Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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582 Die kleinliche und gehässige Kritik des Abgeordneten Graf war ebenso spontan wie Die gestrigen Kundgebungen. Beachten Sie, bi-tte, folgende Spontanität: Ludendorff will erst vor dem Untersuchungsausschuß erscheinen, wenn Hindenbnrg geladen wird. Hindeuburg kommt nach Berlin. Nun setzt die von deutschnationalen Schullehrern veranstaltete Kundgebung ein, die nicht dulden will, daß Hindenburg vor den Ausschuß geht. Am nächsten Tage erklärt Helsferich, daß er dem Ausschuß nicht antworten null. Gr läßt sich in Ordnungsstrafe nehmen und wird sich in der nächsten Sitzung wahrscheinlich verhaften lassen. Beachten Sie diese ganz spontane Steigerung! Halten Sie (zur Rechten) uns doch rächt für so naiv, daß wir die Glieder dieser zusammenhängenden Kette nicht erkennen. Hier liegt der Plan vor, die Untersuchung zu sabotieren, den Ausschuß 31t sabotieren, dessen Vorsitzender der deutschnationale Abgeordnete Warmuth ist. (Lebhafte Zustimmung links. Große Unruhe rechts.) Das Geschrei richtet sich — und das ist bezeichnend - nur gegen Cohn und Sinzheimer, nicht gegen Gothein—Struve. Damit verfolgt man den Zweck, daß auf der Straße gerufen wird: „Nieder mit dem Judenausschuß, wir dulden nicht, daß Hindenburg von diesen Leuten gefragt wird!" Bon antisemitischer Seite wird behauptet, daß wir von Juden regiert würden. Dabei sind tn meiner Fraktion von 145 Abgeordneten nur 2 Juden: der Ministerpräsident lind ich". * GegerrdieP 0 g r 0 m hetzeinDe u t f cf) I a n d wendet sich ein voit dem Grafen M 0 n t g e l a s und dem Reichswehr- Rittmeister v. 'S w 0 g e t i ns ky gezeichnetes Flugblatt, das „Antipogrom" überschrieben ist. In diesem Flugblatt heißt es: „Mitbürger! Haltet fest zusammen im Augenblick des größten wirtschaftlichen Tiefstandes Deutschlands! Wenn, wir verhütenwollen, daß unsere Valicka noch mehr stickt, so gibt es für uns nur eine Parole: Arbeit, Arbeit, und nochmals. Arbeit! Wir alle müssen arbeiten, uiis gegenseitig Helsen, und unterstützen, ohne Unterschied ans unseren Stand und unsere -Religion! Darum besinnt euch ans euch selbst und laßt ab von dem Haß untereinander, vom . Kampf zwischen den Parteien, vorn Kampf zwischen Iud und Christ. Ist es nicht der Jude, der heilte fieberhaft arbeitet, iim die durch fünf lange Kriegsjahre abgebrochenen Handelsverbindungen wieder herzustellen . und so die Valuta der deutschen Reichsmark wieder 31t heben? Gewiß ist heilte das Hauptarbeitskapikal Dentschlands in jüdischen Händen. Aber gerade deshalb dürfen wir uns nicht einen Augenblick mit dein Gedanken tragen, es eventuell in andere Hände iibergeheil zu lassen. Hiermit würde ein langes Brachliegen des Kapitals verbunden fein, wodurch die deutsche Mark völlig gemordet würde. Warum also die feige, anonyme Judenhetze, die anonyme Propaganda für Pogrome durch Flugblätter und Zeitungen! Nehint eiich ein abschreckendes Beispiel an unseren slawischen 'Nachbarstaaten. Pogrome haben doch mix dahin geführt, einem Haufen Gesindel Gelegenheit zu Raub und Mord zu geben und das Wirtschaftsleben völlig 31t vernichten. Darum nochmals: Steher fest . zusammen 31t gemeinsamer Arbeit, nnser Nationalempsinden mziß wieder ansleben. Cs gibt nur noch Deutsche. Aufrechte deutsche Männer haben sich znsammengesunden, um gegen des deutschen Volkes innere Verhetzung zu wirken, und erbitten weitere Zustimmungserklärnngen an den Schristwart, Herrn Administrator Schmidt, Berlin-Charlo-ttenburg, Grdlmanstraße 52. Gezeichnet: v. S w 0 g e t i n s k h, Rittmeister, Reichswehrbrigade 34, van L 0 0 - S ch ni i d t, Archivar, Graf v. M 0 n t g c la s. O Mardochai. In einem Artikel der „Dortmunder Zeitung" vom 28. Oktober: „Die Hebung der Valuta", bringt der Verfasser, Ingenieur H. Ladewig, plötzlich einerr geradezu an den Haaren herbeigezogenen antisemitischen Ausfall, worin es heißt: „Das Trugbild der weltverbcsserndea Wirkung der sozialistischen Marxschen Lehre — Marx' ' jüdischer Name ist Mardochai..Diese Bemerkung gibt Herrn Tr. I. ill Dortmund Anlaß zu einer glänzenden Widerlegung des von antisemitischer Seite immer und immer wieder vorgebrachten Märchens, daß Marx ursprünglich den Vornamen Mardochai geführt habe^ Er schreibt u. a.: „Daß Karl Marx ursprünglich Mardochai geheißen habe, ist eine jener sattsam bekannten Erfindungen, mit denen die Antisemiten! hausieren zu gehen nicht müde werden, auch wennste tausendmal widerlegtsind. Es ist ja verständlich, daß sie diesen Namen besonders hassen. War doch der Jude Mardochai es, der, wie man in der Bibel im Buche Esther Nachlesen kann, ihrem Stammvater und Schutzheiligen, dem Höfling Haman, das größte Aergernis war. Aber mit Marx haben sie ebensowenig Glück wie seinerzeit mit Liebknecht. Denn da bereits sein Vater Christ war, so ist es nicht wahrscheinlich, daß der Sohn Mardochai geheißen habe." Dr. I. schließt seine Ausführungen mit folgenden an die Ueberschrift des Artikels „Die Hebung der Valuta" geknüpften tvefflichen Darlegungen: „Es gibt nämlich noch eine Valuta, die zu herben uns mindestens ebenso not tut wie die Markvaluta, d. i. die moralische Valuta des deutschen Volkes. Es ist aber: gewiß, daß diese durch kaum etwas mehr auf den Hund gebracht wird als durch den Antisemitismus, und zwar besonders uniserer sogenannten Gebildeten, der uns in der ganzen Welt in Verruf bringt." * Aus Hildesheim wird dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus geschrieben: Im Alter von 83 Jahren ist ein Mitbegründer unseres Vereins, Herr Oberbürgermeister a. D. Dr. S t r u ck m a n n , in Hildesheim gestorben. Als die Herren Rickert und v. Gneist den Aufruf zur Gründung des Abwehrvereins veröffentlichten, war der Verstorbene einer der ersten, die den Aufruf unterschrieben. Jahrelang hat er dem Verein als Mitglied angehört, und in Wort und Schrift ist er der antisemitischen Hetze entgegengetreten. Struckmann war ein politischer Optimist. So glaubte er, daß der gesunde Sinn der Deutschen den Antisemitismus bald verschwinden lassen werde, und hielt vor etwa 15 Jahren, als der Politische Antisemitismus infolge der Anrüchigkeit seiner Führer tatsächlich im Verschwinden war, das Bestehen des Vereins nicht mehr für nötig, so daß er aus dem Verein austrat. - Den:. Schreiber dieser Zeilen gegenüber äußerte er jedoch, daß es Pflicht der Juden sei, den Antisemitismus auf das nachdrücklichste 31t bekämpfen. Das hinderte ihn jedoch nicht, weiter dem antisemitischen Treiben bei jeder Gelegenheit entgegenzutreten. Bekannt ist sein mannhaftes Auftreten im Herrenhaus gegen die antisemitischen Flegeleien in Borkum. Der Verstorbene war bis zum Jahre 1909 34 Jahre lang das Oberhaupt der Stadt Hildesheim und vertrat auch 10 Jahre lang den Wahlkreis Hildesheim als nationalliberaler Abgeordneter im Reichstage. Seine hohen Verdienste um die Stadt wurden durch Verleihung des Ehrenbürgerrechts seitens der Stadt Hildesheim belohnt. * Die AllpMen wollen nur 1 Prozent Juden in Polen._ In Warschau tagte, vor kurzem der zweite.Allpolnische Kongreß, welcher bis 8000 Vertreter aus allen Teilen Polens, Litauens, Weißrußlands, Piosens, Galiziens usw. .vereinigte. In seiner programmatischen Rede hat der Deputierte Grab st i Die Hauptziele der Partei im gegenwärtigen Moment skizziert. Unter anderem berührte er das Problem der Juden in Polen, die er als „Fremde" bezeichnete. Zllr Sache selbst hat Grabski! wörtlich folgendes ausgeführt: „Anders muß die Liebe zu den eigenen Volksangehörigen sein als die zu den fremden. Der Prozentsatz dieser letzteren ist bei uns ohne Zweifel viel zu. groß. Großpolen kann und soll uns ein Beispiel geben, wie man ihn von 12 bis 14 und sogar 20 Prozent bis zu 1 oder 1A Prozent zurücksühren kann. Das fremde Element wird sich Umsehen müssen, ob es ihm anderswo nicht besser gehen kann. Wir wollen unsere Auswanderung nach dem Auslände einstellen, die Ostteile unseres Landes mehr kolonisieren und das Prinzip.ausstellen: polnisches Land nur für Polen." * Der polnische Botschafter in London agitiert gegen die Juden. Fürst Sapieha, der polnische Botschafter in England, teilte einem Berichterstatter des „Glasgow Herold" über die Handelsmöglichkeiten in Rußland folgendes mit: Daß der deutsche Handel in Rußland so sehr verbreitet ist, erklärt sich erstens dadurch, daß es bisher in Rußland eine große Anzahl Balten gab-, zweitens aber durch die Menge russischer Juden, die alle Deutsch sprechen und ganze i