Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- Seite 535 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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535 - Wesentlich anders als Polen ist Litauen geartet, von welchem.Lande Kenntnisse in der Regel noch weniger verbreitet sind als von Polen. „Land und Leute in Litauen" benennt sich eine Schrift von M. A'schmies, die mit einer Reihe hübscher Abbildungen und einer Karte ausgestattet und die, ebenso wie die vorigen Bücher, in dem um die OstfragGN verdienten Priebatschchen Berlage zu Breslau erschienen ist. — 'Der Verfasser weist ausdrücklich aus die Bedeutung des jüdischen Elements für Litauen hin, das sich schon seit dem 11. Jahrhundert im Lande befindet. Es ist bekannt, daß diese litauischen Juden außerhalb ihres Landes als „Litwaki" bezeichnet werden. Ob die Ansicht des Verfassers zutrisft, daß „nach Beseitigung der Judenbeschränkungen in Rußland sich auch die jüdische Frage in Litauen, soweit von einer solchen überhaupt gesprochen werden kann, von selbst lösen wird", muß dahingestellt bleiben, ist aber zu erhoffen. Vorläufig kann ja nach Ablösung der russischen Randstaaten noch gar nicht übersehen werden, wie in diesen Gebilden sich das Verhältnis zu den nationalen Minderheiten gestalten wird, zu denen auch die Juden zu rechnen sind. Bei der gewaltigen Menge der Juden, die in den Ostländern wohnen, ist es für jeden, der die Geschichte seines Stammes mit Interesse verfolgt, unabweisbare Pflicht,, sich mit all diesen großen Fragenkomplexen näher zu beschäftigen. — Möchten darum die vorstehend aufgeführten Schriften recht fleißig gelesen werden. Motiven?ur Geschichte einer palenlchrn Iudenaememdr — nach U. Warschauer: „Gelchichte Der Stadt Gnelen". Jus-arnmengestellt von Dr. I. Jacobson, ie letzte große Veröffentlichung, die letzte große Leistung der deutschen „Historischen G e s e l l s ch a f t f ü r die Provinz Posen" bietet sich in der 1918 herausgekommenen „G e sch i ch t e der Stadt G n e s e n" v)' dar, die der Führer der deutschen Historiographie der Provinz Posen, der bekannte Direktor des Stettiner Preußischen Staatsarchivs, Geh. Archivrat Prof. Dr. Adolf Warschauers, ans Grund langjähriger, umfassender Studien verfaßt bat. Es ist hier nicht der Ort, Wert und Bedeutung dieser Stadtgeschichte und ihre musterhafte Objektivität zu kennzeichnen, es sei mir hier vielmehr gestattet, aus dem reichen Material, das sie zur Geschichte der Gnesener Juden bei bringt h, die *) „G eschichte der Stadt G n e s e n." Auf Anregung jmb mit Unterstützung der städtischen Behörden bearbeitet von A. Warschauer. Polen 1918. Verlag der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen zu Posen. VI und 488 Seiten. \ 2) Es mag hier darauf hmgewiesen werden, das; A. Warschauer bohl der erste Jude ist, der in Preußen, und zwar in dem Monarchischen Preußen, diese hohe Stellung erlangt hat, und zwar rö,p durch seine archi-valischen Sp-eziallennlnisse, denen er auch wcherzeit seine Ernennung zum Leiter der Archj Verwaltung bei - dem.Kaiserlich Deutschen Generalgouvernement in Warschau zu verdanön hatte. '0 Da das Warschauersche Buch leider kein Register besitzt, w dürstces nicht unerwünscht sein, wenn hier die Stellen angegeben werden an denen auf Juden bezügliche Nachrichten sich finden. S. 29 6 6 f., 93, 98, 102, 110, 126, 128, 1 3 0 — 1 3 3, 141, 144, 1», 156, 1 6 4 — 1 6 6, 167, 172 f 175 f-, 1 77 f.. 181, 186, 19', 215, 224 225, 226, 228, 233, 250, 251, 2 52 264, 268 266, 273, 2 8 2 — 2 8 9 , 293, . 295, 310, 312, 314, 322 323 327, 329, 330, 331, 337, 340,; 342, 343, 345, 349 T-, 38 35,2, 353, 355, 356, 361, 363, 366, 372, 3 75, 379, 380 -t 382, 3 8 3 — 3 9 3, 394, 399, 4C »2, 4 1 0 — 4 1 6, 418 f„ 421\422, 424, 426, 429 , 432 , 439! f.. 443, 444, 448, 450, 4tz, 455, 460, 461, 462!, 463 , 469, 473, 484, 486. Hauptmomente hervorzuheben und so an Hand des Warschanerschen Buches eine Skizze der Entwickelung der Gnesener Juden zu versuchen. Dieser Versuch dürste sich dadurch rechtfertigen, daß aus der Geschichte der Einzelgemeinde die typischen Züge einer allgemeinen Entwickelung hervortreten, insofern nämlich die große Gnesener Gemeinde als eine Vertreterin östlicher jüdischer Massensiedelung die Rolle des jüdischen Elements im slawischen Osten widerspiegelt und anderseits in der Geschichte ihrer politischen und geistigen Emanzipation in konzentrierter Form Vorgang und Problem der Assimilation der Posener und weiterhin der deutschen Juden zu erkennen ist. Der Ursprung von Guesen, der mittelalterlichen polnischen Krönungsstadt und ehrwürdigen kirchlichen Metropole, ist umwittert von den Schauern der Sage, ist verknüpft Mit dein mythischen Nationalheros Lech und wird von frei waltender Kombination sogar bis zum Jahre 550 hinaufgeschoben. Wann zuerst in dieser uralten Stadt Juden aufgetaucht sind, entzieht sich der Feststellung die ersten urkundlichen Nachrichten über Gnesener Juden stammen aus dem Ende des Mittelalters —, man darf aber wohl mit Warschauer annehmen, daß, wie in den meisten im 13. Jahrhundert zu deutschem Recht gegründeten polnischen Kolonialstädten, so auch in Guesen bei der Anlage der Kolonialstadt Mitte des 13. Jahrhunderts sofort Juden mit angestedelt wurden. Die Juden wohnten geschlossen zusammen auf einem in der Nähe des Domes gelegenen königlichen Territorium und waren wie all die anderen die eigentliche Stadt kranzartig umgebenden Vorstädte der Gerichtsbarkeit des Magistrats entzogen. Sie standen unmittelbar unter dem Gnesener Starosten und hatten, wie überall in Polen, ihre eigene Gerichtsbarkeit, anderseits auch noch ihre besonderer,! Steuern. Um die peinliche Wahrung der Gettogrenzen war ständiger Kampf zwischen Bürger- und Judenschaft, da erstere allen Tendenzen, den Raum des Gettos zu erweitern oder die jüdische Handelstätigkeit über das Getto hinaus in die eigentliche Stadt zu verlegen, aufs eifrigste entgegentrat. Daran, daß sich vom Mittelalter her bis zur Aushebung der besonderen „Judenstädte" in preußischer Zeit die Verbote gegen diese jüdischen Ausdehnnngsbestrebnngen immer wieder finden, kann man am besten ersehen, wie auch in Guesen der notwendige Gang wirtschaftlichen Lebens das jüdische Element die es beengenden Fesseln immer weiter lockern ließ. Jeder Auftrieb des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs der Stadt Gnesen wird denn auch begleitet und gekennzeichnet durch ein Vortasten von jüdischer Seite, durch Versuche zur Erwerbung oder Ermietnng christlicher Grundstücke and Häuser, urtb damit auch zur Sicherung erweiterten jüdischen Handelseinflusses. Für den Staat wuchsen sich dabei auch die Gnesener Juden immer mehr, zu Objekten finanzieller Ergiebigkeit und Auspressung ans. Es zeigt sich das z. B. darin, daß im Jahre 1454 die Gnesener Bürgerschaft dem König Kasimir IV. zu seinem Kampf gegen den Deutschen Orden ein Notopser vor; einem Biernndzwanzigstel ihres Vermögens, die Jndenschaft aber ein Zwölftel ihres Vermögens geben mußte. Derselbe Gesichtspunkt materiellen Nutzens war es denn auch, der später, 1660, das königliche Dekret leitete, das die Wiederansetzung der geflüchteten Gnesener Juden dem Magistrat um deswillen anbefahl, „daß die nach dem Kopf der Bevölkerung gezahlte Staatsstener ihre alte Höhe erreiche". Die Haltung und Gesinnung der Kirche und des von ihr geleiteten Volkes gegenüber-den Juden war auf Verachtung und Mißtrauen gestellt und blieb weit über das Mittelalter hinaus so. Blutbeschnldignngen und Anklagen wegen Hostienschändung rissen