Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229392-3229439--75370-3287874- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
r m. diesem Schrifttum ein Ruhmesdvnkmal gestiftet und ein bleibendes Andenken aufgerichtet^). Das erste Äapitel „Psalmen" als Urquelle des Gebets'ist wohl die Einleitung zu dem herrlichen Buche. Jedes Wort zeugt Treue und, Liebe. f | 'S.'6: „Israel ist dasselbe -geblieben, auch ohne Herrschaft und Tempel; seine Frommen, wie sie einst in den Psalmenfallen und sich nicht -ergeben, leuchten noch immer ihren Brüdern vor. lehrend und sterbend, in Mischna,, Midrasch-und Gebet. In den sabbatlichen und festlichen Vorträgen wird der Weise der Prophet, und -der Vorbei e r, . der auch der Abgeordnete der Versammlung heißt, der Psalmist. Jener bereichert die Lektionen mit seinen Belehrungen, dieser den Psalm und die Tefilla mit freien Kompositionen. Allein die Ideen des Psalmi-sten erfüllen -auch den Midrasch, und die Aussprüche und Begebenheiten älterer Zeit werden ans die Gegenwart angewandt und derselben angepabt." S. 7: „So ward, im Laufe der Jahrhunderte das Gebet oder vielmehr der den Tempeldienst vertretende öffentli-che Gottesdienst ein Atittelpunkt, um welchen das politische wie das religiöse, das denkende wie das poetische Israel sich bewegte. Da aber diese vier Leiten nur die vier Gesichter eines und desselben göttlichen Geistes waren, so sielen nach und nach denr Gebete alle geistigen Schätze zu, und ausgenommen ward in den Gottesdienst N a t i o n a l g e s ch i ch t e und L e i d e n , Vergangenheit uird Zukunft,, das Verhältnis des Geistes zudem Urgeist des ein-! zelnen zur Menschheit, des Menschen zur Natur, und die dichterischen ' Stoffe, die in Schrift und Haggada aufgehäuft -lagen, wurden von den Dichtern der Synagoge angebaut. . ., in sich allein eine Schatzkammer von Religion und Geschichte, von Poesie und Philosophie." In der Wissenschaft wird dieses Buch als ein Monument erachtet, der Leidensgeschichte der Juden im Mittelalter gewidmet, und in dem zweiten Kapitel „Leiden-" gibt Zunz diesem Monument folgende begeisterte und begeisternde Inschrift: S. 9: „Wenn -es eine Stufenleiter der Leiden gibt, so hat Israel die höchste Staffel -erstiegen; wenndie Dauer der Schmerzen und die Geduld, mit welcher sie ertragen werden, adel n, so nehmen es die Jud-en! mit den Hochgeborenen aller Länder auf; wenn eine Litera tu r reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, w e l -ch e r Platz g -e b ü h r t d a n n einer Tragödie, die anderthalb Jahrtausende währt, gedichtet u n d da r ge st ei I I von den H e l d e n selbe r?" Ein glühender Verehrer Zunzens, der leider früh verstorbene Professor David Kaufmann, schildert in seinen Erwiderungen an Professor de Lagarde treffend die herrliche Eigenart des Buches: „Zunz hat mit der Intuition, die ihm eigen gewesen, die Notwendigkeit erkannt, den Boden zu beschreiben, indem die jüdische Poesie des Mittelalters aust gegangen ist, in Dichters Lande uns zu führen, den Kristall mitsamt der Mutterlauge, in der er eingeschlossen, zu zeigen. Er, der wie keiner vor oder neben ihm den Sturm der Seufzer begriffen hat, der aus jenem Schrifttum jedem fühlenden Menschen entgegenbraust, der tiefer als einer in die Tränenflut niedergetaucht ist, die man synagogale Poesie nennt, er hat das Bedürfnis empfunden, den Jammer, aus dem heraus so viel Seufzer undso viel Tränen -allein verständlich werden, anschaulich zu machen und die herzergreifenden Tatsachen, die all die Klage hervorgerüfen, im Ueberblick an uns vorüberziehen zu lassen. Mit einer Gelehrsamkeit, der alles gegenwärtig ist, mit einer wortsparenden Kürze, der es aus das Wesentliche allein ankomwt, mit einer anspruchslosen, die Ergebnisse allein vorlegendenBeschränkung und wahrhaft vornehmen Ruhe wird Zunz hier zum Chronisten, zum Geschichtsschreiber seiner Glaubensgenossen, der die schwarzen Tage in ihrem Kalender verkündet. Leiden uttö Selicha hängen zusammen wie Blitz und Donner, wie Schmerz und Tränen."18) 17) Kaufmann, „Gesammelte Schriften" I, S. 847. 18) Ibidem S. 223/24. Lassenwir weiter Zunz selbst sprechen; dadurch erst wird uns Zunzens Geschichtsdarstellung und seine Diktion recht klar: S. 9: „Die Zerstreuung der Juden, an und für sich schon ein Unglück, zumal bei ihrer Sehnsucht nach Vereinigung, hätte einem menschlichen Gemüte Achtung und Milde einflvßen sollen: wurde ja bei ihnen der Fremde geschützt. Die Geringen-, die Schwachen hätten Schutz Hervorrufen müssen: inan zog es vor, sie mit Erpressungen, mit Stellern, und Abgaben zu drücken und denr "Armen noch Strafgelder aufzulegen. Wer, sagt der Midrasch, sich durch eine Dornenhecke durcharbeitet, bleibt, während er sich an.der einen Seite losmacht, mit den Kleidern an der anderen Seife hängen, gerade rvie es einem in Esaus Reich ergeht. Alan hat kaum die Grundsteuer bezahlt, wird das Kopfgeld eingefordert, und während dies eingeiriebenwird, ist schon der Tributexekutor da." „Die Geschichte des europäischen Mittelalters bildet den Kommentar zu diesen Sprüchen. Hab, Hab (Gib, gib). Der Ahn des -schwäbischen Hep hep ist der Drohrus des römischen Reiches." S. 14/15: „So schrecklich das Los der Juden in jenen Jahrhunderten war, so kann man sich kaum darüber wundern. Das Mittelalter ist die Zeit der Barbarei, d. h. der vereinigten Herrschaft von Fanstrecht, Unwissenheit und Pfaffentum; Inquisition und Ketzerverbrennung, Pfaffentum und Raubgier haben den Flor der Provence zertreten, Spanien arm gemacht: Desiwten und Priester haben auf ihrer Spur mehr Brandstätten und Elend zurückgelassen, als Scythen, Hunnen und Vandalen zusammengenomuren. Unter Polen und Böhmen, Magyaren, Ehasaren, Franken und Bulgaren, Beduinen und Mongolen ist es ohne Frage -den Juden besser gegangen als unter den miktelalterl'ichen Christen . . . Den Inden, die in England, Frankreich und Deutschland wie eine Ware, aus einer Hand in die andere gingen, wurde bald von Priestern und Machthabern, bald in roherer Weise vom Volte zugemntet, sich taufen zu lassen, und im Weigerungsfälle floß oft Blut. Ein t a -u s e n b faltiges Echo d e r Treue schallt uns beisolchen Austritten aus d e r s ynag o g a l e n Po es ie e n t g e g e n." „Behüte, ben Einzigen zu verleugnen, den Glauben zu verlassen, die Treue zu. brechen" u. dgl. m. „U n t e r dem Drucke entlud das edlere Gemüt sich seiner schönsten Säfte, -die gepreßte BI u m e gab i h r e n D Ui f t, u n d d er Gekettete erschien freier als s e i n B ü t t e l." Der Trauergang, den Zunz durch acht Jahrhunderte (bis 1545) seine Leser hat führen müssen, -dient hauptsächlich zum Verständnis der synagogalen Gebete; er erklärt die Motive des Zorns undder Erbitterung, öffnet die Quellen der Tränen, zeigt uns die Schmerzen und Wunden; wir fühlen die'Leiden, hören die Flüche und teilen die Hoffnungen. Das dritte Kapitel „Pint, Selicha" -und das vierte Kapitel „Selicha-Dichter" verbreiten sich eingehend und belehrend über die metrischen und rhythmischen Formen und über die verschiedenen Arten (Keroba, Jozar, Pismon, Hoschana, Rehitim usw.) und lassen chronologisch geordnet nach -den Dichtern und nach den traurigen Ereignissen, die die Herzensergüsse hervorriefen, die synagogalen Erzeugnisse der Jahrhunderte vorbeiziehen. Zunz schreibt am Schlüsse des vierten Kapitels: S. 331/33: „Ueberschauen wir jetzt die gesamte Selicha-Dich tung in ihrem bisher 800jährigen Gange, so zeigt sich -ein bedeutender Unterschied zwischen der spanischen und der nichtspanifchen. Bei aller Gleichheit der Anschauungen und der nationalen Motive war doch e i n Motiv, das fast nur irr Spanien wirkte: dichterische Begabung. In Frankreich, Deutschland, Griechenland war es das Elend allein, der Dienst der Synagoge, welcher die Selicha schuf, und zuweilen kam dem Schöpfer dieser Gebete ein glückliches Talent zu Hilfe. In Spanien, namentlich in der Zeit der Blüte, gaben die Dichter -das Beste ihres Geistes in ihren Poesien: sie waren zuerst Dichter und darum auch synagogale Dichter; in den übrigen Ländern waren sie Vorbeter und dichteten, von allgemeiner Not und äußerem Berns dazu gepreßt. Daher 'besitzen wir vonden nichtspamschen Syuagoga-ldichtern nicht nur fast -kein nichtsynagogales Gedicht, sondern es ist auch im ganzen ihr Talent, wenig fruchtbar zu nennen, gegen die Dichter Spaniens gehalten. Im Süden stand allerdings den Autoren eine größere poetische Befähigung m Gebote. An etwa 1200 Solichas, ,1 -r - § o '!<; j-'' ft m