Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 557 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bericht ift zu ersehen, daß das Zentralkonütee seit seiner Gründung eure sehr energische Tätigkeit >enttvickelt hat. Die Einnahmen lind Ausgaben für die besagte Periode balancieren mit rund 600 600 Kronen. Die alte jüdische Gemeinde in Kopenhagen, mit Herrn Professor Simonsen an der Spitze, bekundet gleichfalls ein sehr aktives Interesse für die konstruktive Hilfsar-b^it. St. K. B. Zur Lage in der Ukraine. Der frühere jüdische Minister der Ukraine, Herr Abraham Rewutzki, gab neueddings aus eigener Kenntnis der Lage eine außerordentlich interessante Erklärung der Faktoren, die die gegenwärtige Lage der Juden in der Ukraine bestimmen, eine Erklärung, die sich aber in gar «mancher Beziehung auch aus die Lage der Juden in den Ländern Mitteleuropas wohl anwenden läßt: In Zentralrußland, Polen und Finnland ist ein>e feste Macht, ob rot oder schwarz, piroleta>risch oder bürgerlich, jedenfalls aber doch eine gewisse einheitliche Ordnung vorhanden. In der Ukraine dagegen sind gleichzeitig einige Regierungen da. Im Norden Rakowski (Bolschewisten), im Westen PetlMva (Ukrainer), im Sü-dosten Denikin (rnfsische Freiwillige). Ziwischen diesen Machthabern sind aber keine festen Grenzen vorhanden. Der Kampf wird mit der größten Er>bi!tter>ung g!efüh>rb, und es >gibt keine Skad«t, die nicht im Laufe der letzten Zeit einige Male ihre Beherrscher gewechselt hat. Keiner von diesen Herrschern hat Zeit geh eine feste Ordnung ei nzuführen. Dazu kommen noch «die zahlreichen Bauernaufstände. In den von- Denikin besetzten Gouvernements kommen solche Aufstände wegen der Gewaltakte der zurückkehrenden Gu'tisbesttzer vor; in den Ortschaften, die sich in der M«ach>t der Bolschewiki befinden, entstehen die Aufstände infolge der unaufhörlichen Brotreguifitionen und der Versuche, in dien Dörfern -eine Ordnung einzuführen, die d-en Bauern nicht in «den Kopf w«i'll. Dals an-fständifche Dorf« wirft sich vor allem auf die Stadt, in der es den. Quell allen Elends sieht. Kommt dabei ein Aufstand gegen die Bolschewiki vor, so läßt er sich leicht gegen die Juden richten. Außer «der P«oliii«schen Anarchie aberübt das ökonomische Chaos eine Rückwirkung aus die jüdiische L,age aus. Die Valuta — die russische und besonders die ukrainische — ist sehr gefallen. T.as Metallgeld, auch das Kleingeld, wird zurückgehalten. Die Zwangskurse rufen die größte Verwirrung hervor. Die Bolschewiki z. B. befehlen, das« Kerenski-G«e>ld nach dem .gleichen Kurs wie das zarische anzunehmen. Die Ukrainer ihrerseits zwingen, die ukrainischen Karbowanzen zu« gleichem Kurs wie «die Rudel anzunchmen.. In Wirklichkeit entstehen aber sehr schwankende Kurse. Das «gleiche geschieht mit «dem Kerenfki- und Zarengeld, Kerenski-Geld und österreichischen Kronen. Dann heißt es, die Juden 'spekulieren mit dem Geld. Ueberha-upt -kommen Sachen vor, die dein« einfachen Manne unbegreiflich sind. Hill der Ba«uer einen Acker kaufen, bekommt er ihn für kein Geld. Will er einen-' Arschin Leinwand haben, so verlangt man von ihm 300 Rubel, statt der früheren 3 Rubel. Die ungebildete Masse sieht die ungeheure Erscheinung, kann aber ihre Ursache nicht verstehen. Selbst die Intelligenz sieht ja die Quelle .aller Mißstände lediglich in der Spekulation. Und wer spekuliert? Natürlich Juden, heißt es dann. Im Herzen, des einfachen Men-schen sammelt sich daher ein ungeheurer Haß «gegen alle an, die an dem jetzi>g,en -Chaos schuldig sind. Ist das ein Arbeiter mit «einem gewissen Grad von Bewußtsein, so wird er ein Bolschewist. Ist das ein Bauer mit einem primitiven Gehirn, so geht er in die Stadt und schlägt die Juden. Viktor Adler war es wohl, der einmal sagte, daß der Wiener Antisemitismus der Sozialismus der dummen Wiener Jugend ift,. Ebenso könnte man sagen, daß der heutige Judenhaß in der Ukraine nur eine Art Bolschewismus« der rückständigen ukrainischen Bauern darstellt. Wohlverstanden, die 'bewußten Bolschewiki sind weder direkt noch indirekt an den Pogromen schuldig. Jede Massenbewegung «aber «übt indirekt «eine Rückwirkung aus solche Massen aus, die sich nicht orientieren können, und es ist nur natürlich, daß der Bolschewismus als Apologie der Gewalt in dieser Weise auf die Psychologie des analphabetischen-, dem Bolschewismus oft feindlichen Plebs abfärbt. Was die Beziehungen der ukrainischen Regierung zu den Pogromen anbetrifft, so tarn man sie nicht für -eine der Pogromursachen halten. Indirekt aber werden die Pogrome durch den bewaffneten Kampf gegen die Bolschewiki stark unterstützt. Eine sozialistische Regierung, welche einen militärischen Kampf gegen die Bolschewiki führt, fällt leicht in die größte Abhängigkeit von reaktionären Elementen und der Armee. Eine Reaktion in Osteuropa geht aber mit Judenhaß Hand in Hand. Ein bewaffneter Kampf gegen die Bolschewiki ist psychologisch mit Judenpogromen verbunden. Bei den Aussichten, die sich jetzt in - Osteuropa eröffnen, ist das eine sehr traurige Wahrheit. Judenhaß, Verwilderung, Anarchie, ökonomisches Chaos, Valutasturz, Kampf gegen Bolschewismus!, Reaktion — das ist ein Komplex von Ursachen, die die Judenpogrome Hervorrufen. Aus dieser: Analyse geht klar hervor, daß mit dem baldigen Ende der Pogrome und Schlächtereien zu rechnen eine unberechtigte Illusion wäre K. f. d. O. * Die EinvLirgernngsgesetze in Amerika. Dem Londoner Jüdischen Korrespondenzbureau wird aus Washington gemeldet, daß vom amerikanischen Kongreß eine Verschärfung der bestehenden Naturalisationsbestimmungen geplant wird. Dem neu formulierten Gesetzentwurf zufolge müssen. alle, die sich um das amerikanische Bürgerrecht bewerben, Englisch lesen und reden. Kinder und Frauen von Immigranten werden nicht wie vorher durch die Naturalisation ihrer Eltern oder Männer amerikanische Bürger. Sie haben nunmehr um die Naturalisierung selbst anzusuchen und müssen den Bürgereid ablegen. Ausländern, die in der amerikanischen Armee gedient haben, werden keine Schwierigkeiten bereitet werden, das Bürgerrecht zu erwerben. Besondere Maßregeln werden gegen die Einwanderung „unerwünschter" Elemente getroffen. Line internationale jüdische ssrauenunion. Von Fanny Cohn-Neßler. ie schöne, vielgestaltige Kulturwelt blutet aus tausend Wunden. Einst trug die deutsche Kultur ihr Haupt hoch. Reich an Erfolgen auf allen kulturellen Gebieten, war sie fast überragend auf industriellem und technischem Gebiet. Kunst und Wissenschaft, Handel und Verkehr waren vorbildlich gestaltet, und auf den genannten Feldern leisteten di^ jüdischen Mitbürger Nennenswertes, standen zum Teil min an der Spitze. Der unselige, Menschen und geistige Werte vernichtende Krieg brach aus — eine Welt, schön und reich, zerbrach unter dem eisernen Tritt des Mars . . . Gepeinigt von den Peitschenhieben tollsten Wahns, zerfleischt durch Haß, unterwühlt durch niederste Gewinnsucht, worin alle Menschenwürde mit Füßen getreten wind — und zermürbt durch feile Vergnügungssucht und gesunkene Moralitätsbegrisse — sv kennzeichnet sich heute die ehemals so reiche, blühende Kultur! Das vorige Jahrhundert trug die Marke: „Es gehört dem Kinde", das jetzige kennzeichnet sich als der Frau zugehörend. Bei dem durch den Weltkampf und die Weltrevolution erschütterten Zeitteil, wo hohe geistige Werte neben den menschlichen zu Grabe getragen wurden — erstand eine hohe Kultnrtat in dem allgemeinen Chaos, Die Hörigkeit der Frau, Jahrtausende andauernd, zerbrach unter der harten Faust der Revolution. Gleich der französischen Revolution, am Ende des 18. Jahrhunderts, erhob sich aus Blut und Höllenbrenghel die reine Blume der menschlichen Freiheit! Auch die Frauen wurden darin einbezogen — auch ihre Ketten, so ehern für die Ewigkeit geschmiedet — brachen, fielen ab. — die Frau ist frei! —