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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-05 · Heft 49 (5.12.1919) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 49 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
Seite 554 (sequence 2)
Language
German
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554 Kalrschers, ostjüdische Arbeiter beim Wiederaufbau Nordfrankreichs zu verwenden. Es sei noch bemerkt, daß die Jüdische Emigrationorganisation sich völlig neutral verhalt zu allen politischen und religiösen. Sonderbestrebungen innerhalb des Judentums. Ihr Ziel ist, alle Juden aller Richtungen zu sammeln zum Zwecke gemeinsamer Beschäftigung mit dem Wanderungs- Problem. Sie ist entschlossen, mit allen anderen Organisationen, die es nur wollen, in engste Arbeitsgemeinschaft zu treten.. Denn sie hegt keinerlei Prestigeambitionen; sie will nur helfen, das ungeheuere Problem der Judenwanderung und des Judenelends, die ökonomische Judenfrage, so weit zu fördern, wie dies die Mittel der Forschung, der systematischen Beschäftigung und der Anregung vermögen. Vir Woche. Berlin, 2. Dezember. ie deutschnationalen, .antisemitischen und gegenrevolutionären Kundgebungen, die kürzlich bei der Anwesenheit H i n d e n b u r g s in der Reichshauptstadt aus Anlaß^ seiner Vernehmung vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß veranstaltet wurden, sind eine böse Folge der antisemitischen Hetzpropaganda, die namentlich seit dem Zusammentritt des Untersuchungsausschusses von deutschnationaler Seite in besonders scharfer Weise in gegenrevolutionärem Sinne betrieben wird. Es ist ein gefährliches Spiel, das die Drahtzieher dieser Agitation in die Wege geleitet haben, indem sie den Deutschnationalen Jugendbund, die nationalistisch gesinnten Studentengruppen into andere ihrem Einfluß unterworfene Kreise auf die Straße jagten. Es ist beobachtet worden, daß die „spontanen" Demonstrationen durch Winke aus einem Fenster des Reichstagsgebäudes dirigiert worden sind. Das Vorgehen der Reaktionäre hat bereits zu energischen Gegenkundgebungen seitens der Mehrheitssozialisten und der Unabhängigen ge- * führt, die natürlich seitens der Anhänger der Rechten auf das schärfste verurteilt werden. Wenn sie aber selbst mit den Demonstrationen den Anfang gemacht haben, so ist das beileibe keine Auflehnung gegen die Gesetze des Staates, sondern ein Ausfluß des reinen „Patriotismus". Man kennt ja die doppelbödige Moral der Rechten zur Genüge. Daß die reaktionären und gegenrevolutionären Kreise die Verhandlungen des Ausschusses zu einer besonderen Aktion ausersehen hatten, konnte man unschwer aus der Haltung der rechtsstehenden Berliner Presse erkennen, die sich seit dem Beginn der Verhandlungen in den schärfsten antisemitischen Schmähungen namentlich gegen die beiden jüdischen Mitglieder des Ausschusses, die Herren Cohn und Sinzheimer, erging. Es ist überaus bezeichnend, daß in dieser Beziehung Blätter wie die „T äg l i ch e R u n d s ch a u" und die „K r e u z z e i t u n g" die übrigen Blätter der Rechten noch zu überbieten und zu überschreien versucht haben. Zur Kennzeichnung des Tones, den das erstgenannte Blatt dem Ausschuß gegenüber angeschlagen hat, genügt wohl eine Probe aus seiner Nummer vom 16. v. M., in der es über die „W eltenrichter Co h n und S i n z h e i m e r", dre Herren der - „u nabkömmlichen Konfession", spottet und dann nach Anerkennung der Tatsache, „daß es in Deutschland eine Menge patriotischer Juden gibt, nützlicher Mitbürger, die unsere Volkswirtschaft nicht entbehren kann", in den nachstehenden hysterischen Schimpfakkord ausbricht: „Um so greller heben sich die Schädlinge ab, die N o ch - n i ch t - Akklimatisierten, die Schnorrer und Verschwörer, die „Mandelstamm und Silberfarb", wie Fürst Bülow sie nannte. Die sollen und dürfen uns nicht knechten . . . Wenn er Takt besäße, ginge Herr Cohn. Aber er denkt nicht daran. Es ist asiatische Wollust, über einen Hindenburg zu Gericht zu sitzen." Ist aber ein derartiges widerliches Gekeife deutsch zu nennen? Die „Kreuzzeitung" ergeht sich in einem Artikel „Die nationale W e l l e" (15. November) ebenfalls in den ärgsten antisemitischen Schmähungen. In einem weiteren Leitartikel „Die Anderen" (17. November) bezeichnet es das Blatt als das Glück des Herrn Cohn, daß er der semitischen Rasse angehört, und es macht dem Judentum den Vorwurf, daß es sich schützend vor seine schlechten Element e st e l l e. In bezug auf derartige Vorwürfe sollte doch gerade die „Kreuzzeitung" vorsichtiger zu Werke gehen. Den Rekord, den sie selbst mit ihrer Partei im Falle ihres einstigen Chefredakteurs v. Hammer st ein erreicht hat, wird ihr von niemandem in Deutschland streitig gemacht werden können. Am nächsten kommt beiden rektionären Blättern die „Deutsche Tageszeitung". In einem Artikel dieses Blattes: „Unter der I u d e n f a h n e" schreibt Herr Graf E. Reventlow: „Hindenburg und Ludendorff „vernommen" von Cohn, Sinzheimer, Bonn, Gothein und wer noch dazu kommt! Die Deutschen sind schuld, daß sie diese Schmach über sich haben bringen lassen. Sie haben es in der Hand, sich zu befreien, wenn sie wollen. Jetzt aber weht über ihnen die schwarzrotgoldene Judens a h n e." Die „Kreuzzeitung" und die „Deutsche Tageszeitung" sind bei dieser Gelegenheit in der Presse daran erinnert worden, daß sie im ersten Schrecken der Revolution die Devisen, die . sie bis dahin unter ihren Titeln getragen hatten: „Vorwärts mit Gott für König und Vaterland" und „Für Kaiser und Reich" entfernt bzw. durch andere ersetzt hatten. Es macht einen geradezu kläglichen Eindruck, wenn die „Deutsche Tageszeitung" ihr damaliges Vorgehen jetzt damit zu beschönigen versucht, sie habe die Aenderung lediglich mit Rücksicht auf die Zeitungsverkäufer vorgenommen, „die sie wegen dieser Worte nicht zweimal täglich Mißhandlungen und Beraubungen aussetzen konnte". Durch so etwas wird der Mut und die Gesinnungstüchtigkeit der Blätter, die heute so wacker auf die Revolution und die Juden zu schimpfen wissen, weit besser gekennzeichnet, als man es durch ellenlange Betrachtungen tun könnte. Heute, wo es den Reaktionären aller Schattierungen nicht mehr gefährlich erscheint, riskieren sie wieder ein Wort zu sagen; es entspricht durchaus ihrer bewährten Tapferkeit und Unerschrockenheit, wenn sie heute die skrupelloseste und nichtsnutzigste Demagogie betreiben. * In Ergänzung unseres Berichtes über die Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus lassen wir hier einige Stellen aus der wirkungsvollen Rede des Reichs'ministers a. D. Otto Landsberg folgen: Ist der Antisemitismus wissenschaftlich zu begründen? Eine Weltanschauung, wenn wir dein Antisemitismus die Ehre, ihn so zu bezeichnen, erweisen wollen^ ist ja gerichtet, wenn sie sich ohne wissensck'.aftliches Fundament behelfen muß. Das fühlen die Anhänger des Antisemitismus sehr wohl, und sie haben nach einem wissenschaftlichen Fundament gesucht. Ihr „wissenschaftlicher" Ausgangspunkt ist. daß bte Germanen Mitglieder des arischen Cdelvolkes seien, während die Juden als Volk verächtlich und minderwertig seien. Das wurde einem so oft erzählt, daß man beinahe in Gefahr war, es zu glauben (Heiterkeit): aber während des Krieges haben wir es erleben müssen, daß iHe Engländer, die doch auch Angehörige des arischen Edelvolketz. sind, von den Antisemiten mit denselben Vorwürfen bedacht wurden, die man sonst den Juden zuteil werden läßt- Es scheint also einen semitischen Flügel auch im arischen Edelvolt zu geben (große Heiterkeit). Damit scheint mir die wissenschastliche Grundlage des Antisemitismus erledigt zu sein. Auch ist die Tat-

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