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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-05 · Heft 49 (5.12.1919) · p. Seite 564

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 49 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
Seite 564 (sequence 12)
Language
German
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!■ & '564 Kollegen ivctren teils in die Fremde gezogen, teils in der Heimat ihm. fremd geworden, Jossel Schlüte, einst sein bester Freund und Jugendgenosse, wohnte ln Tarnvw und war dort als Schwiegersohn des reichen Israel Garsein beliebt und wertgeachtet; von Sara-Lea wußte er nur, daß sie vor zwei Jahren das Gymnasium absolviert hatte und gegenwärtig Medizin studiere; vom rothaarigen Awrnm hörte er nichts, wußte nicht, ob er nach dem höchst peinlichen Sturz, den er im Hause Kalman Schlütes erlitten, das Klettern ausgegeben habe oder im hockenden Häuschen sitze und neue Kraft zu neuen Kletterungen sammle — was scherte Benjamin alles das? Die Welt erbebte unter dem Schlachtengetümmel, und des Krieges eherner Tritt dröhnte, alles übertönend, durch die verdüsterten Straßen der Stadt, wo noch vor kurzem, in Friedenszeit, ein buntes Leben geherrscht hatte. Der Kriegsdonner betäubte Benjamin, stumpfte seine Nerven ab, wiegte seine leise nagenden Schmerzen, sein Herzeleid in eine Art von Narkose, daß er — wie das Ohr beim Meerestosen für die sanftere Schallwelle — für das stille eigene Weh fast unempfänglich wurde. Beim Ausbruch des Krieges durchzuckte ihn noch einmal der Gedanke an das Auslöschen des eigenen Selbst. Er wollte fürs Vaterland kämpfen und zugleich den Tod suchen — auf dem Felde der Ehre. Mit wilder Seligkeit wollte er sich in das Feuer der Schlacht stürzen und, während die Geschütze donnern, dröhnen, pfeifen, knattern, in Flammenbächen untergehen. In Schönheit wollte er sterben — er kannte seinen Ibsen. Als ihn indessen die Kommission bei der ersten Musterung als zum Waffendienst ungeeignet entließ, nahm er es gleichgültig hin und tröstete sich mit der Einsicht, daß. wer auf dem Felde der Ehre den Tod sucht, zumeist nur.eine Tapferkeitsmedaille findet. In letzter Zeit Pflegte Benjamin täglich das Cafe Stäubler zu besuchen. In der Stadt waren drei Kaffeehäuser, das von Stäubler war das vornehmste. Offiziere und Zivilisten, Schachspieler und Billardspieler, Zeitungsschlucker und Börsenjobber pflegten sich dort ein Stelldichein zu geben. Im Kriege war es der Sitz der Kaffeehausstrategen, die Schlachten schlugen, Siege erfochten, kurzerhand Landkarten änderten und Richtung und Ziele der militärischen Operationen in einer Weise vorhersagten, als hätten ihnen Hindenburg und Hötzendorf alle Geheimnisse ihrer Feldzugspläne verraten. Benjamin gehörte nicht zu diesen Kafsoehausstrategen, er gesellte sich auch nicht zu ihnen. Still saß er in einer Ecke und las seine Zeitung. Des Abends aber, nachdem er gemeinsam mit Onkel Chajim und Tante Mirl das Abendbrot verzehrt hatte, schloß er sich in seinem Zimmerchen ein und las bis spät in die Nacht das Buch „Die Prüfung der Welt" von Jedaja Hapenini. ein Lehrgedicht in hebräischer Sprache, ein düsteres Buch, worin ein Dichter und Denker seinen tiefen Weltschmerz in gedanken- und bilderreicher Sprache offenbart, (flortsetzmig wlstt.» Litrrarilchr Mitteilungen. — Gert t u 'b M a x x : Jüdische Gedichte. Ausgewählt von Berta Badt. Jüdischer Verlag, Berlin 1919. Ans den Gedichten der uns vorliegenden Sammlung. spricht eine warm empfindende, reich begabte Frau-enseele. Berta Badt hat sich .der dankenswerten Mühe unterzogen, eine aufgewühlte Reihe von jüdischen Gedichten der unlängst 'dahingeschiedenen« Verfasser in znsammenzustellen und der Lessen tlichkeit zu überreichen. Wenn Berta Badt in ihrem recht interessanten Vorwort bemerkt, daß sich in, den Worten der Dichterin „das gesegnete Leben einer neuen Glückel von Handln" widerspiegelt, so können wir ihr nur beipslichten. Wußte doch -auch Gertrud Marx seltene Tugenden einer Gattin mib liebevollen Mutter mit umfassendem Verständnis für das gesamte Godankenleben ihrer Zeit zu vereinen. Dieselbe Verehrung, die sie dem Schassen deutschen Geistes zollt, bringt sie auch den Gedankengängen eines Iehuda Halevh, Salomo ibn Gabirol unS ' Bachja ibn Pakudn.entgegen. -- In dein uns vorliegenden Werke kernen wir die Dichterin vor allem« tu ihren Beziehungen zum Judentum kennen. Wenn auch Gertrud Marx ans dein Boden des überlieferten Jude steht, , sp hindert sie dies nicht, jeglicher Parteirichtung »duldsames Verständnis en tgegenzubringeu. Sie ist keine streitbare Natur; tendenziöse Partei Politik liegt ihren einen stillen Seelenadel verratenden Versen fern. Ans allen ihren Aeutzerungen Äber klingt ein tiefer Grugdtoncher Liebe zur jüdischen Religion und zum« jüdischen« Stamm. Diese Siebe will versöhnend wirken, nicht entKveiewd. Sie mahnt die Heißsporn,e in allen. Lagern zur Mäßigung und bringt jeder Richtung, auch der jnngj.üdischen, liebevolles Verständnis entgegen' Wie die Dichterin trotz ihrer Anhänglichikeit am Judentuni doch deutsch zu empfinden weiß, soll fcilgendes Gedicht zeigen: „Ein jüdi'sch Kind, auf deutscher Scholle Geboren und von ihr genährt. In. dein das Herz, das übervolle, In doppeltem Enlpsinden gärt. Gin jüdisch' Weib, in tiefster Seele Des Vätergottes treu bewußt , Und deutsche Lieder in der Kehll Für Menschenleid irnd Menschenlust. Gin jüdisch' Fühlen«, dessen Laute Die deutsche Sprache liebend -deckt Und- Heimatklänge, altvertrante. In jedem Mutterherzen weckt." Das auch äußerlich dezent -und geschmackvoll ausgestattete Buch, das mit einem Bildnis der Dichterin nach einer Lithographie von Hermann Struck geschmückt ist, bildet eine-willkommene Bereicherung unserer mo«derneri! deutsch-jüdischen Literatur. Möge «das Buch die Verbreitung in jüdischen Häusern finden, die es verdient. B. Katz. * — Finger m änn, Jakob: „Die Flucht aus Jerusalem". Berlin und Wien, R. Löwit Verlag. Tie beiden Novellen legen Zeugnis von großer dichterischer Gestaltungskraft ab. Besonders die erste Novelle zeigt, was nachschaffende Phantasie aus der. jüdischen Geschichte zu machen imstande ist! Sie führt uns in. die letzten Tage der Belagerung Jerusalems durch di-e Römer. Die Sprache der Dichtung ist von wundervoller Kraft, und durch Jahrtausende getrennt ist die. Zweite Novelle von der ersten. Sie führt uns die Tragödie eines innerliche haltlosen, am Leben zerbrechenden modernen Juden, den auch sein guter Geist, seine Tochter, nicht von dem Wege des Verderbens sernhalten kann, und der in Buenos Aires untergeht. Auch in dieser Erzählung ist dichterische Kraft, auch hier das Empfinden eines warm sühlenden Menschen. — Das Büchlein ist auch äußerlich schön ausgestattet, was in den Zeiten des Löschpapiers besonders wohltut. Dr. W i l l y G o h n. Sprechlaal. S ehr g e e h r t e r Herr R e d a k t e u r! Im „Sprechsaal" Ihres geschätzten Blattes vom 28. November erinnert Herr Lewinski daran, daß er der Urheber des Antrages sei, den Kriegsteilnehlnern «das Wahlrecht unabhängig von den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen zu wahren, und mein-t, ein der Sache damals, d. h. im Jahre 1915, .entgegengebrachtes Interesse nicht darin erblicken zu können, daß nicht der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde, sondern der Gemeinidebund die entsprechende Eingabe an das Ministerin'M gemacht hat. Allein, wer unbefangen der Angelegenheit gegenübersteht, wird im Gegensatz zu Herrn Lewinski gerade hierin die Be k.u n d u n g ei n e s höheren Interesses sehen und dem Gemein devorstand nur Beifall zollen, daß er weit über Berlin hinaus geblickt hat. Denn die Erhaltung des Wahlrechts der Kriegs-teilnehmer ist eine a l l e preußi sche n Gemeinden an,gehende Sache, und daher war der Gemeindebund, dem, nebenbei bemerkt, 1200 Gemeinden arigeschlossen sind, in erster Linie dazu berufen, «den ersten Schritt an maßgebender Stelle zu tun. Berlin, 30. November 1919. - Hochachtungsvoll Prof. Dr. S. Kali scher.

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