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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-05 · Heft 49 (5.12.1919) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 49 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Freiwillige Brachialgewalt gemeldet, deren Ausgabe es ist, den behördlichen Organen bei der Ausrechterhaltung der Ordnung in der Hauptstadt behilflich zu sein. Da die Hochschulen noch immer gesperrt sind, veranstaltet der Verband für seine Mitglieder unter Leitung hervorragender Fachkräfte Studienkurse zur Vorbereitung zu den Ingenieur- und Medizinerrigorosen sowie Kurse für Kunstgeschichte und Philosophie. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Verband der Pflege des jüdischen Gefühls, zu welchem Behufe ein eigener Vortragszyklus veranstaltet wird. Den Eröfsnungsvortrag hielt der Redakteur des „Egyenlöseg", Dr. Ludwig Szabolcsi, über die Psychologie des Antisemitismus. Im Rahmen dieses interessanten Zyklus werden Professor Dr. Max Weiß historische, Professor Dr. Armin Frisch religionsphilosophische Vorträge halten. Für die eminent jüdischen Zwecke des Verbandes gibt sich in den Kreisen der Blldapester jüdischen Bevölkerung ein reges Interesse kund, so daß bis Ende Oktober nahezu 50 000 Kronen an Spenden eingelaufen sind. --- Die hundertdreiunddreißig Tage währende Sowjetherrschaft hat die Pester Israelitische Religivnsgemeinde in einer Weise materiell geschädigt, daß es ungeheurer Anspornung bedürfen wird, ihre Finanzen wieder in Ordnung zu bringen. Tie Gemeinde strebt deshalb»eine Reorganisierung ihres bisherigen Besteuerungssystems an, das sich auch früher schon als unzulänglich erwiesen hat; sie will auf das Gebiet der Selbstbemessung der Steuern übergehen, d. h.. es jedem Mitgliede anheimstellen, im Bewußtsein seiner Pflichten als Jude selber die Höhe der Beiträge zu bestimmen, die es für die Gemeinde leisten null. Daneben soll eine Dezentralisierung der Gemeindeagenden durch den Ausbau des Bezirkssystems und die Schaffung von Bezirksausschüssen erfolgen und auch energisch an die Beseitigung des immer fühlbareren Mangels an Tempeln geschritten werden. So sollen schon in kürzester Zeit in drei Bezirken neue Gotteshäuser erbaut werden. Von Sah und Fern. — Die andauernden Verkehrsschwierigkeiten machen es notwendig, daß der Jüdische Frauenbund seine für den 9. und l0. Dezember in Elberfeld angesetzte Delegiertentagung zurzeit nicht stattfinden, sondern für das Frühjahr verschieben läßt. - Direktor Jacques Wi-ltschek, der verdienstvolle langjährige Vorsitzende des Vereins der Oesterreicher, ist zuur R e gierungsrat ernannt worden. Direktor Wiltschek hat während der Kriegsjahre eine außerordentlich regsame Fürsorge für die in Berlin wohnenden Bürger der ehemaligen Donaumonarchie betrieben. Aus Anlaß seines sechzigsten Geburtstages hatte der O e st er reich i sch - n n g a r i s ch e H ilfsverein im vorigen Jahr seinen Vorsitzenden durch Errichtung einer großen Wohltätigkeitsstiftung geehrt. Regierungsrat Wiltschek, der zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Berliner Gesellschaft zählt, gehört auch der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde als Mitglied der Kommission für die durchreisenden armen Glaubensgenossen au. Der Vorsteher der bakteriologischen Abteilung des Städtischen Medizinalamtes in Berlin Dr. Erich Selig mann wurde zum Professor ernannt. Unserem geschätzten Mitarbeiter Herrn Elektroingenieur E l i a s N a ch t ist von der Humboldt-Akademie die Dozentur für Geschichte der Elektrotechnik übertragen worden. Herr Elias Nacht wird mit seinen Vorlesungen über ausgewählte Kapitel mis der Geschichte der Elektrotechnik gegen Mitte Januar beginnen. - Ter Jüdisch-liberale Jugendverein (Berlin) veranstältet in diesem Quartal folgende Kurse, an denen auch Gäste teilnehmen können.' 1. Diskussionsknrsus über Liberalismus, Orthodoxie und Zionismus. Leiter: Herr Rabbiner Dr. Galliner; 2. Talmudkursus. Leiter: Herr Rabbiner Dr. W e y l: 4. Bibelkursus. Leiter: Herr Lehrer Robert Hi rschseld: 4. Hebräisch. Leiterin: Fräulein Ellen Littmauu: 5. Lesekursus, lLektüre moderner Stücke jüdischen Inhalts.) Leiter: Herr Nell h a u s. Die Arbeitsgemeinschaft der Angestellten der Jüdischen Gemeinde veranstaltete am 20. v. M. unter Mitwirkungnamhafter Künstler eine Gedächtnisfeier für die im Kriege gefallenen Beamten der Berliner Jüdischen Gemeinde. Die Gedächtnisrede hielt Rabbiner Dr. Benzion Ke l le r m a n n.-- Professor Dr. Benno Baginsky, Privatdozent an der Universität Berlin, ist am 2. d. M. im Alter von 72 Jahren gestorben. - - Bei den letzten S t a d t r a t s \v a h l e n in Kattowitz sind statt der bisherigen 14 jüdischen Stadtverordneten nur zwei Bürger jüdischen Glaubens gewählt worden, die beide der demokratischen Fraktion angehören. Das Wahlergebnis ist das Resultat wochenlanger antisemitischer Wühlereien. Am 23. vorigen Monats wurde in. Breslau neben der bereits bestehenden Zessing-Loge eine zweite Loge, die „Heinrich-Graetz-Loge", eröffnet. Sie trägt ihren Namen zu Ehren des bedeutenden Geschichtsforschers, dessen Wirken an Breslau geknüpft ist. Die Installation vollzog der Präsident der Großloge, Geheimer Justizrat T i m e n do r se r. — Aus Bamberg wird uns geschrieben: K o m m e r zienra t AI a x v. W a s f e r m ann hat unsere Stadt sechshundert Zentner Kohlen zur Verterlung an die . Armen unserer Stadt ohne konfessionelle Beschränkung geschenkt. Diese Stiftung gab den Stadtverordneten und dem Bürgermeister Veranlassung, in der letzten Stadtverordnetensitzung dem Spender zu danken und bei dieser Gelegenheit gegeu das gewissenlose Maulheldentum der Antisemiten Stellung zu nehmen. — Dem in Köln im Ruhestände lebenden, immer noch schriftstellerisch tätigen Prediger Gossel (früher in Kamen in Westfalen) ist vom akademischen Senat die Genehmigung erteilt worden, als Dozent der Gabelsbergerschen Stenographie an der Universität in Bonn tätig zu sein. Er wird seine Vorlesungen mit anschließenden Hebungen demnächst beginnen. — In einer am Sonnabend, 15. November, stattgefundenen Vollversammlung der Studierenden an der Technischen Hochschule zu Hannover wurde in der Beratung über die Studentenversassung nach längerer Debatte mit 515 gegen 230 Stimmen beschlossen, daß fürderhin die Juden als Ausländer gelten und dementsprechend an der Technischen Hochschule zu Hannover kein Stimmrecht besitzen sollen. Etwa' 14 Tage vorher wurde in einer Vollversammlung der Studierenden an der Tierärztlichen Hochschule derselbe Beschluß gefaßt. — Am 14. d. M. findet in Frankfurt a. M. die Neugründung einer zweiten Loge U. O. B. B. neben der bereits dort bestehenden Frankfurt-Loge statt. Sie wi rd den Namen „Hermann-Cohen-Loge" führen und damit die Erinnerung an den hervorragenden Forscher, der auch Bruder der Frankfurt- Loge gewesen ist, dauernd beleben. — Der außerordentliche Professor für römisches und deutsches bürgerliches Recht an der Frankfurter Universität Dr. jur. Ernst L ev y ist zum ordentlichen Professor daselbst ernannt worden. Aus Prag wird geschrieben: Die Verfassung der böhmischen Länder sah an manchen Orten drei selbständige politische Gemeinden mit eigenen Bürgermeistereien vor, eine deutsche, eine tschechische und eine jüdische. Die neue Regierung beseitigt diese Teilung. So fand auch vor kurzem in N i k o l s b u r g , einer der ältesten jüdischen Siedelungen im S n d e t e n g e b i e t, die Vereinigung der Jsraelitengemeinde mit der Ortsgemeinde statt. Ter bisherige jüdische Bürgermeister wurde zum Ehrenbürger des Ortes gewählt. Nun ist das berühmte Getto in den Sudetenländern der alles nivellierenden Neuzeit zum Opfer gefallen. Hier war 400 Jahre der Sitz des Landesrabbiners, hier verlebte der berühmte Staatsmann Sonnenseld seine Jugend, und viele jüdische Gelehrte von Weltruf nennen Nikolsburg mit Stolz ihre Heimat. -- Die Vorsteher von Jugoslawien bei der Friedenskonferenz haben nach einem längeren Widerstande sich bereit erklärt, auch alle die Punkte des Friedensvertrages anzünehmen, die die Rechte der nationalen Minoritäten überhaupt und die Juden insbesondere schützen. Die Zahl der Juden in Jugoslawien beträgt ungefähr 300 000. Nach den letzten Meldungen Haben die bisherigen staatlichen und politischen Umwälzungen keine günstige Rückwirkung auf die Juden gehabt. Man hofft, daß nunmehr der durch den Friedensvertrag gewährleistete Schlitz die Lage etwas erleichtern wird. — Gustavo C a r l o, bisher in Korfu, wurde als Oberrabbiner nach Bengasi (Tripolis) berufen. - „The Jewish Guardian" (Der jüdische Wächter) nennt sich eine neue jüdische Wochenschrift, die seit kurzer Zeit in London erscheint. Die Zeitschrift macht den Eindruck eines unparteiischen Organs, das alle wichtigen Fragen der Judenheit und des Judentulns erörtert und namentlich wissenschaftliche und religiöse Fragen in den Vordergrund seines Interesses rückt. — Inr Warschauer „Tog", früher „Hajnt", schildert David Frischmann in einem Feuilleton den gewaltigen Eindruck, den das. Gerücht über die Einnahme von Petersburg auf die Juden Warschaus gemacht habe. Wer diese Freude gesehen habe, könne unmöglich begreifen, wie man den Inden vorwerfen könne, daß sie bolschewistisch gesinnt seien. — Zum Oberrichter im englischen Bes atz u n gs geb i e t in der T ü r k e i ist der bisherige Stellvertreter des Oberrichters, Colonel- Leutnant Norman Bentwi ch, ernannt worden. Colonel B e n t w i ch ist Jude, sein Vater ist ein Führer der Zionisten in England. Verantwortlicher Redakteur: AlbertKatz in Berlin-Pankow, Florastruße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck und Verlag von Rudolf Masse.

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