Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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83. Jahrgang. Nr. 47 Berlin, £1. November 1919 Der Gemeindeüote. Beilsgr zur „Allgemeinen Leitung deK IudentumK". Lorrespondkn?en und Kschrichtm. SklltWmd. 22 Bevlin, T8. November. Am Sonntag, den 16. d. M., hielt der Verein zur Abwehr des Antisemitismus «seine ordentliche G ener a il‘ versa m m l u n g in Berlin ab, die sich trotz der Ungunst der Witterung eines ungemein regen Zuspruches zu erfreuen hatte. Den Vorsitz führte Reichsminister a. D. Gothein, der einleitend der im Berichtsjahr verstorbenen Ansschußmitq lieber in ehrenden Worten gedachte, uiit dann in großen Zügen über die Tätigkeit des Vereins zu berichten. Mit Genugtuung könne festgestellt werden, daß der Verein in letzter Zeit über 1360 neue Mitglieder gewonnen Habe. Sein Wirken Habe namentlich im Wahlkanrpfe gute Erfolge aüfzuweisen gehabt, vor allein sei es gelungen, dem antisemitischen Besitz in Hessen empfindliche Verluste beizubringen. Die starke antisemitische Strömung erfordere aber die Zusammenfassung aller Kräfte, und es sei daher notwendig, den Verein numerisch wie finanziell weiter zu stärken. . Nach Erstattung des Kassenberichtes durch Herrn Direktor I a ff e in Vertretung des erkrankten Schatzmeisters Geh-Rat Kanzow und erfolgter Entlastung nahm Herr Neichsminister a. T. Gothein das Wort zu dem Thema: „D i e H offnung auf d i e a n t i s e m i t i s ch e W e l -l e". Eine Welle der Hoffnung sei, so führte er aus, im August 1914 durch das Land gegangen, daß man in Zukunft wie keine Parteien so auch keine Konfessionen kennen werde. Bald aber änderten sich die Zustände. Ueberhebliche Kriegsziele wurden propagiert, und wer sich ihnen entgegenstellte, wurde als Helfer des Auslandes hingestellt. Schon damals wurden die Gegner des Chauvinismus als Juden und Judeng e n o s s e n verketzert. Auch im Heere machte sich bald wieder der Antisemitismus breit, und in der Heimat konnte selbst der.Tod Ludwig Franks, des ersten und einzigen gefallenen Reichstagsabgeordneten, die Kluft nicht schließen, die unsere inneren Verhältnisse zerrüttete. Die Antisemiten betrieben ihre Verhetzung mit den unwürdigsten Mitteln weiter. Der Redner gedachte des schmählichen Versuches der „Inde nzäh lu u g" und der seither nicht zum Schweigen zu bringenden Hetze wegen der Reklamationen für die Kriegsgefellsch-asten und der hohen Gehälter, die in diesen Stellen von den Juden angeblich bezogen wurden. Milt Recht -machte er darauf aufmerksam, daß unter den all reklamierten Beamten und Offizieren sich kaum Juden befunden hätten, und daß die höchsten Gehälter, wie statistisch nachgewiesen, gerade au Nichtjuden gezahlt wurden. Mit dem Fortgänge des Krieges wuchs die Hetze weiter. Im Augenblick des Zusammenbruches zwar wagten die Antisemiten sich nicht hervor, desto wilder gebärdeten sie sich bald nachher wieder, namentlich bei den Wahlen,' um die vorhandene Verbitterung von sich ab und auf die Juden hinzulenken. Nichts gab es, von Kriegsausbruch bis zur Revolution, woran die Juden nicht schuld waren. Führer der D e u t s«d> nationalen Vol k s - Partei, wie Graf Posadowskh, Dr.' Dühringer, El. v. Delbrück, mißbilligten zwar, so konnte der Vortragende aus eigener Erfahrung versichern, die antisemitische Hetze, konnten fid) aber aus Mangel an Kraft und Mut in ihrer Partei nicht durchsetzen.' Diese benutze heute den Antisemitismus als Waffe, um wieder zur Macht zu kommen, die Republik zu stürzen und die Erfolge der Revolution zu beseitigen. Diese antisemitische Bewegung enthielte große innerwie äußer-politische Gefahren. Die antisemitischen Provokationen, die Pogromhetze drohten einen Gegenstoß der Masse hervorzurufen, so daß Gewalt gegen Gewalt stände. Das wäre der Bürgerkrieg, in dem die deutsche Kultur völlig zugrunde gehen würde, in einem Augenblick, wo nur Arbeit und innere Geschlossenheit uns retten können. Gewalt sei überall der Zusammenbruck) der Moral, das bewiese die deutsche Etappe sowohl wie das jetzige Treiben 'der Gegner im besetzten Gebiet. Noch größer sei die außerpolitische Gefahr. Im Augenblick, da der Friede uns den Weg der Gewalt versperrt habe. Webe uns nur der Weg- „moralischer Eroberungen". Nur wenn das Ausland Deutschlands Anteil an der Weltkultur als unentbehrlich anerkenne, gehe unser Weg .wieder empor. Wie schädlich antisemitische Ausschweifungen in dieser Hinsicht wirkten, bewiesen die Wiener Vorgänge. Deshalb müsse der Verein versuchen, starke Dämme a ii f z u werfen g e g e n d i> e F l u t v o n Sch m u tz und Schlamm, die die Antisemiten über Deutschland, ausschütteten. Man sollte nun nicht sagen, daß das Sache der Juden sei, sondern gerade die Ehre der christlichen Religion der Nächstenliebe und Gerechtigkeit erforderte dringend die M i t a r b e i t d e r ch r i st - lichen Mitbürger. In dem Kampfe des Vereins, der Christen und Juden in sich schließe, in diesem Kamp fe um die Sittlichkeit und um die Zukunft der deutschen Kultur mitzuschreiten, dazu forderte der Redner am Schlüsse seiner Siede nochmals dringend aus und sprach die Hoffnung aus, unser Volk werde wieder genesen, denn nur ein sittliches Volk habe die Berechtigung, e m Porz u steige u. — Der nächste Redner, Reichsminister a. D., und Mitglied der Nationalversammlung Landsberg, ging von der Behauptung des verstorbenen österreichischen sozialdemokratischen Führers Pe r ner sto r f fe r aus: .„Der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls", und legte dar, daß durch eine solche Erklärung dem Antisemitismus zu viel Ehre angetan werde; nur sparsame Haushälter im Betriebe des Intellekts können zu der Meinung gebracht werden, daß das jüdische Kapital allein schädlich sei, während das christliche Kapital seine besonderen Verdienste habe. Der Redner bekämpfte mit feiner Ironie und glänzendem Sarkasmus die verstiegenen Rassentheorien eines Ehamberlain und seiner Genossen, die dem Antisemitismus eine wissensdm'ftliche Grundlage geben möchten, die aber kläglich bei dem Versuche scheitern, alles Germanische und Arische als vortrefflich, alles Semitische als minderwertig und verächtlich hinzustellen. Keine Religion sei imstande, ihre Bekenner zu Edelmenschen zu machen. Die Wurzeln des Antisemitismus seien auf dem Gebiete der Psychologie und der Volkserziehung zu suchen; unter den Führern dieser Bewegung befinden sich« Leute, wie der Mann,, der die bekannte Personalunion von Pornographie und Parlamentarismus darstelle, Herr Bruhn, der jetzt die Schüleraufzüge vor dem Reichstage angeblich zu Ehren Hindenbnrgs engagi^vt. Je mehr in einem Volke die Moral gelitten habe, desto größer sei die Gefahr, daß der Antisemitismus in ihm Boden gewinne. Daher müsse unser Hauptbestroben auf die Hebung der Volksmoral gerichtet sein. Er sei neugierig, wie lange Männer, wie Graf Posadowsky, v. Delbrück nsw., noch in der Gesellschaft von Leuten bleiben werden, die die Kanaille politisch mobilisieren wollen: nicht bange sei ihm um« Helfferich, der sich ist diese Gesellschaft schon hineinfinden werde. . Die a n t r s e m itischeBe w e g u n g w i r d n i d) t e i n e M a s s e^nb e w e g u n g w erden, weil ske sd)>eitern nmß an der Schulung und an der Intelligenz der s ozia ld emo kr at i \dyo n Anbeitersd)aft. Ter Redner lvandte sid> scharf gegen den bekannten Artikel des so-zia>ldemokratisd)en Oberpräsidenten von Ostpreußen, W i n n i g , über Sozialismus und Antisemitismus. Mit der größten Entschiedenheit sei dessen Behauptung zurückzuweisen, daß 90 Prozent der Sozialdemokraten so dächten wie er; wäre das wahr, so würde er, der Redner, darauf verzichten, Abgeordneter der fozialdemokratischen Partei zu bleiben. Der n ü ch'st e s ozia l b e m o f r a t i s d) e Pa rteita g werde zn dem Antisemitismus Stellung nehmen müssen. Die Sozialdemokratie werde in der Bekämpfung dieser volksschädlichen Bewegung nid)t versagen,' das «deutsche Volk und das einsichtige Bürgertum dürfen aber -die Arbeit nicht einer Partei allein aufbürden. Wir müssen aus dem gegenwärtigen Elend heraus, und dabei müsse ein jeder Deutsche, sei er Christ oder Jude, Mitarbeiten. Die antisemitische Frage sei vor allem eine Bildungsfrage; in der Hebung der Bildung und Bermehrung der Gesittung liegt die Gewähr, daß der Antisemitismus ausgerottet wird. Ein jeder' müsse sid) in den Dienst der Erziehungsarbeit stellen, damit nicht die Meinung entsteht, daß das deu tsche Volk seinen Wiede raufbau mit der Entrechtung und Verfolgung der Juden e i n l e i t e n w i il l. Stürmischer Beifall, der -and) bei markanten Stellen ihrer Darlegungen zu verzeichnen war, lohnte die Redner. Dann wurden noch einige Satzungsänderungen vorgenommen, woran sich die Vorstands- und Aussdpißwahl' «ansdstvß. Wiedergewähtt wurden in den Vorstand die Herren Reichsminister a. D. Gothein, Geh. Reg.-Rat Wilh. Foerster, Geh.