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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-11-28 · Heft 48 (28.11.1919) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 48 (28.11.1919)
Date
1919-11-28
Page
Seite 550 (sequence 10)
Language
German
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550 flebanfen geleitet, daß „das Privilegium und die Un- * trüglichkeit der und des Mißbrauchs im Reiche des Geistes nicht anerkannt sind, und der Gedanke ist mächtig genug, ohne Anmaßung und Unrecht über die Anmaßung und das Unrecht zu siegen" (TV). „Der Anerkennung des Geistes wird die der Personen folgen. Die Gleichstellung der ^uden in Sitten und Leben wird aus der Gleichstellung der Wissenschaft des Judentums hervorgehoben" (S. 21). Der Selbstzweck ist jedoch die Erforschung der Wissenschaft vom Judentum. Die erste Abhandlung in diesem Werke: „Die jüdische Literatur" bringt uns folgende höchst bemerkenswerte Aeußerungen: „Nach Völkern und Sprachen scheidend, verfolgen wir so den arbeitcixb.cn Geist in seinen einzelnen Richtungen ... Eine von der Weltgeschichte anerkannte historische Besonderheit sind die Inden nach Bolkstnm und Bekenntnis ein Ganzes, dessen Richtungen tum einheitlichen . . . Gesetzen gelenkt werden und dessen geistige Erzeugnisse bereits über zwei Jahrtausende eine Lobenssaser unzerreißbar durchzieht . . . Ist die Totalität der geistigen Betriebsamkeit ein Meer, so ist einer von den Strömen. welche jenem das Wasser znsühren, eben die jüdische Literatur: auch in ihr wird das Edelste sichtbar werden, das die Seelen erfüllt hat und wonach sie gerungen: auch sie zeigt die rnannigsachen Taten des erkennenden Geistes . . . Die Ideale des Geistes, erkannt und empfunden, werden dem Gedanken Freiheit, dem Gefühl Schönheit verleihen; die Schifffahrt luif dem einen Strome kann zu der Urquelle führen, der aller Geist entströmt nnd um welchen, wie um einen ruhenden Pol, alle Richtungen sich bewegen" (S. 1.3). „Unsere Wissenschaft soll sich zunächst von der Theologie emanzipieren und zur geschichtlichen Anschauung erheben: dazu muß vor allen Dingen gelernt, also mlch wieder gelehrt werden iS. 20s. Leopold Zun?, ohne in seinen Werken besonders tendenziös zn sein, bewahrt dennoch mit seltener gewissenhafter Treue die historische Eigentümlichkeit der jüdischen Literatur, welche wohl zugleich eine Ergänzung der allgemeinen Literatur ist, aber mit eigenem Organismus, der, nach allgemeinen Gesetzen erkannt, das Allgemeine wiederum erkennen hilft. Die zweite Abhandlung: „Zur Literatur des jüdischen Mittelalters in Frankreich, nnd Deutschland", welche etwa ein Drittel des Werkes xrmfaßt, enthält den wichtigsten Zeitraum der xnittelalterlichen jüdischen Kulturgeschichte. „Die Kenntnis dieser Literatur ist nicht bloß für die Beurteilung der Gearnwart, für die Praxis im Leben, für Religiöses und Kirchliches wichtig; sie ist unentbehrlich für die Geschichte der jüdischen Ereaese, mehr noch für die bieder nickt versuchte Charakteristik des jüdischen Rechts xxnd die Geschichte der axx Gotdkörnern reichen jüdischen Rechtspraris." Die verschiedenen Abschnitte dieser Abhandlung ordnen historisch das Material der dahingehörigen Literatur, vergegenwärtigen uns die imposante zahlreiche Schar der jüdischen Gelehrten in der Diasvora: die Verfasser der Tosasot (Glossatoren), der biblischen Kommentarien (Eregeten), die Grammatiker, Punktatoren und Sittenlehrer. In seiner Einleitung zu dieser Abhandlung teilt Zunz die jüdische Kulturgeschichte in den letzten 22 Jahrhunderten in elf Epochen, bis nahe an seine Zeit, wo die Quellen lind die Geschichte des Judentums erforscht und seine Wissenschaft in das Gebiet des Gesamtwissens eingeführt wurden. Zunz schließt seine Uebersicht mit der erhabenen Betrachtung, welche uns die Grenzscheide zwischen seiner Anschauung und der der Häupter der radikalen Reform im Judentum erblicken läßt: (S. 28.) „Auf diesem Punkte stehen wir gegenwärtig, die alte ch.'it betrachtend, aber die Betrachtung ist nicht unbefangen. Alls düsterer, abgeschlossener Unwissenheit zu dem Lichte freier Wissenschaft geführt, wurden wir berauscht nild geblendet zugleich; in dem Anichanen unseres eigenen Altertums zogen einzelne Werke nnd einzelne Denker uns schneller an als die Quelle uni> das Ziel ihres Denkens lind Wissens, nnd in dem rasenden Lauf nach Lieblingsilieiullügen zerträte U w i r n n b e k ü m m e r t die B l u ul e n des I ii . d e n t u nx s und ließen Glauben n n b Liebe weit hinter n n s z u r ü ck. So verweilen wir bei Punkten, die uns Zusagen, weil sie vergänglichen Zwecken dienen, aber wir weichen ganzen unerforschten Zeitaltern aus. Und xveil wir die Menschen und ihr Tun nicht um ihrer selbst willenanfsuchen, sondern um des für uns zu erwartenden Gewinnes halber, so bleiben wir in Vorurteile versenkt, ebenso ungerecht gegen viele Produktionen der Vorzeit als die spottenden Feinde, denen wir, um in einem Streit gegen einen Rabbinatskandidaten recht zu behalten, neun Zehntel unseres ehrwürdigen Altertums preisgeben. Nicht die Kenntnis einer Epoche, eines Schauplatzes, eines Tlins ist das Recht; es ist das umfassende, zusammenhängende und gerechte Wissen; manches mißkannte Jahrhundert hat zu den: Leben der Gegenwart den Grund aufgeführt, und nur weil dieses Leben ih-nen nicht inehr b-ehagt, verachten die außerhalb des Judentums Geratenen die Männer jener Zeit nnd verhöhnen ihre Werke." Der letzte Abschnitt der zweiten Abbandtnng. bezeichnet „Charakteristik", schildert das innere Leben der Juden im Mittelalter: (S. 157.) „In den: Leben der Menschheit, das die Geschichte darstellt. sollte kein Zeitabschnitt ohne weiteres der Gleichgültigkeit, cf)uc Prüfung der Geringschätzung preisgegeben sein, und der Versuch. eine vergessene Epoche der jüdischen Literatur der Erinnerung wieder zuznführen, ans so viel Liebe, als zur Aufmerksamkeit, aus so viel Gerechtigkeit, als zu einem nnbefanaen-en Urteil ansreicht, Auch ruck macken dürfen." Die dritte Abhandlung heißt: „Bibliographisches", die vierte: „Das Gedächtnis der Gerechten", diefünste: „Die jüdischen Dichter der Provence", die s echste: „Geschichte der Inden in Sizilien" und die siebente: „Münzkunde". Außer dem gesamten Schrifttum des Judentums - eine kaum zu überschauende reichhaltige Anzahl aus allen Winkeln berausgefnnden — benutzte Zunz 109 handschristliche hebräische Werke, um'Mit Meisterhand -ein organisches und lebendiges Ganges zusammenzusügen. „Ganze Kapitel in der Geschichte, die bisher der Bearbeitung völlig entbehrt hatten, waren hier in erschöpfender und glänzender Behandlung zur Darstellung gelangt. Gebiete, von denen man keine Ahnung, geschweige eine Kenntnis hatte, traten ins Licht, eine Saat voll Frucht und Ertrag war aus einem Boden aufgestiegen, den die Wissenschaft noch niemals als ihren Acker betrachtet oder gar bebaut hatte." „Bei Sachkundigen". schrieb das „Seraveum" 1846. S. 45, „gilt Zunz für den Boeckh, Grinx'm und- Schaffarik seines Gebietes. Wer wie Zunz nicht nur die ersten Grundsteine zn einer Wissenschaft gelegt, sondern auch, die Kelle in der einen, das Schwert in der anderen Hand, unermüdet daran fortbaut, kann des Diploms der Akademien und des Lehrstuhls der Universitäten -ent- ' raten."^) Der gelehrte Verfasser des fünfteiligen hebräischen Werkes PttHVTi ' ‘TH TH „Zur Geschichte der jüdischen Tradition", I. H. Weiß (Wien), in seiner Selbstbiographie zu seinein 80. Geburtstage (1895), unter dem wesentlichen Abschnitt derselben: ,.Die Bücher - meine Lehrmeister", vreist besonders die Werke Zunzens. Ueber die „Gottesdienstlichen Vorträge" sagt Weiß: „In diesem Buche gründete Zunz die Geschichte von der Literatur der Midraschim, eine Tat, die vor ihm keiner unternahm, und in zweiter Reihe vollbrachte er damit eine herrliche Gabe von der Entwickelung der Kulturunter den Juden in den verschiedenen Zeiten. Er erwarb sich damit das Vorrecht, -die Grundlagen gestiftet zu haben, worauf die Geschichte der Juden basiert ist. Wir können nicht leugnen, daß allen Autoren nach ihxn, welche sich mit diesen großen Gebieten befaßten, seine Forschungen die Hilfsquellen xxnd die Wegweiser waren. Mögen sie es anerkennen oder 15) David Kaufmann, „Gesammelte Schriften" I, S. 343.

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