Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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MS' zu finden weiß, dann wird wied-ernm in deinem Tcinpel,, v Tochter Zion, der göttliche Geist eintehren . . . Ter entzündete Funke erlischt nicht wieder: ihn können Verfolgungen nur zu lichter Flamme an blasen, denn unwiderruflich, wie der Sie-g, der Freiheit und der Zivilisation, der bürgerlichen Gleichstellung und ihrer wissenschaftlichen Kultur, ist die Reform und der Triumph des diese Reform offenbarmachenden Wortes. Beglückter als Propheten und Emoras, Hagadisten und Darschanim soll die Predigt des R-abbinen, der Vortrag des Religionslehrers neben Trost und Hoffnung, neben Lehre und Erbauung auch Segen und Freude gewähren, Segen dem freien Israel, Freude aber dem versöhnten Europa." Ueber dieses staunenswerte Werk Aunzens hat der Ge- . schichtsschreiber August Friedrich Gfrörer damals geschrieben: „Seit Spinozas Tagen ist kein so gutes und gründliches Werk von einem Juden geschrieben worden", und Joseph Dernburg äußerte sich: „In das dunkle Chaos eines zweitausendjährigen Schrifttums strömte ein ungeahntes Licht, und die zerstreuten Elemente ordneten sich und fügten sich zu einem wohlgeregelten Ganzen. Z u n z hatte das Schöpferwort gesprochen." Der jüdische Geschichtsschreiber Gr ätz meinte, daß die beiden Nebenzwecke, „die Emanzipation und die Reform, insofern sie sich verwirklichten, sind sie auch ohne die Beleuchtung der „Gottesdienstlichen Vorträge" zustande gekommen. Aber wissenschaftliche Gründlichkeit nach deutscher Art haben sie für künftige Forschungen zur Notwendigkeit gemacht und von den jüdischen Schriftstellern die Schmach genommen, als könnten sie niemals in die Tiefe dringen"^'). Um kurzgesaßt die Bedeutung dieses monumentalen Buches zu kennzeichnen, führe ich den Inhalt der 24 Kapitel an: 1. Einleitung. 2. Dibre hajamim oder Die Bücher der Chronik. 3. Midrasch. 4. Hagada. 5. Targumim. 6. Hagada in den Werken des Midrasch und der Halacha. 7. Ethische Hagada. Geschichtliche Hagada. 9. Geheimlehre. 10. Spezielle oder Auslegungs-Hagada. 11. Pesikta. 12. Jelamdenu. 13. Pesikta rabbathi. 14. Die übrigen pentateuchischen Midraschim. 15. Die nichtpentateuchischen Hagadas. 16. Boraitha derabbi Elieser. 17. Einzelne Hagadas. .18. Rabbi Moses Haddarschan, Rabbi Tobia; Jalkut Simeoni. 19. Organismus der Hagada. 20. Vortragswesen des Altertums. 21. Jüngere hagadische Entwicklungen. 22. Vortragswesen im I. rabbinischen Zeitalter. 23. Desgleichen im II. rabbinischen Zeitalter. 24. Tie Gegenwart. vv,,,_ Brnjamins Cicbtslirti. (20. jfartf.) Roman von Lamuel M e i s e l s. c'hrt Erscheinen des Mondes setzen sich die Juden gleich in Bewegung und sprechen laut folgenden Segensspruch: „Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du durch dein Wort die Himmel geschaffen und durch deines Mundes Hauch ihr ganzes Heer. Gesetz und Zeit hast du ihnen bestimmt, daß sie von ihrer Bahn nicht abweichen. Heiter und fröhlich vollführen sie den Willen ihres Meisters, der ein wahrhafter Künstler und dessen Werk dauernd ist: der den Mond geheißen, immer von neuem in seiner Strahlenkrone zu erscheinen, ein Zeichen den Erdgeborenen, daß auch sie dereinst sich erneuern werden, um ihren Schöpfer um seines königlichruhmreichen Namens willen zu verherrlichen. Gelobt seist du. Ewiger, der du die Monde erneuerst. Gräh, „Geschichte der Inden", Bd. Xf, 2. 498. Gelobt sei dein Bildner, gelobt sei dein Verfertiger, gelobt sei dein Meister, gelobt sei dein Schöpfer. Gleichwie ich dir entgegentanze und dich nicht berühren kann, so mögen meine Feinde keine Macht haben, mich zu berühren zum Unheil. Es überfalle sie Angst und Schrecken. Durch die Macht deines Armes erstarren sie wie Stein; wie Stein erstarren sie durch deines Armes Macht und Schrecken und Angst überfalle sie. David, der König von Israel, lebt ewiglich." Nun bieten sie einander den Friedensgruß. „Friede sei mit euch!" sagen die einen, „mit euch sei Friede!" antworten die anderen. Das wiederholen sie dreimal. . Hierauf sprechen sie den Segensspruch zu Ende: „Zum guten Zeichen und zum guten Stern, uns und ganz Israel.' Amen. Die Stimme meines Freundes ertönt, siehe, er kompst, hüpfend über die Berge, springend über die Hügel. Esgleich r mein Freund dem Hirsch oder der jungen Gazelle. Siehe,- er steht hinter unserer Mauer, schaut durchs Fenster, blickt durchs Gitter."- j An den Pfeiler einer Straßenlaterne gelehnt, stand 2jenjamin und betrachtete die Männergruppe, die den Segen bÄm Erscheinen des Mondes sprachen. Er erinnerte sich an den ersten Donnerstagabend in Mendels Schule, wo er wegen her „schönen Sonne" Prügel bekommen hatte. Daß der Mond schön sei, könne man wohl sagen, hatte damals der Rothaarige gesagt, und die Zustimmung aller Schulkollegen gefunden. Heute stimmte ihm auch Benjamin zu. Der Mond war wirklich schön; er hatte ein rundliches Gesicht wie die gute Tante ans Krakau.;l; Die Gruppe hatte sich aufgelöst, die Männer waren nach Hause geeilt, die Gasse blieb dunkel und menschenleer, aber Benjamin stand noch immer da, an den Pfeiler der Straßenlaterne gelehnt, halb verträumt, halb verwirrt, und blickte abwechselnd bald zum hockenden Häuschen, bald zum gelhgetünchten Hause hinüber. Beide waren hell erleuchtet. Z Plötzlich begann sich's zwischen Haus und Häuschen lebhaft zu regen. Ein wahres Wettrennen ging los, eine wilde Jagd, ein tolles Gelanse, als hätte die Glocke Sturm geläutet. Kalman Schlüte lief atemlos zum Rabbi herüber, und nach wemgen Augenblicken eilte Menachem zu Kalman hinübet. Dann trat Frau Schlüte aus dem Haustor, schreckensbleich, in einen gewöhnlichen Schal gehüllt, und lief in der Richtung nach der Stadt; etwas später raunte Menachem in derselben Richtung. Awrum erschien auf dem Geländergang,' blickte eine Weile in das nächtliche Dunkel und verschwand, um noch mehreremal dasselbe Spiel zu wiederholen. Im Hause Schlütes wurde ein Fenster geöffnet und wieder geschlossen. Kalman verließ das Häuschen, stürzte in sein eigenes Haus, und lief bald darauf zum Rabbi zurück. Eine Tür wurde zugeschlagen. Ab und zu hörte mau eine Stimme aufgeregt sprechen, abbrechen, verstummen und wieder aufbrausen. Die seltsamen Geräusche ließen Benjamin aufhorchen. Das Hasten und Jagen stachelte seine Aufmerksamkeit. Trotz der Dunkelheit konnte er die Vorgänge genau beobachteu; sein Auge war ein wahres Luchßauge, das bohrend spähte und scharf sah. Er sah die Menschen, die da herumhasteten und hiu und her liefen, und las Bestürzung in ihren Mienen. Was war geschehen? War im Hause Schlütes ein Unglück passiert? War jemand plötzlich krank geworden? Ja, das mußte es wohl sein. Denn was tut man in einem chassidischen Hause, wenn ein, Familienglied krank wird? Der Mann läuft zun: Rabbi, die Frau nach dem Arzt - - oder umgekehrt. Eist vorgestern wurde „Am Tor" die Nachricht verbreitet, daß die soeben angekommene junge Schwiegertochter Kalman Schlütes einen Ohnmachtsanfall gehabt habe; die „Müßiggänger"