Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- Seite 539 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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o39 - „ahmen die Nachricht.zur Kenntnis, tuschelten und lächelten und fanden deri Ohnmiachtsanfall ganz in der Ordnung. Die junge Schwiegertochter war nämlich mit ihrem Gatten Jossel Schlüte zur Hochzeit Sara-Leas gekommen. Die Hochzeit sollte erst in zehn Tagen stattfinden, aber Bruder und Schwägerin sind doch keine fremden Hochzeitsgäste, die nicht früher als nach dem ersten Bogenstrich der Musikanten erscheinen. Jossel und seine Gattin kamen also schon zehn Tage vor der Hochzeit. Das Unglück wollte es, daß die junge Frau bald nach ihrer Ankunft einen Ohnmachtsanfall erlitt, und daß bald davon alle Müßgigänger „Am Tor" Kenntnis erhielten. Die Kunde davon war auch zu Benjamin gedrungen. Und als er jetzt das Rennen und Laufen der Schlütes sah, da sagte er zu sich selbst: wahrscheinlich ist die junge Schwiegertochter Kalman Schlütes wieder einmal in Ohnmacht gefallen. Jossel Schlüte trat aus dem Haustor. Das fahle Laternenlicht fiel auf sein Antlitz. Jossel zeigte keine Spur von, Aufregung und schien es auch nicht besonders eilig zu haben. Er blieb zunächst vor dem Tore stehen, blickte zum erleuchteten Fenster hinauf und begann dann wie einer, der viel Zeit hat, gemächlich in der Richtung nach der Stadt zu wandern. Benjamin folgte ihm und rief ihn an. Jossel wandte ihm sein Gesicht zu. „Was ist geschehen?" fragte Benjamin. „Sara-Lea hat sich auf und davon gemacht", erwiderte Jossel ruhig. Benjamin erbebte. Seine Augen begannen in der Dunkelheit zu leuchten. „Was sagst du?" „Das, was du hörst. Sie hat für die Eltern, einen Brief zurückgelassen." „Weißt du, wohin sie gefahren ist?" „Das weiß ich nicht. Ich vermute, sie ist zu Frau Eisenhardt nach Krakau gefahren." Die Freunde trennten sich. Es war seltsam, wie schnell sie auseinandergingen. Jossel und Benjamin hatten beinahe ihre ganze Jugendzeit zusammen verlebt, und dieses Leben war ausgefüllt mit vielen Gesprächen, Diskussionen, Unterhaltun-- gen, war gleichsam ein umfangreicher Dialog mit ungezählten Fortsetzungen gewesen. Nun haben sie hinter alledem einen Punkt gesetzt, das Schlußwort gesprochen. Offenbar hatten sie einander nichts weiter zu sagen. Tags darauf langte für Benjamin ein Schreiben ein. Es war von Sara-Lea und enthielt nur einige Abschiodszeilen. Zum Schluß schrieb sie: „Ich war gewillt, dir zu folgen; ich wünsche es jedoch nicht, daß du mir folgest. Ich habe den Willen, zu studieren, mich; der Medizin zu widmen und selbständig für meine Zukunft zu sorgen." Neuntes Kapitel. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich in der Stadt die Kunde vom Morde in Serajewo. An allen Straßenecken war das Telegramm vom Wiener Korrespondenzbureau angebracht, und zu Tausenden standen die Leute da und lasen die Schreckensnachricht von dem grauenvollen Doppelmord in der Hauptstadt Bosniens. Der „Stadtanzeiger", ein zweimal wöchentlich erscheinendes vierseitiges Blättchen, gab eine schwarzumränderte Sondernummer heraus, die einen ausführlichen Bericht enthielt über die Reise des Erzherzog-Thronfolgers nach Bosnien, über den feierlichen Empfang in Serajewo und — über das blutige Attentat. Der Bericht las sich wie eine tragische Geschichte eines Fürstenpaares, das, vom Schicksal getrieben, seinem Verhängnis entgegeneilt. Das Blatt berichtete, daß kundige Männer, die etwas von der scharfen Witterung im österreichischen Serbenwinkel verspürten, den Erzherzog vor einer Reise nach Bosnien vergebens gewarnt hätten, und daß auch der Versuch, wenigstens feine Gattin zu bestimmen, bei ihren Kindern in Konopischt zu bleiben, vergebens gewesen sei. So hatten Fürst und Fürstin gemeinsam die Reise unternommen, die ihre Fahrt in die Ewigkeit werden sollte. (Forts«tzrmg folgt.) Mas fthssoer mit lich lchlrppt. hasver war wieder einmal irgendwo ausgetrieben worden und stapfte nun mit Weib und Kind, mit Sack und Pack trostlos dahin. Gegen Abend sahen sie das Gasthaus „Zur blühenden Linde", und der Alte ging darauf zu. Aber sein Weib zog die Augenbrauen hoch, wiegte den Kopf -hin und her und krächzte höhnisch: „Blühende Linde, wie paßt das zu uns!" „Ach was, passen hin, passen her," ries mürrisch der Alte, „das Schlimmste wäre, man jagte uns davon." Die Frau seufzte und -ging ihm langsam nach ... Dem Gastwirt war es glücklicherweise ganz gleichgültig, wer ihm Verdienst ins Haus brachte, und er wies die Ankömmlinge in einen Winkel des Gastzimmers, An einem großen Tisch in der Mitte saß der Wirtssohn, der Michel mit der Zipfelmütze, und zechte lustig mit jungen Gesellen. Die stießen ihn mit dem Ellenbogen an: „Michel, jetzt -kommt Geld ins Haus, steh den großen Sack auf dem Buckel." Als aber Ahasver das kärgliche Mahl bezahlte, holte er nicht den großen Sack, sondern einen Keinen Beutel aus der Tasche, gerad' wie andere Leute auch. „Jud," rief da einer über den Tisch, „was hast denn in dem großen Sack?" „Sein Gold hat er drin," schrie ein anderer dazwischen, „und uns zahlt er.mit Silber, he?" Ahasver blickte kalt und apathisch zu den lustigen Brüdern hinüber. „Dein Gold, he?" klang es noch einmal höhnisch. Da huschte! plötzlich ein seelenvolles, wehmütiges- Lächeln über des Juden fahles Gesicht, während er den Sack ungeschickt auf den krummen Rücken schwang. Als auch Weib und Kinder ihre Lumpenbündel zusammeng-ekramt hatten, wandte sich der Alte unschlüssig und zagend noch einmal an den Wirt: „Ein Nachtlager ----- könnte man das vielleicht haben?" Und wie zur Entschuldigung dieser Dreistigkeit: „Es ist schon spät!" .,Jawohl", sagte der Wirt gleichgültig und ging voraus. Das Aufleuchten in den Mienen des Gastes hatte nur Michek bemerkt und grübelte darüber. Gründlich und schwerfällig, wie er wär, starrte er dem Juden unbewußt nach. Was mochte er in dem Sack halben? Wirklich Gold? Kann Gold die trostlosen Augen seines obdachlosen Besitzers, seines keuchenden, gebeugten Lastträgers Plötzlich in Schönheit erglänzen lassen? Und wenn nicht Gold, was kann er dann in dem Sack-— Krach! die Tür siel hinter der Judenfamilie ins Schloß. Mich-el schreckte auf, ungestüm schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten: „Und ich muß das Gold in dem Sack sehen, will wissen, was damit ist! Ein Gejohle antwortete ihm. „Endlich wird er schlau, und jeder kriegt was ab", schrie es durcheinander. Schon bedauerte Michel, was er gesagt hatte; so hatte er es nicht gemeint, so nicht, aber es war zu spät. Es wurden Pläne geschmiedet, wie man den Sack unter dem alten Geizhals hervorzerren könnte, wie man ihn schrecken müßte, wie man Weib und Kinder zum Schweigen brächte. Sobald alles still war im Haus, schlichen die Burschen zur Gastkammer hinauf. Leise wurde die Tür einen Spalt weit geöffnet. Ein Schnarchen dröhnte, und der Mond schien hell durch die Kammer. Da — dicht an der Tür, sorglos hingeworsen, lag der Sack. Vorsichtig griff ein Arm danach, zog ihn hinaus, und hinunter ging's ans Licht. Triumphierend warfen sie das Bündel auf den Tisch, und mit gierigen Händen wurde es Mifgerissen.