Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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863 3S5E iBrnjamina Liebeslikd (22. Forts.) Roman von- S a m u e'-l M eise l s. egen dreier Namen", sagte er, „ist der Messias berühmt und wegen des vierten die Krone der Schöpfung. Er heißt die „Erlösung", denn er wird uns von allem Niedrigen erlösen und uns zur Höhe führen, der Sonne entgegen; die „Erweckung", denn erwecken wird er in uns den Geist der Weisheit und der Einsicht, den Geist des Rates und der Erkenntnis; die „Gerechtigkeit", denn er wird die Welt mit Gerechtigkeit gürten und die Treue wie einen Wall um die Menschheit aufrichten. Ueber allen diesen leuchtet sein Namen „Friede". Denn er wird den Oelzweig des Friedens den Völkern bringen und die Nächsten und Fernsten einen; ein festes Band wird er um Völker und Nationen schlingen, Wahrheit und Gerechtigkeit auf Erden walten lassen die Folge der Gerechtigkeit ist Friede ..." Und als der Rabbi so vom Messias und von dem Oelzweig des Friedens sprach, da verstanden die Chassidim, daß es Krieg geben wird. — Der Krieg war ins Land gekommen. Mit gewaltigem Ungestüm wuchs er empor und ward zu einem mächtigen Feuerquell, aus dem gleichsam leuchtende Strahlengarben und verheerende Flammenfluten lawinengleich heworbrachen. Der Krieg übte auf die Menschen, je nach ihrem Alter und Stand, nach ihrem Charakter und Temperament, eine doppelte Wirkung aus: er belebte die einen und lähmte die anderen, er erleuchtete diesen und umdüsterte jenen, er brachte manchen zur Besinnung und so manchen machte er besinnungslos. Der Krieg hat sein Doppelantlitz, sein Gut und sein Böse, seine Lichtunb seine Schattenseite, so gut wie jedes andere Ding auch. Auf der einen'Seite: ein lebendiges Leben, das selbst den Tod verlebendigt. Auf der anderen: Tod und Verheerung, Massenelend und Massenwanderung, Menschenleid und Menschenjammer. Der Krieg ist ein großer Erwecker; aber erweckt in der Gegenwart für die Zukunft und verschlingt alles, was vergangen ist, und breitet das Vergessen aus — und alle Erinnerungen bleichen. Es war nach der ersten großen Schlacht bei Lemberg, wo die österreichische Oberste Heeresleitung sich veranlaßt sah, ihre Armeen vor einem fünffach überlegenen Feinde auf rückwärtige, strategisch günstigere Stellungen zurückzunehmen — da hing der Himmel gewitterschwer über der schönen Stadt, die einst voll Leben und Lustigkeit war. Stumm und bleich bewegten sich die Menschen durch die Gassen. Aus dem Platz „Am Tor" standen die Leute und raunten und tuschelten und sprachen leise, von Mund zu Ohr, als hätten sie Angst, die Heiligen vor dem nahen Kirchengebäude könnten ihre Worte vernehmen . . . Angst war auf ihren Gesichtern, und die bange Furcht lugte aus ihren Augen ... Es war die Furcht vor der Invasion des Feindes. . . Wer hätte da noch an Stadtereignisse, an Sensationen aus früheren Tagen, an Schlütesche Abenteuer oder gar an verwegene Sara-Leas denken mögen? — Niemand. Damals — als die Flucht Sara-Leas aus ihrem Elternhause bekannt geworden war, da hatte die ganze Stadt wie ein Dampfkessel gekocht, gesiedet, geschäumt und das Ereignis wie eine welterschütternde Begebenheit behandelt. Die Nachricht von Sara-Leas Flucht war mit Windeseile bis in die entferntesten Winkel der Stadt und weit, weit darüber hinaus gedrungen, und der Fall hatte ein solches Aufsehen erregt, daß die größten Tageszeitungen Lembergs und Krakaus sich mit dieser Affäre in einem orthodox-jüdischen Hause eingehend beschäftigt hatten. Dem Beispiele der großen Tagespreffe waren die Wochenblätter in der Provinz willig und mit Behagen gefolgt und hatten sogleich die Gelegenheit benutzt, ihre bedeutenderen und einflußreicheren Kollegen dadurch zu übertrumpfen, daß sie den Bericht mit schreienden Ueberschristen und allerhand frei erfundenen Zusätzen ausgeschmückt hatten. Nur ein einziges Blatt hatte diesen Fall nicht zur Kenntnis ihrer Leser gebracht; das war die „Stimme der Gesetzestreuen". Um so mehr hatten sich die Abonnenten des gesetzestreuen hebräischen Blattes mit der Affäre Sara-Lea beschäftigt. In Ermangelung eines gedruckten Berichtes hatten sie sich „Am Tor", ihrem ständigen Nachrichtenbureau, nach geeigneten Sonderberichterstattern umgesehen, die ihnen unermüdlich alle näheren, das hochwichtige Ereignis betreffenden Details übermittelten. Auch mündliche Berichte haben ihren Wert, besonders für Gesetzestreue; und es versteht sich von selbst, daß in solchem Falle die mündlichen Berichte nicht zu knapp gewesen waren. Der junge Mann, der sonst bei jedweder Gelegenheit mit der ersten Nummer der „Stimme der Gesetzestreuen" zu paradieren pflegte, war um eine lückenlose Berichterstattung eifrig bemüht gewesen. Er hatte dafür gesorgt, daß die Leute über den wahren Sachverhalt uu fait gesetzt werden; stündlich hatte er sein Extrablatt ausgeschrien, und die anderen Berichterstatter hatten seinen Bericht flink weiterverbreitet. Seine Berichterstattung war äußerst geschickt gewesen, wie es der routinierteste Journalist nicht hätte besser machen können: jedesmal eine andere Version und jede Version, versteht sich authentisch, aus der zuverlässigsten Quelle. Bald war Sara-Lea nach Wien geflüchtet, um dort ihren fchweinesressenden Onkel, einen Millionär natürlich, zu heiraten, bald hatte sie in einem Kloster zu Krakau freundliche Aufnahme gefunden, zu guter Letzt hatte sie sich in einer Kirche in London mit einem Ingenieur, einem Christen, trauen lassen. „Ein Ingenieur, ein Christ, wäre für Kalman Schlütes Tochter auch reichlich genug", hatte damals Feiwisch Narr gesagt und die Zustimmung aller Müßiggänger „Am Toir" gefunden. Damals — als Benjamin von Jossel Schlüte den letzten Abschied genommen und tags daraus das letzte Abschiedsbrieschen von Sara-Lea erhalten hatte, da hatte das Liebesweh still und beharrlich an seinem Herzen genagt. Still und beharrlich hatte das Liebesweh seine gefährlichen Fallstricke ausgelegt und ihn immer weiter, immer tiefer, bis an den Rand der Verzweiflung gezogen, wo das Spiel mit dem Gedanken, das eigene Selbst auszulöschen, dem Lebensschmerz, der Liebesqual ein Ende zu machen, ein furchtbarer Ernst zu werden droht. Tage-, ja nächtelang pflegte er damals in seinem Zimmerchen zu sitzen und Frau v. Staels „klellexions sur le suicide" und denvom Selbstmord handelnden Abschnitt in Schopenhauers „Parerga und Paralipomena" zu lesen und immer wieder zu lesen. Aber allmählich ward er — vielleicht gerade durch das viele Lesen — von dem furchtbaren Gedanken genesen, allmählich war er in fein Schicksal hineingewachsen, und er hatte das Liebesweh mit allen seinen Wonneschauern durchkostet. Allmählich! hatte er sein Liebesweh zu lieben begonnen, denn es gab Inhalt seinem vereinsamten Leben und war vollgerüttelt mit Erinnerungen an Höhenwanderung und Waldesduft, an Hoffnungslieder und Konzerte der Konzerte, an Wortwurfspiele und an all seiner Jugend Schönheit und Glück. Das war — damals. In den Zeiten aber, da Geschichte Erlebnis ward, begannen seine Erlebnisse zu verblassen, sich in schleierhafte Nebelfernen zu entrücken, auch das Gefühl der Vereinsamung war in seinem Herzen erstorben. Er hatte kein Haus, kein Häuschen mehr, keine Stätte der Erholung, keine der Zerstreuung, seine