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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-12 · Heft 50 (12.12.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 50 (12.12.1919)
Date
1919-12-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 63. Jahrgang. Nr. 50 Berlin, 12. Dezember 1919 Begründet von I Alle Zusendungen für Redaktion «nd N-dbln-r Dt. Ludwig Pbilippfon teÄSlÄ - sw# Jerusalemer Straße 46 49, zu richten. Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 1 g<t?tag °on a“*olf g<gtin> Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementS'preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin und vor. orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Nationalismus und Antisemitismus. Von Charles iJJJtJUll« Hünerberg. — D i e Woche. — Eine geeignete Stelle zur Inventarisierung der jüdischen Kunstdenkmäler in Deutschland. Von Erich Toeplitz. — Tie Israelitische Erziehungsanstalt für geistig Zurückgebliebene Kinder in Beelitz. Von N e ß l e r. — Die Juden im Kreise FlaLcw. Von Paul Mockiles. — Neues von Martin Buber. Von Dr. Willh Cohn. — Feuilleton. Benjamins Liebeslied. Roman von Samuel Meise! s. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage Zllr „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Königsberg i. Pr., Beuchen (O.-Schl.), Ratibor Bresluu Dresden, Leipzig, Magdeburg, Lübbecke, Friedberg (Hessen), Frankfurt a. M., Stuttgart, München, Düsseldorf, Den Haag, Warschau, Jerusalem. — Von Nah und Fern. Aatjonalismus und Untilemitismus. (Gedanken eines christlichen Freimaurers.) Von Charles Hünerberg. ationalismus und Äntisemitismus hat es, man darf es wohl sagen, gegeben, seit Volks- und Religionsunterschiede zu politischen oder konfessionellen oder wirtschaftlichen Zwecken dienen mußten. Jeder rückschrittliche Zeitabschnitt trug ihren Stempel, und jede fortschrittliche Epoche bemüht sich, die Schmach wieder wegzuwaschen. Nationalismus und Antisemitismus haben im Altertum und im Mittelalter Hekatomben an Opfern — Menschen- und Vermögensopfern — gefordert. Soll diese Zeit nicht ausgestorben sein? Dem Ende des 18. Jahrhunderts gebührt der Ruhm, die von den Philosophen schon früher proklamierte Lehre von den Menschenrechten im Gesetze und im Leben zur Geltung gebracht zu haben. Wenn auch der Rückschlag nicht aus sich warten ließ, aus den Ideen der Menschheit, aus dem Gewissen der Menschen ließen sich die Menschenrechte doch nickt mehr wegwischen. Und so tauchten auch im 19. Jahrhundert nach unvermeidlichen Rückschlägen von neuem Perioden aus, in denen die Wahrung der Menschenrechte das Panier bildete, um das sich alle Edeldenkenden scharten. Optimisten glaubten, sooft eine solche Epoche anbrach, nun sei der Zeitpunkt gekommen, in welchem die Menschheit den Grundsätzen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit treu bleiben und dieselben in allen Beziehungen zwischen Nationen und Konfessionen, zwischen Ständen und Berufsklassen, im öffentlichen wie im privaten Leben, in Staat und Gesellschaft zur Anwendung bringen werde. Die Optimisten! Sie vergaßen, daß jedem Aufschwung unvermeidlich ein Niedergang folgt, und daß der Fortschritt sich nur auf dem Wege des Kampfes gegen den Rückschritt weiter entwickelt. Diese Kämpfe sind eine Naturnotwendigkeit. Aber auch wenn man sie als solche anerkennt, muß man nicht nur ihre Opfer beklagen, sondern es als Pflicht erkennen, mit Mut und Ausdauer den Kampf zu führen, um lauteren und edlen Ueberzeugungen zum Siege zu verhelfen. Immer wieder haben wir es in der Geschichte erlebt, daß das Wiedererwachen der politischen Freiheit begleitet wurde von einem intensiven Rassenkampf, der unter der Flagge des Nationalismus geführt wurde. Mit der berechtigten Kundgebung des Nationalbewußtseins, Pflege der Nationalität, Hebung nationaler Kultur und Kunst hat aber der Nationalismus, diese Entartung des nationalen Bewußtseins, nichts gemein. Der Nationalismus gibt sich eben nicht bloß in der Betätigung und Förderung der eigenen Nationalität neben den anderen kund. Er sondert die Menschen, schließt sie voneinander ab, macht sie Unzufrieden, und wie er den nationalen Frieden stört, so untergräbt er den staatlichen und erscheint nicht als Kulturträger und Förderer, sondern geradezu als Kulturseind. Diesem Nationalismus, dieser einseitigen, die Menschen nach ihrer Sprache trennenden und gegeneinander in feindselige Haltung verhetzenden Kraft, treten zwei andere Kräfte entgegen: der Internationalismus und der Kosmopolitismus. Der erstere strebt die freie und einheitlich-nationale Entwicklung aller Völker an, die politische Freiheit nach innen und dabei doch eine volle nationale Selbständigkeit nach außen. Der Kosmopolitismus dagegen hat den sozialen Humanismus, das reine Menschentum, zur Voraussetzung, das zwar die Nationalität nicht aufhebt und die freie nationale Entwicklung nicht hindert, aber ihr die feindselige Spitze nehmen will, die ihr durch den Nationalismus gegeben wird. Er vereinigt die Nationen, statt sie zu trennen, und verdient durchaus nicht den Vorwurf, den ihm die Internationalen machen, als ob er die Nationalität verneinen würde. Wohl aber stellt er sie in zweite Linie, ebenso wie er die Unterschiede des Vermögens, des Standes, des Glaubens nicht in die vorderste Reihe gestellt sehen will. Die jetzige Zeitströmung ist dieser Idee nicht günstig, aber gerade die deutsche humanistische Freimaurerei betrachtet sie unbedingt als berechtigt, da sie sich mit ihren Idealen in vollster Uebereinstimmung befindet. So wie der Nationalismus ein Zerrbild des Nationalbewußtseins ist, so ist auch der Antisemitismus nur eine Verzerrung verschiedener Grundideen. Der religiöse Antisemitrsmus ist aus einer Verunstaltung der Religionsidee, der soziale Antisemitismus aus einer verlogenen Auffassung der in der Gesellschaft wirkenden Elemente, der Rassenantifemitismus aus dem innerlich und äußerlich verfälschten Nationalbewußtsein hervorgegangen. Religiöse Gegensätze hat es gegeben, seit die Menschen verschiedene Anschauungen über ihr Verhältnis zur Schöpfung und zum Schöpfer haben, und sie haben die Gemüter zu allen Zeiten erhitzt oder waren das Element, das zur Erhitzung der Gemüter so sehr benutzt wurde, daß um der Religion willen die Menschen lieber erschlagen wurden, daß um der Religion willen, die das Töten verbietet. Hunderttausende verbluten mußten. Die Geschichte der Religionen ist mit Blut getränkt. Aber daß noch in jetziger Zeit der Religionsunterschied das Motiv für Kampf uüd 'Haß abgeben kann, das hätte selbst ein Pessimist für unmöglich gehalten. Und doch erleben wir es heute. In und nach einem Kriege, namentlich nach einem verlorenen, hört und sieht man große

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