Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 562 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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sir in Stal'icu, Griechenland. Deutschland und Frankreich gcschriöbcn wurden, haben gegen 250 Verfasser gearbeiiet, so daß durchschnittlich nicht fünf Selichas auf einen Dichter kommen. Da hingegen haben allein die fünf Dichter: Salomo Gabirol, Isaak Giat, Mose den Esra, Jehuda Halevi. Aben-Esra. außer zahlreichen weltlichen zusammen an 1000 synagogale Gedichte für Piut und Selicha geliefert . . . Die Lynagogaldichter, zumal in den germanischen, romanischen Ländern, haben wir fast nur unter den Gesetz- und Schullehrern, den Schreibern und Punktatoren, den Thoralesern and Vorbetern aufzusuchen. Einige halten die Ehre, verbrannt oder erschlagen zu werden, anderen wurden die Angehörigen getötet: Die Musen de» Schreckens und des Elends haben alle begeistert." Im Zusammenhänge mit der Darstellung der Leiden und Dichtungen illustriert Zunz die Tragik der jüdischen Geschichte durch seine Uebersetzungen von 226 Gedichten, welche wie eine Blumenlese der Martyrologie über das ganze Buch zerstreut sind. Er hat gerade die am wenigsten bekannten Dichtungen und Hymnen, die nicht bereits von Michael Sachs übersetzt worden sind, als Zeugnisse der jüdischen Leidensgeschichte seinem Buche einverleibt. Das sechste Kapitel „Zwei neue Jahrhunderte" beschließt dieses Buch. „Das sogenannte Mittelalter war vergangen, das wirkliche dauerte fort." Kaum war dieses Buch erschienen, unternahm Zunz eine große wissenschaftliche Reise; 12 Tage im Britischen Museum, 20 Tage in der Bodleyana in Oxford, 3 Tage in Paris genügten ihm, um aus 280 Manuskripten und 100 seltenen Drucken das Material zu schöpfen, das zur Vollendung seines Werkes ihm erforderlich schien. Das Jahr darauf setzte er seine handschriftlichen Studien in Hamburg fort, wo er 80 hebräische Manuskripte exzerpierte. 1859 erschien die zweite Abteilung der synagogalen Poesie, das unübertroffene Buch: „Der Ritus de s synagogalen G o t t e s d i e n st e s, geschichtlich entwickelt" (249 Seiten)"’). S. 3—5: „Tie Zerstreuung in entlegene Länder mußte der Bildung abweichender Rituale Vorschub leisten. Je seltener und schwieriger die Verbindungen waren, desto fester wurzelte der Brauch an den einzelnen Orten ein, zumal wenn -das Ansehen -der örtlichen Lehrer und Borsteher hinzukam. Auch die Bildungsstuse und die Litten der Völker übten ihren Einfluß aus. Tie unter Persern und Arabern, unter Lyriern und Griechen, unter Galliern und Goten, die in heißen und gemäßigten Erdstrichen Lebenden mußten die Wirkung auf Eebetsinhalt und Ritnswesen verspüren. Unzählige Vorstellungen und Gebräuche haben ihren Ursprung, ihre Fortbildung in dem Zusammenhang des Lebens mit anderen Völkern: das Klima und die Litte, die Kultur und die Lprache spiegeln sich auch in dem Gottesdienste ab .... Noch weniger konnten die Schicksale, welche die Juden tn den verschiedenen Ländern trafen, unbemerkt an dem Gottesdienste vorübergehen; vielmehr bestimmten sie vorzugsweise Inhalt und Charakter vieler Gebete: ein Ereignis schuf oft eigene Gedenktage, eigene Gebetsweise." In fast unabsehbarer Inhaltsfülle und doch in gedrängter Knappheit wird dieses Buch als Muster wissenschaftlicher Kommentation und wahrheitsliebender Kritik bezeichnet. Aus dem Nebel, der ein Schrifttum von mehr als zwei Jahrtausenden bedeckte, tritt hervor ans Tageslicht der Ritus durch seine ganze Entwicklung, von den Anfängen bis zu den größten zyklischen Sammlungen. Wiederum unternahm der Altmeister eine Forschungsreise, diesmal die Handschristenschähe Italiens zu durchsuchen: über 120 Kodexe durchforschte er in der Derossiana zu Parma. Von lö) Die Werke Zunzens sind bibliographische Seltenheiten geworden. Die Bibliothek des größeren Jüdischen Literaturvereins in Königsberg i. Pr. besitzt nicht einmal die „Gesammelten Schriften" von Zunz. Es ist daher zu begrüßen, daß neuerdings bei- Louis Lamm (Berlin) einzelne Werke wenigstens im „a na statischen Druck" erschienen sind, welche aber auch schon vergriffen sein sollen. dem Besuche Roms und der Vaticana durch btc damals noch obwaltende Unduldsamkeit abgehalten, veröffentlicht er 1864 die Frucht seiner italienischen Reise: ein Schriftchen: „Die hebräischen Handschriften in Italien, ein Mahnruf des Rechts und der Wissenschaft." Hauptsächlich aber gabt ihm die Krönung feines Werkes, den Abschluß der synagogalen Poesie zu vollbringen. Am 26. September 1 8 6 5 vollendete Zunz das Vorwort zur „Literaturgeschichte der synagogalen Poesie" (XI, 666 Seiten«), der 1 8 6 7 der „Nachtrag zur Literat u rg e s chich t e d e r s h n a g o g a l e n P o e s i e" (76 Seiten) folgte. Das umfangreiche Werk ruht auf einem Grunde von größtenteils von Zunz selber durchgemusterten' 500 Manuskripten aus 20 Bibliotheken des In- und Auslandes und von einer immensen Zahl alter und neuer wissenschaftlicher Werke. Zunz schickt beherzigende Geleitworte voraus: „Die synagogale Poesie darf man die Begleiterin der Geschichte des Judentums nennen. Meinungen über Wert und Bedeutung -des einzelnen Gedichtes, Wünsche über die Stellung des Piut im öffentlichen Gottesdienste ändern nichts an dem Range dieses -großartigen Monuments vielhimdertjährigen Kampfes. Wer als Jude mit vornehmer Verachtung an demselben vorübergeht, ist unberufen zum Geschichtsschreiber: wer in sich [einem Stamm verachtet, kann dessen Taten nicht darstellen. Es würde schon — wie Grimm sagte —- der Mensch sich selbst geringschätzen, wenn er das, was seine Ureltern nicht in eitlem vorübergehenden Drang, vielmehr nach bewährter Sitte lange Zeiten hindurch hervorgebracht haben, verachten wollten Nun aber ist die in den- Psalmen wurzelnde Selicha und der mit der Prophetie zusammen,hängende Piut, beide durch Leiden geheiligt, mehr denn bewährte Sitte: sie sind die Denkmäler der Vorfahren, und der von ihnen erfüllte Gottesdienst wurde das in tausendjährigen Gefechten einporgeh altem Panier Israels." „Aber von den Denkmälern sind die Erbauer nicht zu trennen, die Urheber nicht von -den Gesängen und Gebeten. In dem- Urheber tritt die Vorzeit persönlich vor uns: das Dichterheer, liebend und blutend, wird ein mit uns verwandter Teil des Menschengeschlechts, der uns belehrt und erfreut, mit uns lacht und mit uns weint." Wie groß die überwältigende Arbeit dieses einzigen war, die Lebensbeschreibung und Dichtung aller jemals der synagogalen Poesie sich Weihenden, d. h. also der besten und bedeutendsten Geister des jüdischen Volkes, zu schildern, ist zu ermessen, daß der Zeitraum von 770 bis 1798 alle Länder der Diaspora umfaßt; 1816 Selichas, 3057 Piutstücke, wozu noch im Nachtrag 500 Stücke kommen, und etwa 1000 Autoren, wozu im Nachtrag noch 100 hinzükommen, werden in diesem Werke von Zunz namhaft gemacht, erläutert und kritisch beleuchtet. „Das Geistesleben der Juden, vornehmlich in Deutschland und Frankreich, in Spanien und Italien, aber auch in anderen Gebieten, hatte hier ein Quellenwerk «erhalten, bas den bisherigen Darstellungen der jüdischen Geschichte unschätzbare Bereicherung und Berichtigung zufühvte. Die wirre, gewissermaßen geschichtslose Masse des -liturgischen Stoffes war hier, wie von einem Schöpserruf getroffen, nach Orten und Zeiten Plötzlich geschieden, gegliedert und geordnet, ein wahres Auferstehungswerk auseinandergefallener Glieder, eines großen zertrümmerten Organismus."^) Altmeister Zunz ist 73 Jahre alt geworden, als er sein großes Werk, unabsehbar vielseitig, -endgültig abschließen konnte und dazu sagen: „An der Piutausgrabung und der Autorenkunde war fürs erste des Suchens und Findens genug; das werden, hoffe ich, die künftigen Goldarbeiter dem Erzschmelzenden zugute halten." (Ein- Schlichkapitel folgt.) -°) Kaufmann idiäem, S. 349. i