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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-05 · Heft 49 (5.12.1919) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 49 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Minderheit des Kollegiums weitestgehende Wünsche habe zurückstellen müssen, um das zunächst Erreichbare zu sichern, müsse man doch feststellen, daß die neue Verfassung eine wesentliche Verbesserung und D-erbverterung des Wahlrechts bringe, und angesichts dessen sei der Schritt der zionistischen Ortsgruppe unbegreiflich. Aus Kreisen der Gemeindemitglieder, auch sülchen, die den Absendern des Protestes politisch nahestehen, seien ihm Aeußerungen der schärfsten Mißbilligung jenes Schrittes zugegangen. — Ein weiteres Schreiben des Genreindevorstandes gibt dem Kollegium davon Kenntnis, daß Herr Samuel Wachtel sein Grundstück am Mittelweg der Gemeinde für die Zwecke ihres Kinderheims schuldenfrei geschenkt hat. Das Kollegium nimmt mit freudiger Genugtuung von der hochherzigen Schenkung Kenntnis. — Die vom Gemeindevorstand beschlossene Wahlordnung für die Wahlen zum Repräsentantenkollegium wird ohne Debatte genehmigt. — Die vom' 'Gemeindevorstand beantragte Teuerungszu'lage für die Lehrkräfte der Israelitischen Töchterschule wird genehmigt; ebenso wird für die jüdische Bibliothek und Lesehalle ein einmaliger außerordentlicher Zuschuß von 5000 Mark bewilligt. — Zur Deckung des Fehlbetrages der Gemeinde für das Jahr 1918 in Höhe von 34 772 Mark wird auf Antrag des Gemeindevorstandes der gleiche Betrag aus dem Ueberschuß des Reservefonds der Depositenkasse milder Stiftungen entnommen. — Der Antrag des Gemeindevorstandes auf Erhöhung des Tarifs für Pflege und Unterhaltung der Gräber auf den Begräbnisplätzen der Gemeinde in Ohlsdorf und Ottensen wird nach kurzer Debatte genehmigt. — Alsdann tritt geheime Sitzung ein. — Chemnitz, 28. November. Eine -in Sporttreisen weitbekannte Persönlichkeit, der Luftschiffer Paul Spiegel, ist hier zur letzten Ruhe gegangen. Ter Verstorbene war ein Pionier auf dem Gebiete der Luftfahrt, die er mit dem bekannten Leipziger Luftschiffer Feller in Chemnitz eiuführte. Nicht weniger als 800 Freiballonfahrten hat er unternommen und dabei oft sein Leben aufs Spiel gesetzt, obwohl er wiederholt bei schweren Landungen Verletzungen davontrug. Während des Krieges trat Spiegel in dem hohen Alter von 62 Jahren noch als Freiwilliger dein 1. bayerischen Luftschifferbataillon in München ein und errang sich durch seine Unerschrockenheit nicht nur eine Reihe Auszeichnungien, sondern wurde auch befördert. Tie Folgen der Kriegsstrapazen machten sich in letzter Zeit an -ihm stark bemerkbar, so daß er bei einem von ihm am 29. Oktober veranstalteten Lichtbildervortrag seine ausgezeichneten Kriegserlebnisfe von einer jüngeren Kraft zu Gehör bringen lassen mußte. Tie Beerdigung des Verstorbenen fand auf dem hiesigen Indischen Friedhofe statt. N. Z. Nürnberg, 28. November. Nachdem das Zentrum es durchgedrückt hat, daß Simultanschulen als christliche Schulen erklärt worden sind, sind die in Bayern ansässigen Juden vor die Frage gestellt, ob es nicht besser sei, selbst jüdische Volksschulen in den einzelnen Gemeinden zu errichten. Diese Frage wurde darum auch kürzlich in einem gut besuchten Elternabend der Israelitischen Gemeindebibliothek im Saale des Hotels Fürstenhos aufgerollt und zur Diskussion gestellt. Ueber die Angelegenheit selbst sprach zunächst in einem rein sachlichen Referate Hauptlehrer R ü l f (Nürnberg). Er gab -einen Rückblick über die Entwicklung der jüdischen Volksschule im allgemeinen. Bereits im Jahre 1850 gab es in Bayern 150 jüdische Volksschulen, und zwar meist in ländlichen Gemeinden. Die großen Stadt gemeinden hielten die Gründung von jüdischen Volksschulen nicht für nötig. Redner beleuchtete -dann näher die neue bayerische Schulgesetzgebung,, welche einen Faustschilag in das Gesicht der baylerische Juden darstelle, weil sie die Anstellung jüdischer Lehrer an den Volksschulen ausschließt und damit den jüdischen Lehrern das fundamentalste Recht nebrne. Es bleibt nun die Frage zu prüfen, ob hier in Nürnberg eine israelitische Volksschule oder eine jüdische Bekenntnisschule im Rahmen der Stadtschulkommission angestrebt werden soll. Letztere würde sich genau so wie die rein katholischen oder rein protestantischen SchullNassen im städtischen Schuldet rieb ,einreihen und der fachliche und persönliche Schu-l-auswa-nd wäre nach dem Gesetz von der Allgemeinheit zutragen, während eine jüdische Volksschule ein selbständiges Unternehmen der jüdischen Gemeinde darstelle und von dieser auch finanziert werden müsse. Bei Errichtung einer jüdischen Volksschule müßte möglichst im Zentrum der Stadt ein eigenes Schulgebäude errichtet werden für ungefähr 16 Klassen, also mit etwa 20 Lehr räumen, da ungefähr 470 bis 480 jüdische volksschul- Pflichtige Kinder in Frage kommen. Die Frage der Errichtung einer jüdischen Volksschule wäre nach 'den Ausführungen des Redners auch nicht eine rein lokale Angelegenheit, sondern müßte schon von der Gesamtheit der bayerischen Ju,den in Beratung genommen werden. Die Frage, ob jüdische Bekenntnisschule oder israelitische Volksschule, wurde von der Versammlung sehr eifrig besprochen, ohne daß jedoch ein prinzipieller Beschluß gefaßt wurde. Der definitive Entscheid hierüber bleibt einem der nächsten Elternabende Vorbehalten. Düsseldorf, 28. November. Dem guten Beispiel vieler deutscher Städte wie Berlin, Hamburg, München, Leipzig usw. folgend, wurde kürzlich auch hier in Düsseldorf ein „Jüdischer Turn- und Sportverein" gegründet. Der Verein, dem altbewährte Turner und Leichtathleten angehören, hat es sich zur Aufgabe gemacht, weiteste Kreise der jüdischen Bevölkerung für sein Ziel zu gewinnen. Dieses Ziel besteht in der Ertüchtigung des Körpers durch sachgemäßes Turner und Sporten. Der Verein vertritt keine Sonderrichtungen und Bestrebungen, sondern bewegt sich gänzlich auf sportlichem Boden. Erst kürzlich gegründet, zählt der Verein bis heute zirka 60 Mitglieder; erster Vorsitzender ist Herr Rechtsanwalt Löwe. Mitteilungen und Anmeldungen nimmt der erste Schriftführer, Herr Hermann G r ü n - stein, Düsseldorf, Kirchfeldstraße 4, entgegen. er. Frankfurt a. M., 28. November. Für die hiesige-l i s r a el rische W a i s e n a n st a l t war von der Stadtverordnetenversammlung ein Zuschuß beantragt worden. Das städtische Jugendamt hat sich gegen diesen Antrag ausgesprochen-, weil die An-stäA nicht wesentl'ch Frankfurter Interessen diene und die Stadt nicht genügend entlaste. Zurzeit sind in der Anstalt 35 Kinder, darunter 15 österreichischpolnische und 3 russische Staatsangehörige. Die Kosten betrugen 1918 rund 146 000 Mark, also über 4000 Mark für ein Kind; das zu deckende Defizit beträgt über 1300 Mark für jedes Kind. Solche Auswendungen geben über das Maß dessen hinaus, was aus öffentlichen Mitteln bewilligt werden kann. Zudem werden Kinder nur dann in Anstalten gebracht, wenn besondere Erziehnnasbedürftigkeit vorliegt, anderenfalls in Familien. Die Frage der konfessionellen Beschränkung der Waifenhausstistung wurde schon 1917 geprüft. Aenderung wäre nur im Wege der Gesetzgebung möglich. Zudem sind;b*i*c finanziellen Verhältnisse des Waisenhauses so ungünstig, daß eine Ausdehnung seiner Aufgaben nicht stattfinden kann-. Uebri-gens seien für jüdische Kinder genügend Stipendien, Stiftungen und städtische Fonds zur Ausbildung vorhanden, so daß eine Benachteiligung der Israeliten in keiner Weife erfolgt. Ter Magistrat hat sich diesen Ausführungen angeschlossen, die Beschlußfassung d,er Stadtverordnetenversannnlung steht noch aus. Wenn die vom Jugendamt angeführten Kostenziffern einigermaßen zutreffend sind, scheint in der Tat eine Reform der Anstalt geboten. Angarn. Z. Budapest, im November. In Ungarn ist in den jüngsten Wochen die .Heimbeförderung jüdischer Flüchtlinge nach Galizien im Zuge, die der Pester Israelitischen Neligionsgemeinde und der Pester Autonomen Orthodoxen Gemeinde große Aufgaben stellt. Die beiden Pester Gemeinden lassen es sich, von zahlreichen rein jüdischen Vereinen und Institutionen unterstützt, angelegen sein, den heimzufördernden Flüchtlingen jüdischer Konfession während ihrer Fahrt zur ungarischen Grenze rituelle Verköstigung zu bieten. So wurden in den letzten Tagen in Budapest unter Leitung des Herrn David Korein und des Führers der Wohltätigkeitssektion der Neligionsgemeinde, Herrn Horner, 600 Galizianer am Bahnhofe bewirtet und für die Weiterfahrt mit Brot und rituellem Salami versorgt. Gleichzeitig hat die Budapester Judenschaft die an der Route gelegenen jüdischen Gemeinden von Debreczen, Beregszasz, Nagykörös, Märamarossziget und Körösmezö telegraphisch ersucht, gleichfalls für die Verköstigung der Heimkehrenden Sorge zu tragen. — Der Landesverband ungarischjüdischer Hochschüler hat in den wenigen Wochen seines Bestandes glänzende Proben von Willenskraft, jüdischem Gefühl und Regsamkeit geboten. Seine erste Tat bestand in der Wiedereröffnung der nach dem Sturze der Sowjetregierung geschlossenen jüdischen Mensa academica. Die Eröffnung erfolgte Ende Oktober im Rahmen einer Feierlichkeit, die der Präsident der Pester Israelitischen Religionsgemeinde, Hofrat Franz Szekely, mit -einer gehaltvollen Ansprache eröffnete. Auch Oberrabbiner Dr. Simon Hebest — dessen Sohn Mitpräsident des Verbandes ist — hielt eine schwungvolle Ansprache an die Jugend. Die Mitglieder des Verbandes, unter ihnen 1050 gewesene Offiziere und Offiziersaspiranten, haben sich korporativ zum Eintritt in die unter Aufsicht der Ententemissivnen stehende

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