Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- Seite 540 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Z" oberst tag ein altes Buch, schwapp, flog's auf die Erde, da —- noch eins. „Das Beste kommt zuletzt", rief ein Schlauer. Aber es kam noch eins und noch eins und ein Paar Lederriemen und ein kleines, turmförmiges SWerbüchschen und wieder ein Buch. „So ein alter Esel", rief der Schlaue, nahm leine Mütze und ging. Die anderen verlachten den Michel: „Ja, wenn der einmal einen Einsall hat, dann ist er auch d'anach." Endlich war der Michel allein, und mit brennenden Wangen sammelte er die Bücher auff Merkwürdige, unlesbare Zeichen waren darin. Kopfschüttelnd Packte er wieder eins zum anderen, auch 'das Büchschen, das einen süßen Duft nusströmte, und die sonderbaren Lederriemen. Doch da lagen noch ein Paar Bücher aufgeschlagen auf der Erde. Als er auch die herbeiholte, erkannte er deutsche Lettern. Neugierig blätterte er nach. „Die fünf Bücher Mose" lautete das eine, und „Die Propheten" las er aus dem Titelblatt eines anderen Buches. „Das also hat die starren Augen plötzlich so schön gemacht", murmelte er vor sich hin. „Ja, Alter, dich werden sie nicht verstehen, wie sie auch mich nicht begreifen können." Damit schnürte er den Sack zu und schasste ihn behutsam aus den alten Platz. Am nächsten Morgen fanden die Wanderer ein kräftiges Mahl bereitet, und freundlich half ihnen der Wirtssohn aus den Weg. Die Linden dufteten süß im Morgenwinde, und oft mußte Ahasver diesmal zurück-schauen, denn die blauen Augen des blonden Michel hatten voll Wärme und Verständnis in seine matten schwarzen geblickt. Else Reich. Literarilckr Mittnllmyrn. Julius Rodende r g. Aus seinen Tagebüchern. Egon Fleischl u. Eo., Berlin 1919. Preis 5 Mark, ged. 7 Mark. lieber Julius Rodenberg ist anläßlich seines 70. und 80. Geburtstages uvie nach seinem Hei mg an ge in diesem Blatte geschrieben worden. Seine treue Lebensgefährtin, die Hüterin seines Vermächtuisses, hat jüngst den zahlreichen freunden und Verehrern des verewigten Dichters durch Herausgabe seiner Tagebücher in Auswahl eine ungemein dankenswerte Gabe gespendet. Ein treffliches Lebensbild Julius Nodenbergs von Ernst Heilborn leitet die Aufzeichnungen ein, die tiefe Einblicke in eine edle Mannesseele gewähren und einen wertvollen Beitrag zur Zeitgeschichte bilden: sie setzen 1849 ein und enden, durch große Pausen unterbrochen, 1908. Ein Feind alles Lauten, ist Julius Rodenberg niemals als Jude hervorgetreten: er ist jedoch jederzeit ein cchtdeutscher Jude gewesen. Geboren den 26. Juni 1831 in dein kleinen hessischen Städtchen, das ihm später den Namen gab, gestorben den 11. Juli 1914 in der Reichs-Hauptstadt, die ihm länger als ein halbes Jahrhundert geistige Heimat und die Stätte seines Wirkens war, ist er der Freundschaft der erlesensten Geister des In- und Auslandes teilhaftig geworden. Pietätvoll hat er die Tradition 'eines Elternhauses treu gewahrt, in dem das Thoraschränkchen sich sehr gilt mit der Bibliothek vertrug, die Beckers und Nottecks Weltgeschichte, die deutschen Klassiker und Auerbachs Torsgeschichten enthielt; rührend hat er an seinem Lebensabend in seinem „Buch der Kindheit"I seiner Kindesliebe den beredtesten Ausdruck gegeben. Ter uns zur Berfüglmg stehende knappe Raum gestattet ullS leider nicht, näher ans diese interessanten Aufzeichnungen einzugehen, es kann eben hier nur ermähnt werden, was Julius Rodenberg über bedeutende Glaubensgenossen und deren Abkömmlinge berichtet. Der Dichter durfte auf ausgedehnten Reisen Welt und Menschen kennenlernen. Am 30. Oktober 1856 schreibt er ans London nach einem Besuche in Guunersbnrh: „Tie Baronin Lhonel v. Rothschild ist eine zarte wld anziehende Weiblichkeit, die von echtem Gefühl durchdrungen erscheint. Sie hat nichts von jener unangenehm auffallenden Süffisance des Stammes, obwohl sie eine Jüdin zu sein und sogar zu scheillen mit Stolz sich bewußt. Sie hat noch eine ideale Begeisterung für das Judentum, sie sucht darin zu wirken und Kräfte darin zu erwecken, .und mit dieser so schönen Neigung verbindet sie doch eimn ennwu und angeregten'Sinn für alles Schöne in Literatur, Kunst und Wissenschaft". Und am 15. November heißt es: „Gestern abend ivar ich noch einmal bei Schlesingers^), wo ich Deutschs) einsührte. Die Bekanntschaft mit Anton Rüben stein hat sich rasch gennrcht und eröffnet heitere Aussichten für die Zukunft." Am 8. März 1883 berichtet er von einer erlesenen Gesellschast in seinem .Hanse: „Neben Heyses, SpieLhagens, Scherers, Baron v. Gleichen, dem Bildhauer Otto aus Rom, Ludwig Bamberger, Fanny Lewald, die Ehepaare Franzos, Stetst nheim und Boß' Nach Lasters Heimgang heißt es: „Berlin, den 29. Januar 1884. Die politische Gedächtnisfeier gestern abend in der Singakademie war ml höchsten Grade würdevoll und doch heftig bewegt. Der Saal so gedrängt voll, wie inan ihn nur selten sehen konnte, doch ausschließlich von Männern, da Frauen polizeillth von politischen Versammlungen bei uns ausgeschlossen sind. Die Rede Bambergers, ein Meisterwerk feiner, liebevoller und dennoch unbefangener Charakteristik, vortrefflich gesprochen, ohne jede Uebertreibung, weder im Ausdruck der Empfindung noch im Vortrag, und obwohl man das schmerzlich bewegte Herz des Redners gleichsam in jedem seiner Worte klopfen hörte, doch höchst kunstgerecht geraten." Am 12. Januar 1887 schreibt er: „Dem Bankett zu Ehren Henrik Ibsens, dem ich Präsidierte, wohnten auch Stettenheims, LuMiners, die beiden Weigerts, Tr. Bloch, Professor v. Kaufmann bei." Wiederholt und gern hat Julius Rodenberg in Wien geweilt. Am 21. Mai 1889 schreibt, er von dort: „Nachmittag und Mend verbrachten wir mit Eduard4) iin. Prater. Es waren anregende und -belebte Tage. Ich habe die Bekanntschaft mit Bettelheim erneuert und die seiner Schwester, der ehedem berühmten Sängerin und Rubinstein- Freundin, Frau v. Gomperz, gemacht." Julius Rodenberg zählt vermöge seiner Eigenschaften von Geist, Gemüt und Charakter zu den Liebenswürdigsten und Reinsten seiner Zeit. Mögen seine Auszeichnungen Eingang und Verbreitung in die deutschen Familien jüdischen Glaubens finden und namentlich den Festgabentisch unserer Söhne und Töchter schmücken. Regina Neißer (Breslau). Mchrrrinlauk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz (5680) 1919/20. Vierter Jahrgang. Verlag des Jüdischen Jahrbuches, Basel. I os e p h R o s e n th a l: Die Kriegsarbeit des Jüdischen Hilfskomitees zu Königsberg i. Pr. 1919. Dr. C u r t N a v r a tz k i : Das neue jüdische Palästina. Jüdischer Verlag, Berlin. 1919. Das j ü d i s ch e V o l k s l i e d. Ein Merkblatt, von Fritz Mordechai Kaufmann. Jüdischer Vertag, Berlin. 1919. Gert r u d M a r x : Jüdische Gedichte. Ausgewählt von Bertha Badt. Jüdischer Verlag, Berlin. 1919. Misrachi. Jüdische Monatsschrift. Herausgegeben von der Ntisrachi-Landesorganisation der Schweiz. Heft 1. Cheschwan 5680. November 1919. Zürich. Fünfzig Jahre Lebenserfahrungen eines jüdischen Lehrers und Schriftstellers. Kulturbilder aus den jüdischen Gemeinden von Lion Wolfs.- Verlag von Gustav Engel, Leipzig. Die Judenfrage der Gegenwart. Dokumentensammlung. Herausgegeben unter der Redaktion von Leon Chasanowitsch und Leo Motz kin. Stockholm, Bokförlaget judae A./B. 1919. Tie Leiden des jungen Moses. Eine biblische Erzählung von Oscar Lehmann. Preis M. 7,50 und 10 Prozent Teuerungszuschlag. Frankfurt a. Nt., Sänger u. Friedberg. 1920. Haderech. Hebräisches Organ der Agudas Jisroel. Erscheint einmal monatlich. Nr. 1. 2. Jahrgang. Zürich, 1919. Mitteilungsblatt des Jüdischen Volksrats zu Posen. Nr. 9, 1. Jahrgang. Posen, Oktober 1919. ' -) Herausgeber einer politischen Korrespondenz. 3) Emanuel Deutsch vom British Museum, Verfasser des berühmten Buches über den Talmud. („Aus der Jugendzeit' von Julius Rodenberg, 1899.) 4) Professor Eduard Schiff, der bekannte Dermatologe, Bruder der Frau Rodenberg. ') 1007 Gebrüder Paetet (Berlin).