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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-11-28 · Heft 48 (28.11.1919) · p. Seite 552

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 48 (28.11.1919)
Date
1919-11-28
Page
Seite 552 (sequence 12)
Language
German
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daß alles in einem schwarzen Meer zu versinken schien. Und immer noch, saßen die Getreuen um den langen Tisch, und immer noch schwieg der Rabbi. Ein Bangen und Zagen bemächtigte sich der Anwesenden. Sie versuchten, den Bann zu brechen, sich selbst Mut einzuslößen, einen kleinen Lichtschimmer in die Finsternis zu werfen; es gelang ihnen nicht. Hier und da flog ein Wort auf und verhallte. Einer sagte etwas und verstummte. Ein anderer begann eine alte Weise zu trällern und brach ab. Ein Namen wurde gerufen und es kam keine Antwort. Das Wort war wie in schwarze Fesseln geschlagen und konnte sich nicht tosringen. Plötzlich sprengte der Rabbi die Fesseln und richtete das Wort an feine Getreuen. Und das Wort kam mühsam von seinen Lippen und klang wie fernes dumpfes Donnerrollen in den Ohren der Zuhörer. Des Rabbi Wort quoll sonst aus der Tiefe hervor; heute aber tönte es aus weiter, weiter Ferne: es klang so eigentümlich, so fremd, weil es von eigentümlichen und fremden Dingen erzählte. Der Rabbi sprach von dem Kampfe gegen Amalek, der gar kein Amalek, sondern das böse Prinzip sei, und von dem Kriege gegen Gog mtb Maaog. deren Riesenheer wie ein Sturm über die Erde dahinfahren und aller Orten Schrecken und Entsetzen verbreiten würde, und von dem furchtbaren Erdbeben, das der furchtbaren Messinnischen Zeit vorangehen würde. Und er knüpfte an die Weissagung Daniels an, die „versiegelt worden ist bis auf die letzte Zeit". „Es gibt Zeiten," sprach der Rabbi, „da kann die verheerende Flut nicht daherfahren und Länder brechen und täglich Opfer fordern: das sind die Zeiten, in denen das Verderben durch Machtfpruch gefesselt ist und keine Befugnisse erhält. Und wieder andere Zeiten gibt es, da die Flut wild hervorbricht und verheerend daherfährt und Länder und Städte zerbricht und täglich Opfer fordert; das sind die Zeiten, in denen das Verderben durch Machtspruch von seinen Fesseln befreit wird und sicher unbegrenzte Befugnisse erhält. Und so das Verderben die Befugnis zu verderben erhält, unterscheidet es nicht zwischen Gerechten und Ungerechten." Hier brach der Rabbi ab und wandte sich mit jäher Wendung scheinbar einem anderen Thema zu. Seine Stimme wurde kräftiger und das Wort floß nicht mehr so mühsam von seinen Lippen. Er sprach von dem Messias und von dem Oelzweig des Friedens. (ivintidsinui foltit.) Literarische Mitteilungen. — Nach tum Pogrom. Bon Ep. N. B j a l i k. Aus dem Hebräischen übersetzt von Abraham Schwadron. R. Löwit Verlag, Wien- Berlin, 1919. Bjaliks Dichtungen zeichnen sich nicht bloß durch die Kraft des ihnen innewohnenden unversäb'chten Hebraismus aus; sie wirken auf den Leser hauptsächlich durch das sittliche Gefühl, das den Dichter bei seinen Schöpfungen leitet. Das zeigt sich auch in den uns vorliegenden Gedichten, die unter dem unmittelbaren Eindruck der Pogrome in Kischinew und Hömel fl903) entstanden sind. In diesen Pvgromdichtungen erhebt Bjalik eine wuchtige Anklage nicht allein gegen die Mörder, sondern in noch gesteigertem Maße gegen die. Passivität der Welt und die Gerechtigkeit ihres Schöpfers, eine Anklage, die so alt ist wie das jüdische Volk und sein trauriges Geschick. - Zn der lieber st tzung bemüht sich Schwadron, lute er in einem kurzen Vorwort bemerkt, „dem Original nach Zinn und Wort bi« an die Grenze der Möglichkeit treu zu fein". Wie weit ihm dies gelungen ist, vermögen wir, da das Original uns nicht vorliegt, nicht zu beurteilen. Doch spricht folgende Uebertragung für die redliche Bemühung Schwadrons: „Fluch über den, der „Rache!" sagt! Diese Rache, Rache für eines Säuglings Blut,- hat auch noch der Satatt nicht erzeugt. Nein, daß bis zum Orkus, ttes und düster, das Blut sich bohre, daß in der Finsternis wühlend cs fresse all des Erdengrundes morsche Feste." A~-tz. * ~ E. Flau t e r : Im Strahlenglanze der Menorah. Ein neues Ehantckabuchvon C. Flanter. Verlag Louis Lamm. Preis 4,50 Mark. Eine Jugen.dg.abe von Flanter, dem ehemaligen Redakteur des „Israelitischen Jugendfreundes", ist immer etwas Erfreuliches. Schade, daß seine Jugendzeitschrift eingegangen ist; eine solche wäre heute gegenüber den die Jugend mit jüdischen nationalen Ideen speisenden Jugendzeitschriften sehr willkommen und würde Erfolg haben. Das neue Büchlein von Flanter bringt denen, die in Ehauukafeiern erfahren sind, nicht viel Neues, aber das Ganze ist eine anmutige Zusammenstellung von Gedichten, Theaterstücken .und Bortesüuaeu für die Chanuka feiernde . Jugend und reiht sich dein „Uni die Menorah" von demselben Verfasser würdig an. Besonders interessant ist der kttlturhistorische Abschnitt über „Spiele bei den Inden" (nach Berliner), der bei manchen Eltern und Großeltern alte, liebliche Erinnerungen hervorzaubert. Eine schöne Ehanutagabe, die nur billiger sein sollte und besser ausgestattet Rabbiner Dr. S t r a ß b u r g e r < Ulm). * Dr. N. M. N a t h a n : Hamburger Gemeiudeangelegenheiteu. Frankfurt a. Nb, I. Kaufsmanu. 1916. Unter dem obigen Titel hat der Syndikus der Detltsck>Jsraelitischen Gemeinde zu Hamburg eine Reihe von Aufsätzen vereinigt, die er unter dem frischen Eindruck der Revolution in den Monaten Dezember 1918 bis Mürz 1919 im Hamburger „Israelitischen Familienblatt" veröffentlicht hat. Sind diese Aussätze atlch zunächst nur der künftigen Gestaltung der Jüdischen Gemeinde in dem zu erwartenden Groß- Hamburg gewidmet, so enthalten sie doch beträchtliche Fingerzeige genug, die auch bei der Ausgestaltung der Gemeindeverhaltntsse in anderen jüdischen Groß gemeinden Deutschlands mit Erfolg genutzt werden könnten. Tie Nathansche Schrift seialso all denen bestens empfohlen, die Interesse an jüdischer Gemeindepolitik haben. .7. Sprrchlsal. Sehr geehrter Herr Redakteur! In der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" ist vor einiger Zeit, gleichlautend mit Nummer 9 des „Gemeindeblattes", ein Artikel erschienen, der das Wahlrecht zur Nepräsentauteuversammlung und die Kriegsteilnehmer besprach. In diesem Artikel ist Bezug ao nommen aus eine Sitzung der Repräsentantenversamtnlun.g vont 27. Juni 1915, in der unter Zustimmung des Vorstandes ein Antrag angenommen wurde, laut welchem den Krtegsteitnehtuern. die mit den Gemeindesteuern im Rückstände geblieben sind, entgegen den Gemeindebestimmungen das Wahlrecht erhalten bleiben sollte. Auch in der Nepräsentantenversannnlung vorn 5. Oktober d. I. nahm Herr Justizrat Lilienthal namens des Vorstandes auf diesen Antrag Bezug, zum Beweise dafür, daß die Erhaltung des Wahlrechtes der Kriegsteilnehmer immer ein Gegenstand des Interesses der Gemeindebehörden gewesen ist. Ich bitte, davon Kenntnis zu nehmen, daß jener Antrag von mir P e r s ö n -t i ch, als ich noch dem Repräsentantenkollegium angehörte, eingebracht wurde. Daß damals diesem Anträge irgendwelches Interesse entgegengebracht wurde, konnte ich nicht bemerken. Denn ich kann es als Interesse nicht bezeichnen, daß dieser Antrag zur weiteren Veranlassung dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde, dessen Borsitzender der Repräsentant Herr Professor Kalischer ist, übergeben wurde. Immerhin -bin ich erfreut darüber, daß jetzt,, nach zirka 4% Jahren, dieser Antrag durchgesührt werden soll, freilich erst, nachdem. eine lebhafte Agitation sich für denselben eingesetzt hatte. Vielleicht worden nun auch andere Anträge von mir, die, vor längeren Jahren eingebracht, noch der Durchführung entgegen schlutnmern, zürn Leben erwachen. Hochachtungsvoll B e r l i n , 19. November 1919. A. L e w i n s k i.

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