Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 G e m c i 11 b e (yn Berlin, bcv bic $cit vom 1. April 1917 bis zmn 31. Mörz 1918 umsaht, weist iine Fülle ntereifauwr Wahlen auf. loelche den Umfang der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands treffend illustrieren. Die Repräseutautenversammlung, welcher der Abschluß vom Borstande zur Prüfung vorgelegt worden war, l>rt dem Gemeindevorstand die nachgesuchte Entlastung erteilt. Wie der Berichterstatter, Repräsentant Benutz Lev y, erklärte und durch die von ihnr vorgetrageneu Bahlenerläuterte, sind die Ausgaben gegen das Borjahr wiederum erheblich angewachsen. Tie Zahl der Zensiten. die im Borjahre 43 449 betrug, hat nur einen Zuwachs von 95 sie rer za hl enden Mitgliedern erfahren. Die Bewegung der Zensitenzahl war eine bedeutend größere, als nach diesem kleinen Ergebnis anzunehmen -wäre, denn einem Zugang von 5471 besteuerren Mitgliedern steht ein )lbgang von 53 76 gegenüber. In früheren Jahren war die Zunahme der Zensiten stets eine weit größere, der .Urieg scheint also hier eine ungünstige Wirkung ausgeübt zu haben. Im Durchschnitt entfällt auf jeden Steuerzahler ein Betrag von 118,56 Mark, während die vorjährige Durchschnittsleistung der Zensiten 85,25 Mark betragen hat. Das Steuersoll belief sich aus 5 758 685,70 Mark, von denen 5 162 919,94 Mark eingegangen sind. Die gesamte Jsteinnahme der Gemeinde betrug 7 816 656,82 Mark. Die Ausgaben erreichten 7 526 630,16 Mark. Es ist also ein lleberschuß von 290 026,66, At-ark erzielt ivorden. Die Ausgabeziffer, die 7V* Millionen Mark übersteigt, verteilt sich aus die verschiedensten Berwaltungszweige. Die Kultn tz e i n r i ch t n n g e n u n d r i - 1 u e l l e n B e d i'i r f n» i s s e erforderten nach Abzug der ans diesen Gebieten der Verwaltung erzielten Einnahmen einen Zuschuß von 981 350,13 Mark (im Vorjahre.- 816 846 Mark), das sind 20 Prozent der gesamten Ausgabe. Für das Unterrichts- und B i b l i o t h e t s iv e s e n wurden 11 Prozent der Gesamtausgaben mit 535 750,72 Mark gegen 456 809 Mark im Borjahre verausgabt. Die Aufwendungen der Gemeinde für soziale Zwecke, wie Armenpflege, Wohlsahrtswesen, .UrankenVersorgung, Altersversorgungsanstalten, Hospital usw. erforderten 928 809,72 Mark (692 486), also 5 Prozent der Gesamtausgabe. Das Krankenhaus erforderte gegen den etatisierten Zuschuß von 573 458,67 Mark eine Mehrausgabe von 802 311 dJknt Die von der S t i f t u n g s k v m - Mission ans den Zinsen der vorhandenen Stiftungen verteilten Dummen in einer Gesamthöhe von 157 051 Mark sind den Aufwendungen für Wvhlsahrv.zwecke zuzuzählen. Das Beerdigungswesen erforderte einen Zuschuß von 294584,79 Mark, während in den früheren Jahren die Ueberfchüsst aus den Gärtnereibetrieöen der beiden Friedhöfe die immer schon sehr erheblichen Btehra-usgaben für das eigentliche Destattungsivesen reichlich deckten.. Für die Berm ö g e n s v e r w a l t u n g wurden 18 Prozent der Gesamtausgaben nur 883 499 Mark verwendet. Die allgemeinen Berwaltung »kosten bezifferten sich ans 1 243 899 Mark (26 Prozent der Ausgaben); von denen 18 Prozent oder 870 606, Mark auf das Kapitel Beamtenbesoldung entfallen. Tie dem Rechnungsabschluß beigefügte Bilanz schließt mit der gewaltigen Summe von 20 620 534 Mark ab. Die Repräsentantenversammlung votierte dem Gemeindevorstand und der Beamtenschaft den Dank für ihre Arbeit im verflossenen Rechnungsjahre. 22 Berlin, 25. November. Seit 25 Jahren besteht in Pankow bei Berlin das Bl ä d ch e n h n u s, in welchem schulentlassene jüdische Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren unentgeltlich auf die Dauer von zivei Jahren für den hauswirtschaftlichen Berus ausgebildet werden. Nach Beendigung, der Ausbildungszeit werden den Mädchen Stellungen in Haushaltungen verschafft. Infolge der durch den Krieg hervorgerufenen Verhältnisse werden jetzt auch Waisenkinder der Jüdischen Gemeinde zu Berlin für die Tauer der Schulzeit ausgenommen, so -daß die schulentlassenen Mädchen Gelegenheit finden, die Pflege kleiner Kinder zu erlernen. Die Ansta-lt wird von Fräulein Hirschfeld geleitet, der eine Kinderpslegerin und für die Ausbildung in der Haushaltung eine Gewerbelehrerin zur Seite stehen. Zurzeit sind noch einige Stellen für s ch u l - entlassene Mädchen frei. Bewerbungen um solche Stellen sind zu richten an Frau Gertrud M o ff e, Berlin W , Ben dl erst raste 33a. n. Berlin, 25. November. In einer letzhin stattgehabten Konferenz des B o d e n k n l t u r v e r e i n s mit Vertretern des jüdischen Gemeinde v o r st a n d s nmrden zwischen beiden Körperschaften Vereinbarungen getroffen, die unserer jüdischen Jugend in allererster Linie zugute kommen. Man wird es aber nicht nur innerhalb der Berliner Iudenheit, sondern allenthalben in Deutschland freudig und dankbar begrüßen, daß die Berliner jüdische Gemeindeverwaltung ihre soziale Fürsorge auf jenen Teil der jüdischen Jugend ausdehnt, der n i ch t der Wohltäti g feit bedarf, aber durch W o h l f a h r t s e i n - r i ch tu ng e n gefördert werden soll. Es wurde nämlich beschiossen, eine Gärtnereischule für jüdische junge Männer, nicht nur Berlins, sondern aus ganz Deutschland, auf einem der Jüdischen Gemeinde gehörigen Gelände dicht vor den Toren Berlins zu errichten. Die notwendig werdenden Gebäulichkeiten sollen möglichst baldin Angriff genommen lverden, so, daß die Ausnahme der Zöglinge schon im kommenden Frühjahr erfolgen kann. Vorerst sollen außer den Oekonomiegebäuden Mohnräume, für 20 bis 25 Schüler berechnet, hergestellt werden. Man darf zuversichtlich hoffen, daß die künftige Lehranstalt für Nntzgärtnerei und damit verbundene Berufszweige, wie Bienen- und Geflügelzucht usw., die deutsche Iudenheit um eine Wohlfahrtsinstitution bereichern loird, die ihr und der jüdischen Jugend zum Segen gereichen muß. Tenn nicht gering ist die Sorge vieler jüdischer Eltern — selbst aus den wohlhabendsten Kreisen — um die Zukunft ihrer der Schule entwachsenden Kinder. Und beider ist inan in jüdischen Kreisen nicht mehr gewohnt, an ankere als an kaufmännische und akademische Berufsarten zu denken, während die, besonders gegenwärtig und wohl für Jahrzehnte hinaus, viel sicheren Erwerbszweige in der Landwirtschaft und Gärtnerei kaum in den Bereich ernster Erwägung gezogen werden. Das törichte Vorurteil, daß junge Leute, die das Mitur bestanden haben, zu schade für ländliche Berufe seien (wiewohl das Abitur erst nur noch gar wenig für die geistigen Qualitäten eines Menschen erweist), muß noch energisch bekämpft werden. Bereits zeigen sich die Anfänge einer besseren Einsicht — meist bei der Jugend selber indem sich in wachsendem Maße schulentlassene Gymnasiasten und Realschüler um Lehrstellen in der Landwirtschaft und Gärtnerei bewerben, auch schon eine verhältnismäßig größere Anzahl bereits als Landwirtschaftseleven in Betrieben tätig ist. Nachdem nun die Indische Gemeinde Groß-Berlin einen verheißungsvollen Anfang gemacht, der jüdischen Jugend einen Beruf erschließen zu helfen, in dem sie, in ständigem Kontakt mit der freien Natur, stark, gesund, bodenständig und erwerbsttzchtig wird, könnte sie noch einen Schritt weitergehen, durch den sie ihr Werk krönen würde. Es gibt sehr viele Legate — ihre Zahl ist außerordentlich groß wie auch die darin investierten Mittel —, die einzig dem Studium oder der Förderung der Wissenschaft gewidmet sind. Bon diesen Stipendien sollte ein Teil den Schülern, die Landwirte und Gärtner werden wollen, überlassen lverden. Sowohl die Landwirtschaft wie die Gärtnerei sind längst kein Handwerk mehr, gut genug für geistig Beschränkte. Sie beide sind schon längst eine vornehme Wissenschaft geworden, die reiche Kenntnisse der Natur und viel Intelligenz erfordert; eine Wissenschaft, aus die sich die Zukunft der Völker aufbaut und der der Staat in reich ansgestatteten Lehrhäusern, Anlagen und Versuchsstationen großartige -Heimstätten bereitet und die namhaftesten Gelehrten als Leiter und Lehrer vorangestellt hat. Man darf die berechtigte Hoffnung hegen, daß die jüdische Gemeindeverwaltung auch von diesem Gesichtspunkte aus die neu erstehende Lehranstalt fördern und deren Schüler, loo es angebracht ist, durch Stipendien und Prämien ermutigen wird. E. M. Charlottenburg, 25. November. In einem Weinlokal am Kurfürstendamm unterhielten sich zwei Herren und eine „Dame" . damit, in lärmender und pöbelhafter Weise ans die Juden zu schimpfen. Der eine der beiden Gen tle männer schrie durch das Lokal: „Ich will heute noch einen Juden schlachten." Der geschmackvolle Kriegsruf fand bei seiner Begleitung und einigen seelenverwandten Gästen ein begeistertes Echo. Als schließlich die Beschimpfungen immer gemeiner wurden und ein Mitglied des Kleeblattes sich an einen anwesenden Glast wandte und ihn mit den Worten: „da sitzt schon wieder ein Jude" begrüßte, gab der angerempelte Herr, ein junger Arzt, dem antisemitischen Rohling ein paar derartige Ohrfeigen, daß der teutsche Held auf den Rücken fiel. Der öffentlich Geohrfeigte, der übrigens schon vor einigen Tagen eine ähnliche Szene in dem gleichen Lokal aufgeführt haben soll, war ein Dr. Lan goss aus Friedenau, nach seinen eigenen Angaben Oberleutnant. Sein Freund, der ihn bei seinen antisemitischen Rüpeleien trästig unterstützt hatte, entpuppte sich als Inhaber der Leibniz-