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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-05 · Heft 49 (5.12.1919) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 49 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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SS. Isbrgsng. Nt. 49 Berlin, 5. Dezember 1919 Der Gemeindebote. Brtlsge zur „Allgrmrlnnl Lrtkung deK Judentums". Korrrspondknzm und Machrichtrn. Sriittchlglld. E. M. Berlin, 2. Dezember. De r V e r b -a n b j ü di scher I u g e n d v e r e i n e hatte prominente Vertreter der drei Konfessionen zu einer Aussprache über die Beziehungen zwischen Inden und Christen in Deutschland eingeladen, die am 25. v. M. im „Brüderverein ssäal" stattfänd. Der Verbandsvorsitzende Dr. Apfel hob in der Eröffnungsansprache hervor, daß die jüdische Jugend sich berufen fühlt, ib'tie brennenide Frage der Bezieh-ungen zwischen jüdischen und christlichen Mitbürgern zur Erörterung zu stellen, weil die jüdische Jugend für die Einheit aller Deutschen gekämpft und geblutet hat. Zuerst kam Dr. Ioh nn nes Müller , der bekannte Herausgeber der „Grüne,n> Blätter", ,zu«m Wort, der den Antisemitismus als Schwächezeichen des deutschen Volkes bezeichnet. Es ist ein sicheres Maß für das nationale Rückgrat -eines Volkes, wie es seine Juden erträgt und verträgt. Bei keinem Volk mit gesundem nationalen Leben hat die Judenfrage eine ähnliche Bedeutung wie in Deutschland. Die antisemitische Verseuchung des deutschen Volkes ist die Folge einer vorhandenen Disposition. Weite Kreise des deutschen Volkes fühlen sich ausgebeutet und schieben die Schuld den Juden zu, obwohl im Kriege auf beiden Seiten gesündigt wurde. Di-e Tatsache muß immer wieder betont werden. Eine Hauptschuld an der Vergiftung der Verhältnisse trägt die Presse. Auch der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hat geholfen, den Antisemitismus lebendig zu erhalten. (?) Seine Polemik stärkt den Antisemitismus, anstatt ihn durch positive Arbeit zu schwächen. Auch die j ü d i s ch e E m p f i n d l i ch - feit liefert dem Antisemitismus wirksame Waffen. Es ist verdächtig, daß die ganze Judenheit immer gegen das Unrecht auftritt, das einem einzelnen geschieht. Die wirksamste Abwehrarbeit, die. allein klare und erträgliche Verhältnisse schaffen kann, ist eine Berührung der Anständigen auf beiden Seiten. Die Christen kennen die Juden gar nicht.' Wir wollen keine Vermengung «durch Mischehen oder Uebertritte, sondern ein ehrliches Kennenlernen. Jeder soll festhalten an seiner überlieferten Art, jeder im eigenen Lager seine Eigenart Pflegen. Wir wollen ehrlich gestehen, daß wir verschiedener Art und Rasse sind. Die Vermischung der Rassengrenzen nutzt weder dem Judentum noch den Deutschen. Beide Völker sind aufeinander angewiesen und durch Wahlverwandtschaft verbunden. Wir wollen mit den Juden eine Einheitsfront bilden gegen die Auswüchse des öffentlichen Lebens, wie sie sich in Presse, Handel und Wandel auf beiden Seiten zeigen. Nur in dieser Arbeit kann der Antisemitismus überwunden werden. — Dr. Paul Nathan, der die Aussprache eröffnete, bemerkte, daß die jüdische Empfindlichkeit, die Tr. Müller hervorhebt, eine Abwehrreaktion auf die langen Leiden der Juden ist. Eine Herabsetzung dieser Empfindlichkeit wird auch von den. Juden erstrebt. Die Vorwürfe gegen die Presse mögen im allgemeinen berechtigt sein, treffen aber die Juden nicht mehr als alle anderen Mitarbeiter derselben, da sich die gleichen Erscheinungen auch in allen denjenigen Ländern zeigen, in denen die Juden keine führende Rolle in der Presse haben. Die Phalanx der Anständigen auf beiden Seiten wird eine Zukunftsarbeit für alle werden, die es ehrlich mit dem Vaterland meinen. -- Professor Dr. S t r a ck fürchtet vom 'Antisemitismus eine schlimmere Wirkung auf die Christen als auf die Juden. Die jüdische Ueberempsindlichkeit, mit der alle für einen eintreten, z, B. in Protestkomitees, wenn ein einzelner Jude fälschlich des Ritualmordes beschuldigt wird, muß die christlichen Mitbürger abstoßen. Gewiß hat das Kriegsgewinnlertum sich nicht auf die Juden beschränkt, aber die berechtigten Auswüchse sollen von den Juden zugegeben werden. Noch ist es zu früh für gemeinsames Schaffen, aber;bi,e Arbeit des einzelnen muß schon jetzt einsetzen. — Rabbiner Dr. B a e ck betont, daß der Antisemitismus keine Angelegenheit des Judentums, sondern des Christentums und des deutschen Vaterlandes ist. In den Jahrtausenden unserer Wanderungen haben wir uns eine gewisse Gelassenheit erworben. Wir haben Assyrien und Babylon, Hellas und Rom überlebt und werden auch den Antisemitismus überdauern. Der Haß gegen die Juden stammt aus der Unkenntnis. Was ist das Judentum, das uns über alles teuer ist? Es ist die einzige Gemeinschaft, die keine Konzessionen kennt, die nie ihr Knie einem Bilde oder Baal beugte, das lebende Zeugnis für eine Macht, die mehr ist als Zahl oder Gewalt. Unsere Gesamtheit wehrt sich, wenn dem einzelnen ein Unrecht geschieht, nicht des einzelnen wegen, sondern weil unser Rechtsgefühl verletzt wird. Wenn das Judentum begriffen sein wird, werden die Christen auch die Juden verstehen. —- Oberiverw-altungsgerichtsrat Dr. W e h m >a n n meint, wenn das Judentum wirklich so wäre, wie Rabbiner Dr. Baeck es schilderte, so gäbe es in Deutschland keine Judenfrage und keinen Antisemitismus. Dem jüdischen Geiste liegt aber die Wendung zum Radikalismus!, der Deutschlands Untergang verursachte. Erst lvenn es dem Judentum gelingt, diese von seinem Wege abgefallenen Bestandteile zu überwinden, kann von gemeinsamer Arbeit gesprochen werden.— Professor Dr. Ludwig S t e i n spricht sich für den Versuch einer Einheitsfront ans. Nur die Betonung des Gemeinsamen kann die jetzigen Gegner zusammensühren. Wäre der gleiche, gute Wille auch aus antisemitischer und deutschnationaler Seite vorhanden, so wäre die Einheit schon gegteifrem Graf v. H o en sbro ech erklärt, daß er den Antisemitismus verabscheut. Die Judenfrage in Deutschland sei aber keine religiöse, sondern eine nationale Frage. Die Gegenüberstellung' Juden und Christen ist falsch, sie nmß lauten: Juden und Deutsche. Deutsche und Juden sind verschiedenen Volkstums. Beide Rassen müssen sich verstehen lernen. Wenn das gelingt, so ist der Boden für gemeinsames Wirken gegeben. — Dr. Cora B e r- 1i n er gibt zu, daß die heutige Judenfrage nicht nur eine religiöse, sondern in wesentlichen Teilen eine Rassen- und Abstammungsfrage ist. Trotzdem ist eine Gegenüberstellung von Juden und Deutschen falsch, da es wohl eine arische oder germanische, aber keine deutsche Rasse gibt. Die Zugehörigkeit zum deutschen Volke kann den Juden mit. derartigen Argumenten nicht bestritten werden. Die Volkszugehörigkeit ist eine Frage - der Ueberzeugung und des Wollens. — Dr. Jsmar F r e u n d gibt seiner Befriedigung. Ausdruck, daß ein Verständigungswillen auch bei den Gegnern zum Ausdruck -gekommeni-st. Wir Juden sind nicht verblendet genug, uns für fehlerfrei zu halten, wir verwahren uns aber dagegen, daß unsere ganze Gemeinschaft verworfen wird, weil in unseren! Kreise auch Schlechte sind. Wir Juden fühlen uns als Deutsche, ohne zu verkennen, daß wir anderen Blutes sind. Wir sind Glieder der gewaltigen deutschen Kulturgemeinschaft, >d-ie nur mitgeschaffen haben. Stud. Georg Lech le r, ein Führer 'des „Wandervogels", erklärt, daß er der Einladung des Jugendverbandes gern gefolgt und bereit ist, sich mit der jüdischen Jugend auseinanderzusehen. Wenn die Jugend znr Jugend spricht, kann sie sich vielleicht verstehen, Juden und Christen sollen sich als Bewohner eines gemeinsamen- Hauses mit Achtung gegenüberstehen. Achtung bedingt noch.keine Freundschaft, aber sie ist entfernt von Haß und Kampf. -- Nach einein Hoch auf das deutsche Vaterland schließt Dr. Apfel in später Stunde die interessante Veranstaltung. 2/D Berlin, 2. Dezember. Im I ü d i s ch - l i b e r a l e n I ugendverein zu Berlin sprach am 25. v. M. Herr Prediger Dr. C o b le n z über den „Einfluß der großen französischen Revolution auf die soziale und staatsbürgerliche Stellung der Juden". Anknüpfend an die unerträglichen Verhältnisse, die in Deutschland und ebenso in den meisten anderen Ländern Europas dem Juden das Leben zur Qual machten, da sie ihm die einfachsten Menschenrechte nicht zugestanden, ließ der Redner in packenden Bildern vor den Augen der zahlreich erschienenen Zuhörer die große französische Revolution Heraufziehen. Der Geist Lessings, dessen Nathan die erste große Tat für die Juden war, fand zuerst in Frankreich Widerhall. Dort lebten die Juden unter ähnlichen Verhältnissen wie in Preußen; am schmachvollsten war das Los der el-sässischen Juden. Die Abschaffung des Leibzollgesetzes im Elsaß war der erste Schritt zur Emanzipation. Nunverstummte die Stimme der Menschlichkeit und Gerechtigkeit nicht mehr. Mirabeau, der größte Geist der französischen Revolution, und der edle Abbe Gregoire erkämpften mit ihrer glühenden Beredsamkeit Schritt für Schritt die Gleichberechtigung der Juden; bis am 28. Septernber 1791 alle Beschränkungen aufgehoben wurden. Es ist und bleibt das unvergängliche Verdienst der Revolution, daß sie zuerst dem Gedanken Ausdruck verlieh: Kein Staatsbürger darf wegen

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