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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-05 · Heft 49 (5.12.1919) · p. Seite 555

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 49 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
Seite 555 (sequence 3)
Language
German
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555 sache nicht zu verkennen, daß aus« dein „verächtlichen" und „minderwertigen" Semitenvolk die edelsten Charaktere hevvorgeg äugen sind. Wie findet man sich damit ab? Die Art, wie das mancher Vorkämpfer des Antifemi.ti-sn»us tut, ist für die Achtung der Herren vor der Wissenschaft charakteristisch. Ta ist Herr St. Cha ruber la in, ein geborener Engländer-, der sich in England nicht wohl gefühlt hat und unter die Deutschen gegangenen ist — danach sollte man eigentlich glauben, daß die Engländer anständige Leute seien, eben weil er sich unter ihnen nicht wohl fühlte (Heiterkeit) —, er kann nicht leugnen, daß Jesus Christus eine Ideal gestalt ist. und er war Jude.^ Was findet Herr Chamberlmn? Er bestreitet diese Tatsache mit folgender Beweisführung: Jesus Christus weist keine verächtlichen Charaktereigen'schafiten auf, folglich kann er nicht Jude gewesen sein (Heiterkeit); in Palästina sind in der Zeit seiner Geburt römische Legionen gewesen, undes ist sehr wohl denkbar, daß sich unter diesen ein Germane befand, der der Vater von Jesus Christus geworden ist (erneute Heiterkeit). Die Menschen, denen eine solche Beweisführung imponiert, sind ebenso zu bemitleiden wie diejenigen, denen sie auf das Konto zu setzen ist. Ist der Antisemitismus etwa der Ausdruck des Hasses gegen das Häßliche und Schlechte? Dann dürfte diese Bewegung nicht untrennbar mit dein Häßlichen und Schlechten verbunden sein. Kein anständiger Mensch, ganz gleich welcher Konfession, soll einen verbrecherischen Juden decken; aber es gibt keine schlechte Eigenschaft, die sich ausschließlich bei Juden fände. Alle Laster, die man mit Vorliebe den Juden vorwirft, Feigheit, Zudringlichkeit, Neigung zum Wucher, finden sich auch bei den Anhängern anderer Retigiousgesellschaften. Keine Religion ist imstande, alle ihre Bekenner zu Edelmcnschen zu machen. Wer aus der Tatsache, daß viele Juden Wucherer sind, folgert, daß die Juden wuchern, lind weitergehend folgert, daß nur die Juden Wucher treiben, der kann sich nicht.von der Verachtung des Wuchers leiten lassen, denn mit seiner These schützt er den nichtjüdischen Wucherer, gibt er ihn: Gelegenheit, durch das bekannte „Haltet den Dieb!" die Aufmerksamkeit von sich abzulenken. Wäre der Antisemitismus der Ausfluß der Abneigung gegen schlechte Eigenschaften der Juden, dann müßte er gute Eigenschaften der Juden anerkennen, die unzweifelhaft vorhanden, aber auch keine Rasseneigenschaften sind, sondern auch auf der Geschichte der Inden beruhen. Statt dessen aber werden die guten Eigenschaften der Innen, un'im man sie fckon nickt leugnen kann, verkleinert. So weist z. B. die Kriminalistik des Deutschen Reiches nach, daß seit Menschengedenken kein Jude einen Mord begangen hat. Wie meinen Sie, daß sich der antisemitische Abgeordnete Liebermann v. Svunenberg mit dieser Tatsache abaemnden bat? Er sagte einmal im Reichstage: Zum offenen, ehrlicken Morde sind die Inden zu feige. (Große Heiterkeit.) Die Wurzeln des Antisemitismus suche ich nicht aus wissenschastlickem Beden, ich sucke sie auch nicht aus dem Boden des Kampfes gegen das Schlechte; ich suche sie auf dem Gebiet der Psychologie und der Volkserziehung. Auf dem Gebiete der Psychologie insofern, als von jeder eine Mehrzähl von Menschen das Bedürfnis empfunden hat, eine Minderzahl zu verachten und ihren Unmut fühlen zu lassen. Wen sollen nun aber, wenn dieses Bedürfnis besteht, die antisemitischen Vorkämpfer mit ibrer Verachtung beehren, sie, die von einer uualaüblichen Verlogenheit, einer entsetzenerregenden Niedrigkeit der Gesinnung und Umbildung sind, sie, deren Privatleben von den unerhörtesten Skandalen strotzt? Deshalb müssen sie für die Befriedigung ihres Verachtungsbedürfnisses sich schon anderswo Umsehen: sie nehmen zum Ausgangspunkt die für die sittliche Wertung gleichgültige Zugehörigkeit von Menschern zu einer Gemeinschaft. Je geringer die Zahl der Mitglieder einer Gerneinschaft ist, um so tuenrger Mut ist zur Verfolgung dieser Gemeinschaft notwendig: so viel Mut bringt zur Not auch ein Subjekt auf, das sich ans dem Baaagewagen das Eiserne Kreuz verdient hat. Und nun zur zweiten Wurzel des Antisemitismus, zur Volkserziehung oder vielmehr zum (Gegenteil von Votkserziehung. Es ist j klar, je schwerer die Moralverluste eines Volkes sind, mit so mehr j wird die Gefolgschaft der antisemitischen Führer wachsen. llnd unser Volk ist demoralisiert bis auf die Knochen» das hat der Herr Vorredner mit Recht ausgeführt. Wenn man dies sagt, wirft man dem deutschen Volke nicht Minderwertigkeit vor. Ein Volk, das seine j Kriege von Söldnerheeren führen läßt, kann vielleicht während eines langen Krieges moralisch gesund bleiben, nicht aber ein Volk, dessen J Jünglinge und Männer fünf Jahre lang im Feuer gestanden haben. Draußen in Feindesland gilt nichts anderes als der Selbsterhaltungstrieb; Leben, Eigentum, Ehre des Fremden, alles das spielt keine Rolle. Der Haß unter den Nationen muß aber mit Notwendigkeit zum Haß in der Nation führen. So erklärt sich der Zulauf der antisemitischen Gefolgschaft, den wir jetzt erleben. Gewiß, ich verkenne nicht, es befindet sich unter den Antisemiten auch ein Häuslein Männer, die aus nationaler Not, aus darauf beruhendem übertriebenen Chauvinismus der antisemitischen Fahne folgen. Dieser schreckliche Friede, der den Frieden Europas so lange bedrohen wird, als er besteht, wird in nicht wenigen die Ueberzeugung befestigen, daß er mit dem Schwerte zerschlagen werden muß, und gerade die nationale Not kann leicht dazu führen, daß man den Begriff der Nation, die man liebt und die inan retten will, einschränkend interpretiert. Daß der Versailler Friedensvertrag die Liebe zum eigenen Volke bis zum Krankhaften steigert, ist zu begreifen, und gerade diese krankhafte Steigerung wird bei manchem dazu führen, daß er für die Anbahnung des Wiederaufstiegs Elemente des deutschen Volkes, die eine andere Religion haben wie er oder gegen die er irgendwelche Vorurteile hegt, für ungeeignet erachtet. Aber schließlich ist doch ein solcher exklusiver Standpunkt, also ein Antisemitismus, der nicht mit demjenigen der Bruhn und Konsorten zu identifizieren ist, nur so zu erklären, daß bei dem, der ihn einnimmt, ein Mangel an Bildung und Erfahrung vorhanden ist. Denn Juden haben im Kriege in Massen ihr Leben mit Begeisterung für die Verteidigung Deutschlands geopfert und Nichtjuden in stattlicher Zähl sich gedrückt. Nur ein sehr Kurzsichtiger kann das ubersehen und kann ferner übersehen, daß Nichtjuden sich in stattlicher Zahl an Schiebungen beteiligt haben, die zur Bildung einer neuen Millionärkaste geführt haben. Nur ein Kurzsichtiger kann übersehen, daß gerade die lautesten hakatistischeu Schreier in den gemischtsprachigen Landesteilen beim ersten Schuß ausgerissen sind, während die Juden zu einem erheblichen Teile in Posen zurückgeblieben sind und von den Polen systematisch verfolgt werden, weil die Polen sie als die treuesten Deutschen ansehen und als solche besonders hassen. (Sehr richtig!) So mancher Deutsche christlichen Glaubens ist im gemischtsprachigen Gebiet Pole geworden, wie schon die vielen deutschen Namen, unter den Polen beweisen, aber noch nickt ein einziger Jude ist zu den Polen übergetreten, wie es ja auch ein B e r d i e n st der Inden i st, daß die deutsche Sprache in der Welt so weit verbreitet i st. Die Zunahme der antisemitischen Welle macht sich nun in unseren Tagen die Deutschuationale Volkspartei zunutze. Kurz nach der Gründung dieser Partei wurde die Frage, ob Juden Mitglieder werden sollten, berate?!, aber die Entscheidung auf sechs Monate vertagt; einstweilen bewies man seine Vorurteilslosigkeit, indem mau von Herrn v. Weinberg und von Frau v. Rothschild namhafte Beträge für den Wahlfonds annahm. (Heiterkeit.) Es tut mir leid, daß die Deutschnationale Volkspartei nicht in die Lage gekommen ist, nach Ablauf der sechs Monate eine die Aufnahme jüdischer Mitglieder zulassende Entscheidung zu verkündigen: ich hätte mir gern die Juden angesehen, die sich entschlossen hätten, sich einer Partei anzuschließen, die zu einer solchen Entscheidung sechs Monate Zeit braucht. (Heiterkeit.) Zu den Kandidaten der Partei bei den Wahlen zur Nationalversammlung zählte im Regierungsbezirk Oppeln ein Generaldirektor Friedländer, von dem ich annehme, daß er kein Nachkomme Walleusteins ist (Heiterkeit); ich vermute, daß man es ihm schuldig gewesen ist. (Heiterkeit.) * In der Preußischen Landesversammlung hat der deutschdemokratische Abgeordnete Fried b e r g trefflich mit dem Antisemitismus der Deutschnationalen abgerechnet. Wir lassen seine Ausführungen hier folgen: Der deutschnationale Redner Herr Hoetzsch hat es für nötig gesunden, sich mit dem Antisemitismus zu beschäftigen, und hat ihn als „elementare Volksbewegung" dargestellt. (Rufe rechts: Das ist sie auch!) Darüber will ich gar nicht streiten. Ich meine, daß Sie (zur Rechten), die Sie immer von der sittlichen Pflicht und namentlich von der sittlichen Pflicht der Christen reden, doch wohl die heilige Verpflichtung hätten, solchen schlechten Instinkten entgegenzutreteu. (Allgemeine lebhafte Zustimmung.) Das ist die höhere Sittlichkeit. Herr Hoetzsch hätte sich wohl daniit au seinander setzen können, warum gerade ein bisher so stark zurückgesetzter Volksteil zu manchen Aeußerungeu und Handlungen kommt, die sonst vielleicht nicht unsere Billigung finden. Aber statt dessen benutzen Sie diese angeblich

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