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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-05 · Heft 49 (5.12.1919) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 49 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
Seite 558 (sequence 6)
Language
German
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558 Auch die jüdische ftrctu partizipiert an dieser köstlichen Errungenschaft. Auch sie nimmt teil an «der allgemeinen Erlösung aus eiserner Fessel. Wohl sind hier andere Hemmungen vorhanden. Unüberwindlich ist tatkräftigem Handeln keine noch so schwierige Situation. Eine irregeleitete Menge, geschürzt zu blindem Haß gegen die jüdische Bevölkerung, umtost die öffentlichen Berkehrspunkte. Die Straßen, die Häuser, Schulen und Akademien nichts ist sicher vor der Besudelung durch blindwütigen Haß und Raubsucht. Am liebsten würden die Rotten die östlichen Schreckensszenen auch hierher verlegen an offenem Bekenntnis zu diesen Heldentaten fehlt es nicht. Noch aber ist Deutschland nicht so tief gesunken, daß diese Rotten die Herrschaft an sich reißen, ihrer Raub- und Mordgier frönen dürfen --- noch herrscht, bei allem Wirrwarr, Ordnung in deutschen Landen, und die Kultur, in ihren letzten Bestandteilen, wächst und verjüngt sich zusehends. Eine furchtbare Tragik hat eingesetzt. Trauernd stehen wir an der Stätte, die vormals so blühend, so gesund schien. Ter Wurm der Zersetzung fraß an der Wurzel - wir merkten es nur nicht. Neu gedüngt muß der kranke Boden werden, neuer Same in das erfrischte Erdreich gesät und neue Bearbeitung dem mißhandelten Boden reichen Ertrag abziwingen. An dieser Arbeit müssen Frauen sich betätigen. Sie sollen den Beweis erbringen, daß die Befreiung ihnen zurecht geschah, daß sie würdig und imstande sind, Schulter an Schulter mit dem männlichen Teil die Kulturarbeit zu verrichten, den Aufstieg einer neuen Welt aus der alten, zertrümmerten in die Wege zn leiten! Auf zur Tat, ihr Frauen! Insbesondere den jüdischen Frauen erwächst eine Aufgabe, welcher sie sich l nicht entziehen dürfen, können . . . Sie müssen dafür Sorge tragen, daß die noch vorhandenen Gegensätze, die Meinungsverschiedenheiten unter den Kulturvölkern, welche noch so tief tragische Hemmungen zeitigen, beseitigt, daß ein allgemeiner Friedenswille der bereits vorhandenen Friedenssehnsucht die Hand reicht. Die jüdischen Frauen müssen sich vereinigen. Nicht Staaten, Länder, nicht Meere dürfen als Trennungszeichen zwischen ihnen stehen. Sie haben eine Kulturmission, sie haben Werke der Menschenliebe zu vollbringen! Biele Tausende irrender Flüchtlinge, Ueberbleibsel der entsetzensvollen Pogrome, der Abschlachtungen, Vergewaltigungen und Folterung wehrloser Glaubensgenossen - sie alle hungernd, frierend, obdachlos, ihrer Heimat, Habe, ihrer nächsten Angehörigen beraubt - sind auf unsere Hilfe angewiesen. Ter Winter ist mit voller Strenge frühzeitig eingekehrt; die Hilfsaktion, großzügig, machtvoll, muß schnell einsetz e n. Es gilt, noch schwerleidenden, unter der Gewalt; eines unseligen Schicksals erschauernden Kreaturen Hilfe zu bringen, schnell und ausgiebig, bevor auch sie, die Reste glücklicher, geistig wertvoller Familien, völlig zugrunde gehen. Eine Frauenunion der Staaten Europas wie der Neuen I Welt erstehe, sie trage das Banner der Völkerverföhnung, der Nächstenliebe, der Mildtätigkeit vor sich her, sie wirke als ein Fluidum, das heilsam die Adern der erstarrten Blutgefäße des Volksbewußtseins, der menschlichen und kulturellen« Gemeinsamkeit durchkreist; verjüngt, gereinigt pulsiere das Blut im Volkskörper und verbanne alle schädlichen Stoffe! — Banken, große Verbände müssen in die jüdische Frauenunion, die universal wirken soll, miteinbezogen, ein großer Hilfsfonds muß gegründet werden. Alls zur hilfereichen Tat! Das,Frirdrich-Lullen-hospj?" in Lad Dürrheim. Ein Reisebild von Oberkantor H ermann Zivi (Elberfeld), re-auch immer für die erholungsbedürftige Jugend gesorgt sein mag, auf der Höhe aller Anforderungen steht das „Friedrich-Luisen-Hospiz" in Bad Dürrheim. Bad Dürrheim liegt etwa 700 Meter hoch im badischen Schwarzwald zwischen Donaueschingen und Villingen, von beiden Städten aus bequem erreichbar, insbesondere von der Station Marbach aus mit der Eisenbahn. Das anmutige Dorf macht ganz den Eindruck eines Kurortes, wenn auch keines luxuriösen, so doch eines belebten und vor allen Dingen von den gesundheitlichen Wirkungsmitteln der Natur reichlich begünstigten. Eine schöne, breite Straße, an der, wie auch sonst im Dorfe, durch schöne Hotels und villenartig gebaute Häuser für Unterkunftsmöglichkeiten hinreichend gesorgt ist, führt am Kurgarten vorbei zu der leise ansteigenden Höhe des im Hintergründe unweit vom Rande des Dorfes liegenden Tannenwaldes, dessen dunkelgefärbtes Grün dem ganzen Waldgebirge eigen ist und ihm den Namen „Schwarzjwald" gegeben hat. Auf diesem Wege liegen, wie Perlen zerstreut, die verschiedenen Hospize und Bohrhäuser der für Kurzwecke benötigten Sole, deren Panorama hinaufreicht bis an den Rand des herrlichen Waldes. Von da strömt eine ozonreiche, würzig gesättigte Luft zurück in die benachbarten Heilstätten und verbreitet sich mit wohltuender Kraft über das Dorf und die ganze Umgebung. Inmitten dieser gefundheitfördernden, reichen Mittel der Natur liegt auf der linken Seite der zum Walde führenden Hauptstraße das „Friedrich-Luisen-Hospiz" als ein Wahrzeichen jüdischer Gesinnung gegenüber der erholungsbedürftigen Jugend. Schon beim Betreten des geräumigen Vorplatzes gewinnt man den Eindruck eines großzügig angelegten Planes, der in allen seinen Teilen bei näherer Ansicht zur Wirklichkeit wird. Der imposante, nach Süden blickende Monumentalbau ist einheitlich und entspricht einem Entwurf, den der Architekt Lehmann aus Mannheim angefertigt und im Jahre 1912 zur vollendeten Tat hat werden lassen. Ein abseits gelegenes kleines Haus ist v o rkommendenfalls für Träger von ansteckenden Krankheiten bestimmt. Von den unterirdischen Räumen, wo tu der Hauptanstalt die Küchen, Vorratsräume u. dgl. untergebracht sind, bis hinauf zu den Sparren des Daches -herrscht eine vornehme Einfachheit. Jm'Erdgefchosse befinden sich zu linker Hand in der Hauptsache zwei große Säle. Lriedrich-Luisen-Hospiz in Bad Dürrheim. Mrijii fi fei jj] IFaiiFöi I llMH II

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