellung und Haltung des englischen oder amerikanischen Juden im Vergleich zum russischen. In beiden Völkern ist der Jude „Jude", und was er in beiden Völkern geworden ist, ist nicht die Wirkung etwa des Klimas, sondern der Behandlung, die der Jude durch sein Wirtsvolk im Lause der Jahrhunderte erfahren hat. Es kann dieser Frage im Rahmen eines kurzen Zeitungsartikels nicht mit der wünschenswerten Deutlichkeit nähergetreten werden. Auch das Problem des Ostjudentums und das Problem der Lösung der ganzen Angelegenheit durch Assimilation oder den nationalistischjüdischen Gedanken des Zionismus können wir hier nicht berühren. Es möge der reine Hinweis genügen. Das eine aber muß gesagt werden, daß wir das zweifellos große Problem der Judenfrage in Deutschland niemals mit den Methoden des Hasses lösen werden können. Diese Methode würde uns der gerechten Verachtung der ganzen Welt aussetzen. Wir, die wir uns heute mit Recht über die Armenier-Verfolgungen der Türken aufregen, müssen uns klar darüber werden, daß diese Aufregung einem Kulturgefühl in uns enspricht. Solche Gefühle sind aber wertlose Tändelei, wenn sie nicht zur Richtschnur eigenen Handelns gemacht werden. Der Christ und der deutsche Kulturmensch kann und darf im Juden nichts anderes sehen als den Nebenmenschen, mit dem ihn, abgesehen von aller persönlichen Zuneigung oder Abneigung, das gewaltige biologische und moralische Band, das die Gesamtmenschheit umschließt, verbindet. Möge der deutsche Kulturmensch den Kamps mit seinen jüdischen Mitbürgern nur immer ausnehmen, aber einen Kampf mit den Waffen der Arbeit, der persönlichen Leistung, des Intellektes und des Charakters. Möge er bestrebt sein, seinen jüdischen Mitbürgern in all diesen Gebieten zu übertreffen. Dann wird er einer gefürchteten Verjudung am allerbesten Vorbeugen und wird gleichzeitig durch das gemeinschaftliche Streben der Entwicklung des eigenen Volkes den größten Vorschub leisten. Schimpfen, hetzen oder prügeln sind Handlungsweisen, die meistens die ultima ratio des geistig und charakterlich Schwächeren bedeuten. * In der letzten Sitzung der Preußischen L and esv er sammln ll g stellte sich Ministerialdirektor K e st n e r dem Haufe als Leiter der Abteilung für Volksschulwesen vor. Er gedachte ehrend der im Kriege gefallenen 20 000 Lehrer, die er mit Recht als die Besten bezeichnete, deren Kraft wir für den Wiederausbarl entbehren. Dann machte er in einer späteren Rede folgende Bemerkung: Bei dieser Gelegenheit möchte ich über eine Verfügung des Ministers sprechen, die ihm von A bis Z angedichtet wird, aber gar nicht ergangen ist. Wir erhalten darüber täglich 46 bis 60 Briefe. (Heiterkeit.) Danach soll der. Minister verfügt haben, das bekannte Gedicht „Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt" solle im Unterricht nicht mehr behandelt werden, oder wenn es behandelt würde, so solle an Stelle der Worte: „Da ging der Jude durch den Wald" gesagt lverden: „Da ging der Räuber durch den Wald". (Lang andauernde schallende Heiterkeit.) Diese Aenderung ist vom Minister nicht verfügt worden. So ein Banause ist der Minister ganz gewiß nicht. (Große Heiterkeit.) Sollte irgendeine Stelle so etwas verfügt haben, dann wird es von dem Kultusminister entschieden mißbilligt. Hoffentlich legt sich nun der Entrüstungssturm in dieser Angelegenheit. (Heiterkeit und Beifall.) Wenn diese Aenderung vom Minister noch nicht verfügt worden ist, so müßte er sie jetzt verfügen, auch aus die Gefahr hin, in den Augen des Herrn Ministerialdirektors Kestner als Banause zu gelten. Es ist höchste Zeit, daß dieses Gedicht eine Aenderung erfährt, und ein Banause wäre derjenige, der die Kränkung, die die alte Fassung für die jüdische Schuljugend enthält, nicht begreift oder nicht begreifen will. *