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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-05 · Heft 49 (5.12.1919) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 49 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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i seines religiösen Bekenntnisses Einschränkungen seiner Bürgerrechte erfahren. Mit jubelnder Begeisterung erlebten die Juden, wie sie aus kaum geduldeten und verachteten.Schutzjuden gleichberechtigte französische Staatsbürger wurden. Mit dem Barmer der Revolution rückte die Befreiung vor. Holland und Italien folgten; Deutschland Zunächst nur da, wo die Franzosen die Oberherrschaft besaßen. Aber ohne das energische Eingreifen Napoleons wäre die Frage der Emanzipation nur halb gelöst worden. In dem bekannten jüdischen Parlament gab er Gelegenheit zu dokumentieren, daß das Judentum nicht verantwortlich gemacht werden könne für die Fehler einzelner Juden, daß es im Gegenteil die höchsten sittlichen Forderungen an seine Bekenner stelle: und durch das von Napoleon berufene feierliche Synhedrion wurde die Freiheit der Juden neu gekräftigt. So vollendete Napoleon am Ausgang der Revolution, was Mirabeau an ihrer Schwelle mit heißen Mühen begonnen hatte. In Deutschland wurde 1808 zuerst in Westfalen unter französischer Herrschaft die Gleichberechtigung ausgesprochen. Als andere Bundesstaaten folgten, konnte Preußen dem Zuge der Zeit nicht länger widerstehen. Im März 1812 erfolgte auch hier die Emanzipation der Juden. Aber der Kampf ist noch nicht zu Ende. Wir stehen in schweren sozialen Kämpfen, und schwerere stehen bevor. Dennoch — das große Gut, das nur der französischen Revolution und ihren größten Männern danken, das wird man uns nicht wieder nehmen können: die staatsbürgerliche Gleichberechtigung bleibt bestehen. E. M. Berlin, 2. Dezember. D i e Fülle der Einbrüche in Berliner Synagogen häufen sich. So erbrachen kürzlich Diebe die Synagoge in der Grenadierstraße 36, der sogenannten „Ehassidimschul", und stahlen Vorhänge, Silber schmuck und Leuchter im Werte von 20 000 Mark. In derselben Nacht wurden aus der Synagoge des Vereins „Oranienburger Vorstadt, Ohel Jizchok" in der Liesenstratze 3 drei wertvolle silberne Altarleuchter gestohlen. Als Täter scheinen in beiden Fällen die gleichen Personen in Frage zu kommen. Vor kurzem wurde, -wie wir bereits gemeldet haben, auch in der Gemeindesynagoge in der Lützowstraße ein Einbruch verübt, doch mußten die Diebe unter Zurücklassung ihrer Beute flüchten. Im Jahre 1897 litten die Berliner jüdischen Vereine unter einer ähnlichen Einbruchs-epidemie. * $$$- Berlin, 2. Dezember. Das Engere A k t i o n s - k o m itee der Zionistischen Organisation hat beschlossen, die Jahrestonserenz für die Zeit vom 18. bis 23. Januar 1920 nach Basel einzuberufen, nachdem bei den Sitzungen verschiedener Landsmannschasten die Forderung erhoben worden war, baldmöglichst den Kongreß und die Jahreskonferenz einzuberufen. Ta ein Kongreß im Augenblick aus den verschiedensten Gründen nicht zustande zu bringen sein dürste, weit z. B. in großen Teilen Osteuropas ordnungsgemäße Wahlen zum Kongreß nicht vorgenommen werden können, soll die Jähreskonferenz, die statutarisch fast alle Befugnisse des Kongresses besitzt (ausgenommen Aenderung des Programms und Neuwahl des Aktionskomitees), einberufen werden. Ter Jahreskonserenz gehören außer den Mitgliedern Großen Aktionskomitees, dem Vorsitzenden des letzten Kongresses sowie Vertretern der wichtigsten Organisationen besondere Vertreter der Landes- und Sonderverbände an. Tie Tagung der Jahreskonferenz dürfte angesichts der politischen Lage sehr bedeutungsvoll für die zionistische Bewegung werden. E. M. Berlin, 2. Dezember. D i e jüdischen Rudervereine der R e i chsha u p t st a d t, über deren häufige sportliche Erfolge wir wiederholt berichtet haben, wollen sich ein eigenes Bootshaus schaffen. In das Genossenschaftsregister des Amtsgerichts Berlin-Mitte ist folgende Eintragung ausgenommen worden: Durch das Statut vom 28. Oktober 1919 ist die Genossenschaft Jüdisches Bootshaus, eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftung, mit dem Sitze zu Berlin errichtet worden. Gegenstand des Unternehmens sind der aemeinschr'Uliche Bau eines Boo.shauses für die Genossen zum Zwecke der gemeinsamen Ausübung des Rudersports und anderer Sportarten, der Betrieb dieses Bootshauses und der Abschluß aller hierzu erforderlichen Geschäfte. Die Haftsumme beträgt 500 Mark, die Höchstzahl der Geschäftsanteile 20. Als Vorstandsmitglieder sind verzeichnet: Martin E x i n e r , Leopold L ö w e n t h a l und Fritz Blumenreich, sämtlich in Berlin. B. T. Berlin, 2. Dezember. Vor -dem Sckösftngericht in Eharlottenburg fand am 29. v. M. die Verhandlung gegen die 59jährige Krankenschwester Franziska Eichhorn statt, die, wie noch erinnerlich sein dürste, im Frühjahr dieses Jahves auf .dein Knrfürste-nldamm antisemitische Reden hi-elk und dadurch große Menschen.an'filäuse verursacht hakte. Die Krankenschwester hakte einen. Skra.sbe-fehl zur Zahlung, von 30 Mark erhalten, weil stein der Nachk durch ihre Tätigkeit ruhestörenden Lärm verursacht hatte. Gegen diesen. Strafbefehl hakte sie Widerspruch erhoben. Zu der Verhandlung, war die Angeklagte nicht erschienest. Sie hakte sich durch ihren Verteidiger, Rechtsanwalt Barkel, -entschuldigen lassen, weil sie kränklich sei. Tie Zeugen, bekundeten, daß die Angeklagte wiederholt in der Umgegend des Kurfürstendamm es a u f h e tz e n d e R e d e n g e g e n d i e Jude n gehalten und die Zuhörer ausgefordiert hakte, die Inden totZuschlag e n. Ein als! Zeuge vernommener Kaufmann zitierte ans der Rede der an-tisennki scheu Krankenschwester runter Eid folgende Aeußerungen: „Die Juden sinddaran, schuld, daß alles so gekommen ist; die Inden haben -uns! in das Elend, gestürzt, bk Juden haben uns die Revolution .gebracht; die Inden habenzu fressen und zu saufen, vom Krieg haben sie sich gedrückt. Die Juden müssen totgeschlagen werden, holt sie aus den Wohnungen heraus, .ich beteilige mich daran-. Hobt den Speck und die Schinken aus den- Judenwohnnngen heraus!" Das Gericht vertagte die Verhandlung umdie Angeklagte persönlich vorzu.laden. — Thorn, 28. November. Die hiesige „Gazeta Torunska" hetzt nach guter polnischer Manier zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Boykott der Inden in der neugewonnenen Provinz. Das Blatt zählt ein langes jüdisches Sündenregister' auf, um die Agitation für den Boykottkampf nach Warschauer Muster nach dem neuen Teile Polens zuübertragen. Es gibt als offizielle Boykottformel die Parole aus: „Swoj do swedo" (Jeder nur bei den Seinigen), und fügt hmzu: „Die Wirksamkeit dieses Mittels hat sich bereits bei uns gut bewährt. Es wurde in den letzten Jahren mit vorzüglichem Erfolg in Warschau angewandt. Wir wollen daran denken und diese starke Waffe unseren! größten eingefleischten Feinde gegenüber schonungslos anwenden." — Die Juden der ehemaligen Provinz Posen wissen jedenfalls, was sie von den neuen Machthabern zu erwarten haben. S2 Forst (Lausitz), 28. November. Daß die antisemitische Seuche doch nicht überall einzudringen vermag, können folgende Tatsachen als Beweis dienen: Bei einem Jubiläum -der hiesigen katholischen Schwestern wurde der Prediger der Jüdischen Gemeinde, Herr Pulvermann, von der katholischen Kirchengemeinde beauftragt, bei Ueb ergäbe -eines Diploms die Ansprache zu halten. So auch hat der genannte Prediger am. letzten Totens.onn.tag bei einer Feier für die gefallenen Krieger., bei der Da.u-fen.de der hiesigen Bürgerschaft sich beteiligten, die Festrede gehalten, in welcher er auch die Auswüchse der Judenhetzen scharf geißelte, was mit allseitigem Beifall ausgenommen wurde. Flugblatt er der Deutschnationalen wurden nicht nur seitensder Behörden, sondern auch durch die Bürgerschaft sofort entfernt. — Nachdem die hiesige jüdische Gemeinde das Gehalk ihres Pred,i>gers Herrn Pukverm-ann im vorigen Jahre verdoppelt, hat sie ihm in dieiem Jahre abermals eine Zulage von 50 Prozent gewährt. V. Nettstettin, 28. November. Was bei einer Revolution nicht alles umgestürzt wird! Sogar die Urne, aus welcher die beim Amtsgericht tätigen Schöffen ausgelost werden, muß umgekippt sein. Wie anders wäre es auch sonst zu erklären, daß in all den Jahren, in welchen die Urne ruhig stand, niemals der Name eines Juden aus ihr herauszubringen war. Sie muß aber durch die Revolution einen ordentlichen Hopser gemacht haben, denn diesmal ist bei der Auslosung der Schöffen auch der Name des Vorstandes der hiesigen Synagogen gemeinde, Kanfmann S. Rosenberg, zuin Vorschein gekommen. Sonderbar, höchst sonderbar, -aber tatsächlich geschehen. M. Hamburg, 28. November. Das Repräsentantenkollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hielt eine Sitzung unter Vorsitz des Herrn Alfred Lisser ab. Es lag ein Schreiben des Gemeindevorstandes vor, in dem dieser dem. Kollegium davon Kenntnis gibt, daß der Senat die vom Vorstand und dem Repräsentantenkollegium beschlossene Verfassungsänderung genehmigt hat. (Es handelt sich um die durch die Wahlen notwendig gewordenen Aenderungen.) Der Vorsitzende bringt sodann den seitens der zionistischen Ortsgruppe eingereichten und vom Senat -abgelehnten Protest zur Sprache.- Er knüpft daran kritische Bemerkungen über den Inhalt des Protestes, in welchen den Gemeindekollegien Wahlrechtsraub an Kriegsteilnehmern vorgeworfeu werde. Ohne zu verkennen, daß die

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