Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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83. Jahrgang. Nr. 48 Allgemeine Berlin, 28. November 1919 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Visse Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Naddiner De. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „ALgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse Berlin. Beginnt es zu tcrMN? Von Rabbiner Tr. T i e n e m a n n iJIJljUll. (Ratibor). — D i e Woche. — Briefe ans Ungarn. Von J. K. — Prof. Tr. Moritz Goldschmidt. Von Dr. Emil Behrens, Oberlehrer am staatlichen Gymnasium zu Kattvwitz. — dtotizen zur Geschichte einer Posen schon J-udengenleinde nach dl. Warschauer: „Geschichte der Stadt Gnesen". Zusammengestellt von Tr. I. Jacobson. — Ter Altmeister der Wissenschaft des Judentinns. Don Leon S che i nj) a u s. — Feuilleton: Benjannns Liebeslied. Roman von S a m u e l e isel s. — L l 1 e r a r i s ch e M i t t e i l u n g e n. — S p r e ch s a a l. Der Gemeindebote. (Beilage der „Allgeneeinen Zeitung des Iudontllms). Berlin, Charlottenburg, Königsberg i. Pr., Meinet, . Bromborg, Leipzig, Tüsseldvrf, Wilna. Bon Nah und Fern. Beginnt es?u tagen? Von Rabbiner Dr. Diene mann (Ratibor). ^»-^ie jüdische Oeffentlichkeit darf an einem Buch nicht vori J übergehen, das vor kurzem erschienen ist und eine Streitfrage der jüdischen Gegenwart, die Frage der Anerkennung der jüdischen, Nationalität, in gründlicher und methodischer Untersuchung aufs neue erörtert. Das Buch ist von einem Zionisten geschrieben, der in ihm zu der augenblicklichen Ausprägung des offiziellen Zionismus in Gegensatz tritt, der, ohne seine zionistische Grundhaltung im mindesten zu verleugnen oder zu ändern, aus innersten Gewissensgründen und aus seiner Liebe zum jüdischen Volk heraus seinen Widerspruch gegen die zionistische Parteileitung zum Ausdruck bringt und dabei die meisten der Argumente und Einwände fast wortwörtlich wiederholt, die namhafte Wortführer des deutschen Judentums seit Jahren gegen die Deutung geltend machen, die in der letzten Zeit dem zionistischen Gedanken gegeben wurde. Das Buch heißt „Revision des jüdischen Nationalismus", und sein Verfasser ist der bekannte Darsteller und Kritiker der Rassenprobleme Dr. Ignaz Zollschaill). In der Einleitung sagt er alsbald mit wünschenswerter Deutlichkeit, in welcher Absicht er sein Buch schreibt. Er hat innerhalb seiner Partei gegen die Forderung, die Rechtsverhältnisse der Juden in den europäischen Staaten in nationalen! Sinne zu regeln, gekäinpft, gegen die Forderung, „eine nationale Autonomie zu gewähren in allen jenen Ländern des Ostens, in denep sie in Massen angesiedelt sind, und in jenen Ländern des Westens, wo sie von den Juden selbst gewünscht wird"; und da er mit seinem Widerspruch nicht durchgedrungen ist, und da wir an einem der Augenblicke stehen, die auf Jahr- - Hunderte hinaus die Linie des Lebens der Gemeinschaft bestimmen, und er überzeugt ist, baß die Forderung der nationalen Autonomie ein Irrweg und Abweg ist und daß ihre Verwirklichung zum Unheil der Judenheit ansschlagen muß, erhebt er den warnenden Ruf. Er weist zunächst mit zwingender Logik nach, daß eine jüdische Nationalität mit den zu einer solchen gehörenden Dr. Ignaz Zollschan, „Revision des jüdischen Nationalismus". R. Löwit Verlag, Wien und Berlin 1919. 182 Seiten. Brosch. 8 Mark, geb. 19 Ma r k. Attributen vorläufig noch gar nicht existiert, daß sie allenfalls eine Forderung sei, etwas noch zu Schaffendes, aber nicht in der Wirklichkeit vorhanden, daß man künstlich den Inhalt für eine jüdische Nationalität erst schaffen müßte, um sie mit den Nationalismen der anderen Völker in Parallele zu setzen, daß es eine gewaltsame und schematische Lösung wäre, wollte man die Judenheit außerhalb Palästinas auf nationalistischer Grundlage aufbauen. Nicht etwa, daß Zollschan ein Gegner des nationalen Gedankens an sich wäre; in dieser Beziehung kann jemand, der ans inneren Gründen den Nationalismus und den Wert des nationalen Gedankens ablehnt, sich nicht auf ihn als Eideshelfer berufen, aber er scheidet streng Mischen Palästina und den Ländern der Welt. „Der wahre Sinn des jüdischen Nationalismus ist der Wunsch nach Wiedererstehung der nationalen Größe des jüdischen Volkes ans dem Boden des eigenen Landes." Außerhalb Palästinas erscheint ihm die Forderung nach Anerkennung als Nationalität verfehlt. „Die Forderung nach Anerkennung als Nationalität mit eigenen autonomen Rechten in denjenigen Staaten, außerhalb Palästinas, in welchen fast die Gesamtzahl der Juden ihre staatliche Heimat besitzt, kann schon von vornherein nicht in Analogie mit . den diesbezüglichen nationalen Forderungen aller anderen Völker gestellt werden . . . Die Forderungen der ■ politischen Souveränität, der Gebietshoheit, das Recht ans eigene Staatspolitik, auf sprachliche Selbständigkeit, aus eigenes Heerwesen, eigene Judikatur, eigene Gesetzgebung auch für die Angelegenheiten des gewerblichen und beruflichen Lebens, die Sorge für das Straßen- und Verkehrswesen im nationalen Gebiet, das Unterrichtswesen in seinem weitaus größten Teil, das Finanzwesen, alle diese Dinge fallen für die sogenannte Autonomie der Juden von vornherein weg. Was bleibt? Schon bei der prinzipiellen Feststellung des formalen Rahmens stoßen wir auf ungeheure Schwierigkeiten. Denn darüber kann es ja im Gegensatz zu . allen übrigen Nationen geteilte Ansichten nicht geben, daß für die Erfassung des jüdischen Volkskörpers weder das territoriale noch, wenigstens im Westen, das sprachliche Kriterium, sondern daß dafür ausschließlich das rein personale Einteilungsprinzip in Geltung gesetzt werden kann. Aber unmittelbar dahinter steht schon eine zweite Frage, deren Ernst und Tragweite schwer verkennbar sind. Soll die jüdische Nationalität einen Zwangs- - verband darstellen? Wenn sie ein Zwangsverband sein würde, soll jeder Jude, der anderen Sinnes ist, aus dem Judentum austreten müssen? . . . Oder soll es künftig keinen politischen Zwangsverband der Judenschaft geben und es jedem Juden freistehen, trotz seiner und seiner Kinder weiterer Zugehörig- ■ feit zum Judentum entweder für die jüdische oder für" eine andere Nationalität zu optieren? Welch ein -Widerspruch gleich in allem Anfang!" Vor allen Dingen, Zollschan sieht/ daß diese sogenannte nationale Autonomie -ungeheure Wirt-"