Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1919)
- Date
- 1919-12-05
- Page
- Seite 556 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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elementare Bewegung, um Ihre Parteisuppe daran zu kochen. Daraus müssen wir Ihnen einen schweren Vorwurf machen. (Lebhafte allgemeine Zustimmung.) Herr Hoetzsch hat gemeint, daß Antisemitismus sich auch in anderen Parteien finde. Das stimmt, namentlich wenn er an die Herren denkt, die räumlich von ihm nicht weit entfernt sitzen. (Heiterkeit.) Das geht so weit, daß die beiden Parteien der Rechten sogar ans ihren Antisemitismus aufeinander futterneidisch sind. (Heiterkeit.) Gestatten Sie mir einmal, Ihnen ein paar Briefe vorzulesen, die sich aus diese Frage beziehen. An Herrn Heinze, den Vorsitzenden der Deutschen Volkspartei, hatte sich jemand mit der Frage gewendet, wie er zum Antisemitismus stehe; er antwortete, „daß die Deutsche Volkspartei den Antisemitismus in jeder Form ablehnt und bekämpft und jede Verallgemeiuerung etwa in einzelnen Fällen berechtigter Vorwürfe gegen deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens als unsachlich und ungerecht verwirft". (Sehr richtig! rechts.) Ja, sehr gut, sehr korrekt. Es wäre aber noch besser, wenn dreier Brief des Herrn Heinze von Ihrer Partei (zur Deutschen Bolksnartei) gebilligt würde. Aber Herr Heinze wurde damit abgetchüttelt. Die Veröffentlichung des Schreibens war der Deutschen Volkspartei außerordentlich unbequem, und Herr Heinze wurde auf das Parteiprogramm verwiesen, worin fremdstäunuige Leute usw. abgelehnt werden. Die Anzweiflung der antisemitischen Waschechtheit der Deutschen Volkspartei verleitete sie nun dazu, gegen die Dentschnationalen wieder einen Trumpf auszuspielen. Sie veröffentlichte mit großem Vergnügen einen Brief des Vorsitzenden der Deutschnationalen Volkspartei, in dem er einem jüdischen Herrn schreibt: „Sie kennen die Gründe, wegen deren das Programm sich bezüglich der Konfession auf die Ihnen bekannten Punkte beschränken mußte und über die Schwierigkeiten, zu einer präzisierten Fassung zu kommen. Ich kann deshalb meine Verwunderung nicht unterdrü-cken, daß Sie gleichwohl auf eine gegenwärtig unmögliche Lösung der Frage etwa in Ihrem Sinne drängen. Viel richtiger würde es mir erscheinen, wenn die Herren jüdischer Abstammung, die auf unserem Boden stehen und sich der Partei auch nach außen zurechnen, durch ihr Verhalten, durch ihre Propaganda und durch Opfer, die sie der Partei bringen (stürmische Heiterkeit), die von ihnen erstrebte Stellung in der Partei und die Sicherung ihrer Interessen' bei derselben erkämpften. Es wäre mir erwünscht gewesen, wenn ich auch von Ihnen statt der beiden Schreiben Beweise dafür erhalten hätte, daß Sie gleichfalls von der Wichtigkeit dieser Auffassung durchdrungen sind und sich.entsprechend betätigen." (Große Heiterkeit.) Daraus geht doch wohl klar hervor, daß Sie mit Ihrem Antisemitismus, dieser angeblich „elementaren Bewegung", ihre etwas lahm gewordene Agitation beleben wollen. (Sehr richtig! bei der Mehrheit. Widerspruch rechts.) „Schnorrer -und Verschwörer!" bemerkt der „Vorwärts" zu dieser Enthüllung über die Dentschnationalen und ihre Anbettelei' derselben jüdischen Kreise, die man programmäßig um ihre verfassungsmäßigen Rechte bringen und gesellschaftlich und wirtschaftlich boykottieren will. * Der Oddfellow-Orden gegen die antisemitische Verhetzung. Die Großloge des Deutschen Reiches des bekannten Freimaurerordens der Oddfellow hat sich an t>ie verschiedenen deutschen Staatsministerien für Schnlangelegenheiten mit einer Eingabe gegen die antisemitische Verhetzung gewandt. In dieser Eingabe heißt es: „Neuer und schwerer Unfriede wird feit einiger Zeit in das deutsche Volk durch antisemitische Hetze getragen. Gegen unsere jüdischen Volksgenossen, die mit uns Schulter an Schulter int Kampfe gegen den Feind ihr Leben in die Schanze schlugen, werden die Leidenschaften des Volkes aufgepeitscht durch Verbreitung unwahrer Gerüchte ttnd haltloser Beschuldigungen. Tie Großloge erhebt gegen dieses frevelhafte Beginnen entrüsteten Einspruch. Die in den Reihen des Ordens befindlichen jüdischen Mitglieder waren jederzeit bereit, für das Volkswohl einzutreten, die höchsten Ideale der Menschheit zu , pflegen. Im Interesse der Würde unseres Volkes bittet daher die . Unterzeichnete Großloge das Ministerium für Schulangelegenheiten. j dafür Sorge zu tragen, daß in unseren Bildungsanstalten die Heranwachsende Jugend aufgeklärt wird, über das Unsinnige und Venoerfliche jener volksverhetzenden Bewegung." Eine vom Verband der Deutschen Juden eingereichte Eingabe auf Bewilligung staatlicher Zuflüsse für die Alters- und Hinterbliebenenversorgung der Kultusbeamten leistungsschwacher Shnagogengemeinden ist bei der Beratung des Kultusetats im Haushaltsausschuß der Preußischen Landesversammlung erörtert worden. Der Haushalts- Esschuß hat den Antrag der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen. Die „Baseler Nachrichten" melden: Der Schweizer Bundesrat hat seinen Beschluß vom 23. März 1916 b-etr. Ausnahmen vom Schächtverbot und die, gestützt auf diesen Beschluss erlassene Verfügung des Justiz- und Polizeiparlaments vom 17. Juni 1918 mit Wirkung ans 1. Januar 1920 aufgehoben. Von diesem Zeitpunkt hinweg ist das Schlachten der Tiere ohne Betäubung vor dem Blutentznge wieder ausnahmslos im ganzen Laude untersagt. * Gefahren für den jüdischen Handel in Polen. Wie wir erfahren, hat eine Gruppe polnischer Händler eine neue Aktion unternommen, um den jüdischen Handel zu bekämpfen und dem „nationalen" polnischen Handel zu einer neuen Blüte zu verhelfen. In der Denkschrift, die diese Männer dem Finanzministerium unterbreiteten, wird unter anderem verlangt, daß „unerwünschten Elementen" keine Handelspatente ausgestellt werden. Ferner, daß kein Handelsunternehmen gleichzeitig Artikel verschiedener Branchen führen darf, vielmehr für jede Branche besondere Patente auszustellen sind; kein Handelsunternehmer gleichzeitig Engros- und Detailgeschäfte machen darf. Es ist offenbar, welche Folgen alle diese Beschränkungen schon an und für sich für den jüdischen Handel haben würden; auch ist es durchsichtig, auf wen die Formel der „unerwünschten Gewerbetreibenden" gemünzt ist. Eine jüdische BoMsbank für Litauen. Das Ministerium für jüdische Angelegenheiten in Litauen hat int Einvernehmen mit einer Reihe führender jüdischer Persönlichkeitelt aus Kowno und der Umgegend beschlossen, eine jüdische Volksbank ms Leben zu rufen. Die Bank soll in erster Linie das durch den Krieg heruntergekommene jüdische Handwerk fördern. Es wird beabsichtigt, ein Gründungskapital von 3 Millionen Mark aufzübringen. Zeichnungen für die Bank haben in Kowno bereits begonnen. Der weitaus größere Teil des Kapitals wird von den Juden des Auslandes erwartet Der Plan findet großen Anklang in den führenden jüdischen Kreisen Kopenhagens und Stockholms. Vom jüdischen Zentralhilfskomitee in Kopenhagen. Das Skandinavisckpjüdische Zentralhilsskomitee für die vom Kriege heimgesuchten Juden, das seinen Sitz in Kopenhagen hat und die verschiedenen jüdischen Hilfskomitees in Dänemark, Schweden und Norwegen vertritt, hat die Einberufung einer skandinavischen Hilsskvnferenz beschlossen. Die Konferenz, welche demnächst stattfindet, wird namentlich zu der altweltlichen jüdischen Hilfskonserenz, welche vom Komitee der jüdischen Delegationen einberusen wird, Stellung nehmen. Auf seinen letzten Sitzungen behandelte das Zentralkomitee die aktuellen Fragen der jüdischen Hilfsarbeit und beschloß die Einleitung einer großzügigen Propaganda für die konstruktive Hilssarbeil, d. h. für beit systematischen Wiederaufbau des vom Kriege zerstörten jüdischen Wirtschaftslebens in Polew Galizien, Litauen, der Ukraine, Rumänien. Für den gleichen Zweck hat das Zentralkomitee ans Ersuchen des jüdischen Ministeriums in Kowno diesem 50000 Mark überwiesen. Die Summe ist dazu bestimmt, dem Ministerium die dringend erforderlichen Mittel für die rationelle Organisation der konstruktiven Hilfsarbeit zu gewähren. Das Zentralkomite'e hat auch den Gedankens eine jüdische Volksbank in Wilna für den Teil Litauens, der von den Polen besetzt ist, zu errichten, angeregt. Der Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees für die Periode vom 1. Juni 1916 bis 31. Dezember 1919 liegt nunmehr vor. Aus dem