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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-11-21 · Heft 47 (21.11.1919) · p. Seite 537

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 47 (21.11.1919)
Date
1919-11-21
Page
Seite 537 (sequence 9)
Language
German
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ursprünglich jüdisches Element unserem Kultus einverleibt ist. Am 20. Juli 1832 -vollendete Leopold Zunz sein erstes gryßes Hauptwerk: „Die go t te s'd ienstl iche n Vorträge der Juden, historisch entwickelt. Ein Beitrag zur Altertumskunde und biblischen Kritik, zur Literatur- und Religionsgeschichte." Berlin 1832 (die II. Auflage erschien 1892). In der Vorrede forderte er: „Cs ist endlich Zeit^ daß den Juden in Europa, insonderheit in Deutschland, Recht und Freiheit statt der Rechte und der Freiheiten gewährt werde; kein kümmerliches erniedrigerwes Vorrecht, aber ein vollständiges -erhebendes Bürgertum." „Mit der bürgerlichen Hintansetzung der Juden steht die Vernachlässigung jüdischer Wissenschaft im Zusammenhänge. Durch größere geistige Kultur und gründlichere Kenntnis ihrer eigenen Angelegenheiten würden nicht allein die Juden -eine höhere Stufe der Anerkennung,, also des Rechts errungen haben, auch so manche Mißgriffe der Gesetzgebung, so manches Vorurteil gegen jüdisches Alter dun, so Manche Verurteilung neuer Bestrebungen ist eine Folge -des verlassenen Zustandes, in welchem sich jüdische Literatur und Wissenschaft des Judentums befinden." „Wenn die Emanzipation und Wissenschaft kein leerer Schall sein sollen, keine feile gleißnerische Modeware, sondern die Lebensquelle der Sittlichkeit, die wir nach langer Irrfahrt in den Wüsten wieder ge fl lüden: so niuh sie Institutionen befruchten: hochstehende Lehranstalten, allgemeinen Religionsunterricht, würdigen Gottesdienst, zweckmäßige Synagogenvorträge." Schon, der Nebenzweck -dieses grundlegenden Buches ist wichtig genug, denn die bürgerliche Gleichstellung der Juden ist durchaus nicht nur durch politische Vorkämpfer wie R i e ß e r und Ko sch, sondern in sehr erheblichem Maße durch wissenschaftliche Werke, wie vor allem durch die „-Gottesdienstlichen Vorträge" von Zunz errungen worden. Ein solches Werk bewies beredter und eindringlicher als irgendeine theoretische Darlegung die geistige Ebenbürtigkeit des früheren wie des zeitgenössischen Judentums und war gleichsam die Legitimationskaite für den Eintritt der Juden in die europäische Kulturgemeinschaft^). Die Hauptsache aber, die Schaffung der Wissenschaft des Judentums als Selbstzweck, war mit diesem und den folgenden Werken vollbracht. Namentlich mit den „Gottesdienstlichen Vorträgen" erschien eine literarische und geschichtliche Tat von größter Vollkommenheit. Was Zunz da als eine historische Institution des Judentums seit den ältesten Zeiten bis aus die Gegenwart in seinen literarischen Denkmälern, in seinen Formen und Einrichtungen nachzuweisen unternahm, das hatte die Synagoge sich entwinden lassen, so daß man es allgemein als eine spätere nichtjüdische Errungenschaft anzusehen sich gewöhnt hatte. Für die Hauptsache, in der kritischen Feststellung für die Entstehungszeit der wichtigsten Quellen und Denkmäler der jüdischen Predigt, der Midraschim, ohne Vorarbeit, überall auf die eigene Scharssicht und Witterung angewiesen, hatte Zunz in einem unglaublich kurzen Zeitraum eine Literatur gemustert und durchleuchtet, nach Zeiten, Entstehungsorten und Richtungen geschieden, die weit über zwei Jahrtausende sich erstreckte und ein.unüberwindlich mächtiges Material umfaßte. Mit einem Schlage hatte die noch kaum entstandene jüdische Wissenschaft ein Meisterwerk aufzuweisen, das sie gleichberechtigt in den Kreis der Wissenschaften einführte. Bahnbrechend in der Methode, zuverlässig in den Ergebnissen, in der Form glänzend, klar und nüchtern, dabei erwärmend und hinreißend im Vortrag, war hier ein Buch ans Licht getreten, das Schule machte und eine Gemeinde um Nch scharte, die von hier ihre geistigen Antriebe -und das richtunggebende Beispiel empfing"). 10) Felix Perles, „Eine Ehrenpflicht des gebildeten Judentums". Ost nnd West", .1914. 556. Jl) David Kaufmann, „Gesammelte Schriften I", S. 340. Die hier auftretende wissenschaftliche und kritische Gelehrsamkeit ist gänzlich von der Theologie geschieden, läßt die Ansichten vom Judentum als längst abgeschlossen auf sich beruhen und sieht nur auf sachliche Ergebnisse historischer und literarischer Forschung. Obwohl Zunz damals neben der Gleichstellung der Juden die Förderung der Reform anstrebte, war doch sein Wissen vom Judentum so tief verankert, daß er, so freistnig er auch war, von radikalen Re'ligionssormen dennoch abrückte; er spricht schon damals (1832) die noch nicht bekannten Begriffe des jüdischen Selbstbewußtseins und der Nationalität aus. Wir zitieren einzelnes aus der I. Auflage: S. 1. „Seit früher Zeit finden wir in der Verfassung des jüdischen Volkes Veranstaltungen getroffen, um dem in Lebensmühen und Irrtum versenkten oder vom Sinnenrausch und roher Begierde gefesselten Menschen das Göttliche nahe zubringen. Sabbat und Festseier, Opfer und heilige Versammlungen, gelneinschastliche Andachten und Gesetzesunterweisungen sollten Trost dem Sünder, dem Schwachen eine Stütze, allen Belehrung gewähren und in der Mitte der Nation wie in der Brust des einzelnen ein heiliges Feuer des Glaubens und der Vaterlandsliebe bewahren. Jahrtausende sind seitdem vergangen, die Inden haben längst Selbständigkeit und Vaterland verloren: aber, bei dem Untergänge aller Institutionen blieb die Synagoge als einziger Träger ihrer Nationalität. Dorthin floh ihr Glaube, und von dorther empfingen sie Belehrung für ihren irdischen Wandel, Kraft zur Ausdauer in unerhörten Leiden und Hoffnung auf eine künftige Morgenröte der Freiheit. Ter öffentliche Gottesdienst der Synagoge -war das Panier jüdischer Nationalität, die Aegide des jüdischen Glaubens." S. 321 f. „Es sind Gesetz und -Freiheit in dein Staatskörver, was Kopf und Herz in dem einzelnen Menschen sind. Die festen, kalten Regeln muß der Kopf wie das Gesetz entwerfen; die Anwendung und die Ausnahme macht die Freiheit und das warme Herz. Verfassung und Priestertun: wahren in dem hebräischen Staate das Gesetz und die Bundeslade, die sichtbaren Achsen der Nationalität: aber die Propheten und ihr Wort hüteten das Feuer der Freiheit itnb der Uridee, das nicht sinnlich von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbte, sondern in jeglicher Epoche an der Flamme göttlicher Begeisterung unmittelbar angezündet wurde. Als nach den: Untergänge der israelitischen Selbständigkeit die Nationalität in den heiligen Schriften ihren Mittelpunkt fand, ward bei dem unvermeidlichen Entwicklungsgänge der Jahrhunderte der Midrasch deren Repräsentant, der aber bald in zwei besondere Richtungen sich ausbilden mußte: in die Halacha, das Organ des Gesetzes, und in die Hagada, das Organ der Freiheit. So wenig in dem alten Gesetze eine Vorschrift enthalten sein konnte, daß Propheten sein m ü s se n , sondern höchstens die Zusage, daß sie sein werden, ebensowenig möglich war es, in der Halacha eine die Hagada notwendig gebietende Formel voranszusetzen. Wer beide Institutionen, Prophetentiim und Hagada, bestanden dennoch, als unbedingte Aeußerung des Nationallebens: in beiden weht gleicher Patriotismus itnb gleich starkes Vertrauen zu Gott: derselbe unbeugsame Mut und die Macht gleicher Hoffnung auf deveinstige Erlösung hält die Propheten itrtb die Helden der Hagada aufrecht ... Die Produktionen des Midrasch sind Aeußernngen einer im Leben, den Ideen und Interessen des indischen Volkes begründeten Tätigkeit, an welcher dasselbe gewissermaßen :nitarbei'ten-d teilnahm. Daher sind die hervorragenden Werke der Halacha wie der Hagada, gleich dem Gesetz und den Propheten, Nationalschriften: sie wurden das Eigentum aller, Resultate tausendjähriger Entwicklung, als Denkmäler des Lebens der Ration, als Erzeugnisse ihrer ansgezeichneten Köpfe." S. 475. „Nicht in Aeußerlichkeiten besteht die Reform, sondern in. dem göttlichen Geiste der Frömmigkeit und der Erkenntnis, in dem Worte des Lehrers und Rabbiners, das voll ist des Geistes, in der Anstalt, die das Wort zur Tat macht, der Lehrschule und b-en: Gotteshause. Die rechte Tat bleibt nicht ans, wenn Geist lind Wort wirken: wenn im Innern die Reform vorgearbeitet hat, wird die äußere Form leicht gesunde::." Ende. — S. 481. „Möge der Vortragende Prediger oder Rabbiner, Lehrer oder Redner heißen, wenn er nur ans Bibel und Hagada das Wort Gottes, aus alten und neuen Leistungen das echte Gold ...

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