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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-11-28 · Heft 48 (28.11.1919) · p. Seite 543

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 48 (28.11.1919)
Date
1919-11-28
Page
Seite 543 (sequence 3)
Language
German
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jedenfalls unbekannt zu sein, daß dessen Dichter Linderer . . . Jude war. Das Grab Linderers befindet sich auf dem Friedhofe der Berliner Jüdischen Gemeinde. Es ist fürwahr eine heitere Ironie der Weltgeschichte, daß ausgerechnet das von einem Juden gedichtete Flaggenlied jetzt von den Antisemiten als Protest gegen die „Judenfahne" gesungen wird. * Eine arge Blasphemie. Eine Geschmacklosigkeit übelster Art hat sich ein Herr Moritz Goldschmidt in den in Frankfurt a. M. erscheinenden „Frankfurter Nachrichten" geleistet. Dieser veröffentlichte in der Abendausgabe des Blattes vom 3. November unter anderen Gedankensplittern auch folgenden Vierzeiler: Der Herrgott sprach: Es ist vollbracht! Und darauf ließ er uns im Stich! Erst hat er uns aus dem Staube gemacht Und dann sich! Die auf dem Boden der Zentrumspartei stehende „Frankfurter Volkszeitung." tritt dieser Blasphemie mit' folgenden Ausführungen entgegen: „Man versteht es vollkommen, daß diese unverschämte Verhöhnung jedes christlichen Empfindens von vielen noch religiös denkenden Lesern der genannten Zeitung nicht stillschweigend hingenommen wurde. Eingehende Beschwerden veranlaßten die Redaktion, sich in der nächsten Ausgäbe zu entschuldigen; lediglich durch ein „Versehen" habe der Vierzeiler Aufnahme gefunden. Immerhin hat diese durch ein „Versehen" zustande gekommene Veröffentlichung des blasphenüschen Verses wieder einmal klar und deutlich gezeigt, was gewisse Kreise v sich gegen christliches Fühlen und Denken glauben herausnehmen 31t dürfen. Wenn der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" in seinen „Mitteilungen" jede antisemitische Hetze und Kram tung sehr mit Recht festnagelt und an den Pranger stellt, so wollen nur die Gesinnung des Herrn Moritz Goldschmidt mit demselben Recht festnageln und dabei bemerken, daß durch solche nichtswürdige antichristliche Spöttereien ja geradezu der Antisemitismus im Volke gezüchtet wird." Das Frankfurter Zentrumsblatt ist «durchaus in seinem Recht, wenn es sich über die Blasphemie des Herrn Moritz Goldschmidt entrüstet; wir möchten aber ihm gegenüber noch besonders darauf Hinweisen, daß der in Rede stehende Vierzeiler nicht nur eine Verhöhnung jedes christlichen Empfindens, sondern auch genau so eine solche des jüdisch-religiösen Empfindens darstellt. Ja, man wird in jüdischen Kreisen, und nicht allein in denjenigen der orthodoxen Juden, >um so mehr darüber ungehalten sein, weil der Urheber der Blasphemie Jude ist und man sich hier mit Recht wird sagen müssen, daß für eine derartige Aeußerung wieder die Juden in ihrer Allgemeinheit in Anspruch genommen werden. Es ist ja eine leider nur zu oft zu beobachtende Tatsache, daß selbst Leute, die es weit von sich weisen würden, als Antisemiten zu gelten, in dieser Hinsicht mit anderem Maße messen, wenn es sich um einen Juden handelt, als wenn ein Ehrist in Frage käme. So hat man, um nur ein Beispiel anzuführen, die Taten und Meinungen der jüdischen Führer der Münchener Spartaeisten, Der LewinS, Mühsam usw., ohne weiteres den Juden an die Röckschöße gehängt, während man weit davon entfernt gewesen ist, für das, was sich die aus christlichen Kreisen stammenden Führer, die Lipp, Sonkheimer usw., erlaubt haben — und diese haben sich ganz besonders manche gar arge Blasphemie geleistet —, die Christen verantwortlich zu machen. Man mißt eben in dieser Beziehung in christlichen, Kreisen leider noch vielfach mit zweierlei Maß; dasselbe tut auch die „Frankfurter Volkszeitung", wie aus ihrem Hinweis auf „gewisse Kreise" hervorgeht, womit sie offenbar jüdische Kreise nieint. Objektiv denkende und urteilende Christen müssen sich doch sagen, daß eine derartige Verallgemeinerung im höchsten Maße ungerecht ist. . Zum Tode des Zeirtrumsabgeorvneten Groepet. Der Zentrnmsabgeordnete Landgerichtsdirettvr und Staatssekretär a. T. Groeber, der vor einigen Tagen Plötzlich im Reichstag, also gewisserinassen in den Sielen, gestorben ist, war einer der wenigen und in jetziger Zeit immer seltener werdenden Menschen, bei denen die Worte und Täten stets tirr Uebereinstimlnnng stehen. Wenn er in . seiner langjährigen und reich gesegneten parlamentarischen Tätigkeit in erster Linie den P a r i t ä t 8 g e d a n k e n und den Standpunkt des gleiche n R e ch t s f ü r all e vertrat, so handelte es sich für ihn dabei keineswegs um engherzige Fraktionsittteressen und um Sonderbestrebungen im Dienste einer einzelnen Partei oder nur eines Teiles der Bevölkerung, sondern es war ihm auch mit der Forderung der Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession wirklicher und heiliger Ernst. Mit derselben Entschiedenheit, mit der im Reichstage gegen die Zurücksetzung seiner katholischen Glaubensgenossen, gegen die Nichtzulassung katholischer Ordensmänner und Ordensfrauen, gegen die Zurücksetzung katholischer Beamten usw. eintrat, legte er sich auch stets auf das wärmste dafür ins Zeug, daß den Juden dieselben ihnen nach der Verfassung gebührenden Rechte Zuteil würden wie der übrigen Bevölkerung. So stellte er sich mehr als einmal im Reichstag, sobald dort das Thema „Z u -r ü ck s e tz u n g der Juden t m H e e r e" zur Verhandlung kam, stets mit der größten Entschiedenheit auf den konstitutionellen Standpunkt. Am 27. Februar 1911 erklärte er dort bei der Verhandlung über dieses Thema: „Der Kampf mag noch längere Zeit in Anspruch nehmen, bis er gur vollen wahren Gleichberechtigung endl'ch führen wird. Dieser Kampf wird uns aber stets auf dem Posten finden, denn es ist der g u t e K a nr p f u m s R e ch t itnb d i e. Gerechtigkei t." Und als 11. a. auch tut Jahre 1914 bei der damaligen Militärdebatte des Reichstags der Aussch-luß der Juden von der O f s i z i e r s l a u f b a h n erörtert wurde, hob er hervor, daß seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre kaum - mehr ein israelitischer Einjähriger zum Reserveoffizier ernannt worden sei, und er unterzog das unaufrichtige Verhalten der Reichsmili-tärverwaltung in dieser Frage einer vernichtenden Kritik. Er schloß seine Ausführungen damit, daß er sagte, nicht alle Offizierkorps seien antisemitisch gesinnt, und wenn es die Offiziere' vollends ‘ wüßten, daß die Ausschließung israelitischer Kandidaten von o b e n herab n i ch t g e w ü n s ch t wir d, daß tm Gegenteil eine wahrhaft freie, nur auf sachliche Gründe gestützte Wahl verlangt wird, dann werde es auch nicht an Wahlen von israelitischen Ofsiz'erskandidaten fehlen. Gemäß dem gerechten Standpunkt, den er in dieser Frage vertrat, war es nur selbstverständlich, daß er auch gegen die Zurücksetzung der jüdischen Staatsbürger auf anderen Gebieten eintrat. So stellte er sich, als im Reichstag im Mürz 1912 eine fortschrittliche Interpellation über die A b w e i s u n g j ü d i s ch e r AL e d i z i 11 ct l - Praktikanten i n ö f f e n 11 i ch e n K r ankeuhüuse r n verhandelt wurde, durchaus auf den Standpunkt der Interpellanten und erklärte, daß in dem unbeschränkten Dulden des Verhaltens der' Krankenhausdirektoren eine Verletzung des Gesetzes v 0 m 3. Juli 1869 ü b e r d i> e Glei ch b c r e ch t i g u u g der G l a u - b e ns b e ke n n t ii i s s e zu erblicken sei. Im Jahre 1913 setzte er bei der Beratung des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes die * Annahme eines von ihm eingebrachten Antrages durch, nach dem ., bezüglich der Einbürgerung die j ü d i s ch e n K u l t u s b e a m t e it den Kicchenbearnten der christlichen Konfessionen gleichgestellt werden sollen. Gerade durch sein Verhalten in der letzten nur einen verhältnismäßig sehr kleinen Teil von Personen betreffenden Angelegenheit hat der Abgeordnete Groeber bewiesen, daß ihm die Parität aller Glaubensbekenntnisse, die Zubilligung des gleichen Rechts an alle Staatsbürger eine Ueberzeugungs- und Herzenssache gewesen ist. Jur Interesse seiner Partei ist es dringend zu wünschen, daß er in ihr auch gerade auf diesem Gebiet überzeugte und würdige Nachfolger finden möge. Dr. 4. St * Sic Juvenfrage auf de§ Posener Universität. Unter dieser UÜberschrift bringt der „Kurjer Poznanski" vom 8. November einen Artikel, in dem es u. a. heißt: „Mit denr Augenblick der völligen- Bere-inigrurg^ unseres Teii- > gebietes mit K'0ngreßp.0'len -und Galizien ist midj bei uns die Juden-

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