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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-11-28 · Heft 48 (28.11.1919) · p. Seite 551

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 48 (28.11.1919)
Date
1919-11-28
Page
Seite 551 (sequence 11)
Language
German
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551 nicht, Zunz war der Pfadfinder für uns alle." Und über das zweite große Werk „Zur Geschichte und Literatur" behauptet Weiß wiederum: „Ueber das Zeitalter der Tosafisten ist vor Zunz niemals großzügig durchdacht und abgeklärt durchforscht worden. Es gelang Zunz nachzuweisen daß Israel von der Wissenschaft nicht verwitwet ist und seine Literatur einen Schatz von Wissen und Erkenntnis bildet; es gelang ihm, mit diesem Buche den zweiten Eckstein für den Bau unserer Geschichte zu legen, ebenso mit seinen nachfolgenden Werken seine vorgesteckten Ziele zu erreichen."") Grnjamms Liebeslied. (21. Forts.) Roman von S a nt ne l M c i f c l §. WL er „Stadtanzeiger" widmete dem tragischen Ereignis auch einen schwungvollen Leitartikel, der allgemein Aussehen erregte. Das Blatt bezeichnete die Bluttat von Serajewo als eine der furchtbarsten Schicksalstragödien, die die Geschichte kennt, und schilderte mit herzerschütternden Worten das Furchtbare dieser fluchwürdigen Tat, die eine Heimsuchung für die ganze Monarchie, ein schweres Leid für den viel- und schwergeprüften, greisen Monarchen und einen Schandfleck für die Menschheit bedeute. Tief ergreifend waren die Schilderungen von dem Eheglück des Fürstenpaares, das gedungener Mörderhand zum Opfer fiel. In leuchtenden Farben malte das Blatt ihr Eheglück, ihre Liebe zueinander: eine Liebe, die groß, stark, schön und die Quelle aller ihrer Tugenden war; das Blatt nannte diese Ehe „die Vollendung des harmonischen Zusammenlebens zweier Menschenkinder" und wies auf den Zug vom Mystisch-Erhabenen hin, den ihre Liebe durch den gemeinsamen Tod erhielt. Zum Schluß des.Artikels hieß es: „Der Tod des Erzherzog-Thronfolgers hat der österreichischen Geschichte ein dunkles Blatt hinzugefügt, ein Blatt, schwarz umrändert, aber ohne Text. Wir können nichts auf diesem Blatte lesen. Wir wissen vom Erzherzog nichts mchr, als daß er eine große Verheißung war; ein grausames Schicksal ließ ihm keine Zeit, zur Erfüllung zu reifen. Deshalb werden wir uns nie ein scharfumrissenes Bild von seinem komplizierten Wesen machen können. Er war ein Mann voller Mannesmut, von einem starken Willen beseelt, von einer innerlich empfundenen Berufung durchdrungen. Alles das konnte man ihm ansehen, dem kraftstrotzenden Mann mit dem mächtigen Kopf und dem ernsten, wie von sanfter Trauer umschatteten Blick. Weiter aber auch nichts. Denn auch heute noch gibt's keine Kunst, der Seele Zustand im Gesicht zu lesen ..." Die Menschen, die es lasen, waren darüber 31t Tränen gerührt, tief in ihrem Innersten erschüttert, aber es war ein rein menschliches Rühren, das sie fühlten, es war nur jene seelische Erschütterung, wie sie die Tragödie hervorruft, die uns an die dunkle Macht, die über uns waltet und die wir Schicksal nennen, schauervoll gemahnt. Ihre Herzen durchwühlte ein tiefes Weh ob der menschlichen Tragödie, die da vor ihnen ausaerollt wurde und die ihnen die Vergänglichkeit alles Irdischen, die Zerbrechlichkeit alles Erdenglückes lebhaft zu Bewußtsein brachte. Sie empfanden die Nichtigkeit ihres eigenen Daseins, indem ihr Mitleid die armen Opfer beklagte, die von der Sonnephöhe ihres Glückes jählings in die finstere Gruft Hinabstiegen. 1H) Weiß, „Meine Erinnerungen" ,/THJTO?" (Warschau 1895), 135 ff. Kaum aber hatte sich das Grab in Artstetten über den irdischen Resten des ermordeten Fürstenpaares geschlossen, da glätteten sich die Wogen der Aufregung, die Stadt bekam ihr friedliches Aussehen wieder, der Kai wimmelte von Spaziergängern, die fortwährend auf und ab gingen und an dem hundertmaligen Einanderbegegnen ihr schönstes Vergnügen fanden. „Am Tor" tauschten die Müßigänger Stadtneuigkeiten aus, und in der Redaktion des „Stadtanzeigers" widmete man sich von neuem den hochaktuellen Gemeindefragen. Die Menschen trotteten in altgewohnten Gleisen und sahen nicht das Licht, das über dem Grabe in Artstetten brannte, und sahen die Fackel nicht, die sich an diesem Lichte entzündete. — Im stillen Artstetten in Niederösterreich hat Erzherzog Franz Ferdinand ein Mausoleum errichten lassen, eine Familiengruft, in der er und seine Angehörigen dereinst die letzte Ruhestätte finden sollten. Als Franz Ferdinand das Mausoleum errichten ließ, da mochte er wohl an den Tod wie an einen in unsichtbaren Fernen weilenden Götterboten gedacht haben, der in späten Tagen, wenn die Arbeit getan und die im Herzen genährte Hoffnung erfüllt ist, seine ruhespendenden Fittige über ihn ausbreiten wird. Aber der Tod ist ein wilder Reiter und ritt ihm in der milchig-faden Gestalt eines halbwüchsigen Burschen, der die Mordwaffe zu handhaben verstand, gar rasch entgegen. Bevor der Fürst seine Arbeit getan, hat der Tod ihn gefällt, ihn und die edle Frau, der er sich fürs Leben verbunden hatte! Und sie zogen ein in das stille Haus, das sie sich zu einer Zeit haben bauen lassen, als noch das Leben sich wie ein Aehrenfeld in verheißungsvollen Weiten vor ihnen dehnte. Das Grab in Artstetten ist grauenvoll schön. Es ist grauenvoll, weil es der Schatten einer grausigen Schreckenstat umschwebt, und schön, weil der Goldglanz einer großen und wunderbaren Liebe darüber leuchtet. Das Grab in Artstetten ist ein österreichisches Grab, zweisprachig und doppelsinnig, wie vieles in Oesterreich. Es tönt aus diesem Grabe der harte Ton der Geschichte, die von Völkerhaß und Stammesfeindschaft erfüllt ist; aus diesem Grabe klingt aber auch der weiche, milde Klang der Liebe, die irns mit allem Menschlichen versöhnt. Ueber dieses Grab warf die Liebe ihren milden Friedensschein; daneben aber stand der eherne Gott und entzündete seine Fackel daran. * Und die Menschen trotteten in ihren altgewohnten Geleisen und sahen nicht das Licht, das über dem Grabe in Artstetten brannte, und sahen die Fackel nicht, die sich darüber entzündete .... Nur einer war da, der die Fackel sah - das war der Hügel-Rabbi Dowber Gottesmann. Am Sabbat bei der dritten Mahlzeit saß der Rabbi in gewohnter Weise mitten unter seinen Getreuen. Aber er war nicht so ruhig-heiter, wie er ansonsten bei den dritten Mahlzeiten zu sein pflegte. Der Sabbatglanz in seinen Augen war erloschen und trübe Schatten huschten über sein Antlitz. Auf seiner hochgewölbten Stirn zeigte sich eine tiefe Furche, gleich einem Sorgenmal urtö Sturmzeichen. Zitternd glitten seine Finger durch den langen weißen Bart, zerteilten ihn bedachtsam in mehrere Strähnen und zogen ihn dann mit raschem Griff wieder zusammen. Von Zeit zu Zeit ließ erden Kopf aus die Brust niedersinken und seufzte. Der Seufzer klang wie ein abgebrochenes Stöhnen, wie der Aushauch eines Schwerbeladenen, wenn ihn die Last 31t Boden drückt. Sv saß der Rabbi da, verstört und wortlos, in einem Zustande wachen Träumens, und es hatte den Anschein, als würde heute die Mahlzeit ohne das übliche „Thora sagen" verlaufen. Stunde um Stunde verrann. Der Abend brach herein, die Dunkelheit wllchs und verdichtete sich zu Finsternissen,

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