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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-11-28 · Heft 48 (28.11.1919) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 48 (28.11.1919)
Date
1919-11-28
Page
Seite 542 (sequence 2)
Language
German
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schastliche Gefahren in sich birqt; sie führt zum wirtschaftlichen Boykott, dazu, daß alle Betätigungen nach der Prozentnorm geregelt werden, und wenn um einer falsch verstandenen Demokratie und eines mißleiteten Nationalismus willen nicht nach der Tüchtigkeit und Eignung gefragt wird, -sondern jeder Nationalität nach ihrer Zahlenstärke die Möglichkeit der Betätigung in allen Wirtschaftszweigen zugemessen wird, so muß das' im Falle der Juden zur wirtschaftlichen Katastrophe führen. Und man verlasse sich nur nicht auf den verbrieften Minoritätenschutz, man kann ja schon jetzt erkennen, daß die den Völkerbund leitenden Mächte die Länder - der Welt nach ihrem politischen Interesse behandeln und nicht nach idealen Gerechtigkeitsforderungen, und dann, man kann Schutz anrufen gegen Pogrome und Gewalttaten, aber nicht gegen still organisierten wirtschaftlichen Boykott. Zollschan steht nicht an, die Formel zu prägen, daß „die Durchsetzung der der wissenschaftlichen Wahrheit ins Gesicht schlagenden nationalistischen Forderungen unter Umstünden nichts anderes wäre als die Garantie für die Verewigung eines unter der Maske der nationalen Anerkennung sich einnistenden Fremdenrechts", und er sagt damit etwas voraus, was man in einigen Staaten schon in der Gesetzgebung zum Ausdruck zu bringen versucht. Mit aller Schärfe weist er darauf hin, daß „durch die nationale Option große Gruppen erklären, ob sie einen bestimmten Staat anerkennen oder ablehnen .... Die Aufforderung des Staates zum Bekenntnis der Nationalität ist, klipp und klar mit den richtigen Worten ausgedrückt, die Frage nach der Zugehörigkeit zu dem diese Menschengruppe umfassenden Sprach- und Kulturkreis". Das heißt mit anderen Worten, man gehört national zu dem Volke, dessen Sprache man spricht, dessen Kultur und Bildung man als seine persönliche empfindet, so daß man in ihr denkt, lebt und webt. Und umgekehrt, lebt man in einem der Staaten des neu sich organisierenden Europas, so geht es eben gar nicht anders, als daß man in Sprache und Bildung des Staatsvolkes sich einfügt. „Die blinde Unterwerfung unter fremde Tradition, die Anpassung an nicht erlebte Formen, die bewußte Preisgabe der eigenen Individualität, das Herunterzerren der Würde des eigenen Volkstums muß natürlich bekämpft werden, aber die natürliche Angleichung an die Bedingungen des Landes wäre nur zu verhindern, wenn es gelingen würde, den Koder unseres mittelalterlichen Religionsritnels wieder in seine vollen Rechte einzusetzen. Nur dann und bei Wiederetablierung der alten Rechts- und Wirtschaftsgemeinschaft und der früheren Verkehrssonderung wäre die Aufrichtung einer Art eigenen Sprach- und Kulturkreises möglich. So aber ist eben die Bezeichnung desjenigen Sprach- und Kulturkreises, in dem man steht, das einzig mögliche und wahre nationale Bekenntnis." Mit starker Skepsis steht der Verfasser der Frage der nationalen Schule gegenüber; er findet, mit Recht, daß das, was durch sie erreicht werden soll, auch auf anderem Wege zu erzielen ist. „Eine nationale Schule ist gewiß mehr geeignet, die Eigenart und Sonderart unserer Psyche länger vor der Auflösung zu bewahren, sie sogar noch stärker zu betonen und damit, für die nationalen Zwecke fruchtbar zu machen, als die Simultanschule . . . Aber um das Kind dauernd dem Volke zu erhalten, müßte die Sondererziehung von einem Sonderdasein gefolgt sein. Nationale Schule ohne sprachliche Abgrenzung im Leben und ohne Trennung der Verkehrsgemeinschaft mit der umgebenden Majorität versiegt nur die Austragung der durch die Disharmonie zwischen Umwelt und Innenwelt erzeugten und durch die Sondererziehung eventuell noch vermehrten inneren Konflikte auf einen späteren Zeitpunkt, ist aber, von Ausnahmen abgesehen, allein nicht imstande, ihr Schülermaterial dauernd dem Volke zu erhalten. Wohl lv'ird sicher das Auftreten dieser Ausnahmefälle durch die nationale Schule gefördert werden . . . Aber auch wenn, natürlich in der entsprechend reformierten Form, der Unterricht der jüdischen Fächer, dem in den Simultanschulen angegliedert wird, werden wir diesen Effekt in ähnlichem Grade erzielen können, ohne die unangenehmen Begleiterscheinungen . . . Den Untergang der Diasporajudenheit in ihrer Totalität aufzuhalten, würde auch der nationalen Schule unmöglich sein." Mit um so größerer Sorge sieht Zollschan diese Betonung der jüdischen Nationalität durch den modernen Zionismus, als er überzeugt ist, daß durch diese verfehlte Zielsetzung der. Zankapfel unter die Judenheit geworfen wird, der es verhindert, daß große Massen sich einen zu dem, was ursprünglich der eigentliche Inhalt des Zionismus war und was man mit Leichtigkeit zu einer Angelegenheit für alle machen könnte, nämlich zur Arbeit am Wiederaufbau Palästinas als jüdisches Land. Die Belastung des zionistischen Programms mit der Forderung der Anerkennung einer jüdischen Nationalität außerhalb Palästinas muß auch dem Teile des Programms schaden, das wert wäre, von allen beachtet zu werden. Mit den oben angeführten Proben ist der Inhalt des Buches nicht im entferntesten erschöpft; eine Fülle von Problemen wird aufgeworfen und sachgemäß erörtert, die einzelnen Strömungen innerhalb des Zionismus werden dargestellt und durch die Aeußerungen ihrer Hauptwortführer gekennzeichnet, aber das mag ein jeder selbst Nachlesen. Was dem Buche leider Abtrag tut - dieser Tadel muß ausgesprochen werden —, ist die Verdunklung des Stils durch eine Menge überflüssiger und entbehrlicher Fremdwörter. Ihre tsülle trübt den Genuß, den die Lektüre nach dem sachlichen Inhalt und der Klarheit der Logik in der Darstellung bietet. Dir Mochr. Berlin. 24. November. ie vereinigten antisemitischen. deutschvölkischen und deutschnationalen Reaktionäre ergehen sich in Verspottungen der schwarz-rot-goldenen Fahne, nachdem deren Farben seitens der Nationalversammlung als die Reichssarben erklärt worden sind, und sie bezeichnen diese Fahne mit besonderer Vorliebe als Iudenfahne. Das merkwürdigste dabei ist. daß die neuen Reichsfarben, die namentlich in der 48er Bewegung eine große Rolle gespielt hatten, auch die Farben der deutschen Burschenschaft sind, die bekanntlich keine Juden aufnimmt. Wie will man in bezug daraus die Bezeichnung der schwarz-rot-goldenen Fahne als Judenfahne rechtfertigen? Dieselben Farben sind ja auch von den Deutschnationalen Oesterreichs, die sich um Herrn St. H. Wolf scharen, als die deutschen Farben erkoren worden; diese Leute, die doch als Antisemiten vom reinsten Wasser angesehen werden wollen, werden sich sicherlich sehr höflich dafür bedanken, wenn ihre Gesinnungsgenossen in Deutschland ihr Banner als Judenfahne bezeichnen. Auch der Talmijunker v. Graefe hat ja «kürzlich in der Nationalversammlung seinem Abscheu vor der schwarz-rot-goldenen Fahne Ausdruck verliehen und prophezeit. daß sie nie im Deutschen Reiche populär sein werde. Nun. das wollen wir ruhig abwarten. Natürlich bemühen sich die antisemitischen und deutschnationalen Reaktionäre bei jeder: sich bietenden Gelegenheit, als Protest gegen die „Iudenfahne" das alte schwarz-weiß-rote Banner zu entfalten, und sie singen bei. dieser Gelegenheit gewöhnlich das Flaggenlied von Robert Linderer: „Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot". Das geschah auch bei den Demonstrationen, die am 18. November von deutschnationaler ünd antisemitischer Seite vor dem Reichstagsgebäude zu Ehren Hindenburgs veranstaltet wurden. Den tcutschwütigen Verehrern des Flaggenliedes scheint es

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