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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-11-21 · Heft 47 (21.11.1919) · p. Seite 531

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 47 (21.11.1919)
Date
1919-11-21
Page
Seite 531 (sequence 3)
Language
German
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Dort waren „aufklärende" d-eutschvölkische Schriften unter den Beamten und Angestellten verbreitet worden, worauf am 11. Oktober nachstehender Erlaß erschien: „Abwicklungs-Jntendantlir des früheren IX. A.-K. Altona, den 11. Oktober 1919. Der Intendant. Nr. 1534. 19—2 A, T. 1. Ich untersage politische Agitation jeder Art — einschließlich der antisemitischen — in den Dienstgebäuden und Geschäftszimmern. 2. Ich werde nicht nur das Ein- und Anbringen von Streik- und Hetzflugblättern ahnden, sondern auch das Dulden solcher in den Dienstgebäuden und Geschäftszimmern. Mitschuldig, macht sich auch, wer solche Blätter sieht und nicht entfernt. 3. Die Herren Abteilungsvorstände ersuche ich um Bekanntgabe. gez. Unterschrift." Das Gezeter der „Deutschvölkischen Blätter" über dieses Vorgehen „im Zeitalter der unbeschränkten Freiheit" wird den Herrn Intendanten wohl recht kühl lassen. Sein Einschreiten steht jedenfalls im wohltuenden Kontrast zu einem anderen Vorfall, der sich in Frankfurt a. M. abgespielt hat. Dort fand eine öffentliche Versammlung der Deutschen Demokratischen Partei statt, in der der hessische Kultusminister, Professor Strecker, über den Antisemitismus sprach und dabeidie Leistungen der Juden im Kriege erwähnte. Darob erscholl ein Zwischenruf „In der Etappe", was zu einer Tumultszene führte. Dabei stellte sich heraus, daß der Zwischenrufer ein — Offiziers teil de rt rete r der I. Garde-Landes-Schützenabteilung war. Dieser Ofsizierstellvertreter wird nun von seinem Kommandeur, dem Rittmeister v. Neusville, in einer Zuschrift an die „Frankfurter Zeitung" ausdrücklich in Schutz genommen, mit der Bemerkung, der Unteroffizier habe nur seine „eigene Erfahrung" zum Ausdruck bringen wollen. Dann schreibt der Herr Rittmeister weiter: „Die 1. Garde - Landes - Schützenabteilung, hak sich das Ziel gesetzt, über Partei und Konfession stehend, wo sie hingesetzt wird, ihre Pflicht zu erfüllen. Die Truppe wird es auch weiter so halten, nicht aber kann verwehrt werden, daß es jeden: Angehörigen der Truppe freisteht, seine Ansicht als anständiger Mensch zu bekennen." Sehr richtig bemerkt die „Frankfurter Zeitung" zu di>eser eigenartigen Auffassung: „Das Recht, an politischen Versammlungen teilzunehrnen, wird niemand bestreiten wollen. Der Zwischenrufer hat aber in unverantwortlicher Weise die Ehre von Kameraden angegriffen, die jahrelang dkanßen gestritten und gelitten haben, und es ist unverständlich, daß in diesem Zusammenhänge von einer ihre Pflicht tuenden Truppe gesprochen wird." Auch die zurückgekehrten Kriegsgefangenen werden von den antisemitischen Giftspritzern heimgesucht (wie wir bereits in der vorigen Nummer in einer Notiz „Amtlicher Antisemitismus" berichtet haben. Die Red.). Es wird wahrlich chohe Zeit, daß die Offiziere endlich lernen, wie der Begriff von Pflicht auch unter den: neuen Regime aufzusafsen ist. lieber das verderbliche Aufitreten politisierender Generale und Offiziere in anderen Ländern hat man früher bei uns die Köpfe geschüttelt. Während es vordem als vornehmste Aufgabe des Offiziers galt, stillschweigend und getreulich seine Pflicht zu erfüllen, sind die Herren seit der Revolution sehr redselig geworden, und alle Augenblicke sind seltsame Ergüsse von dieser Seite zu verzeichnen. So wird jetzt wieder ein Erlaß des Generals v. Oldershausen, Kommandeurs des Reichswehr - Gruppen - Kommandos I, in der „Freiheit" veröffentlicht, aus dem neben anderem jene antisemitischen Regungen zutage treten, mit denen wir uns gerade bei dem genannten Gruppenkommando schon mehr als einmal befassen mußten. Der Herr General kritisiert das ^Vorgehen der N. S. P. und der Kommunisten und behauptet, daß diese mit „großen Geldmitteln des In- und Auslandes (Juden)" arbeiteten, und rät unter den Vorschlägen zur Abhilfe einen „rücksichtslosen und sofort aufzunehmenden Kampf gegen Kommunisten und Unabhängige und ihre Helfer (Geldgeber)." Es fehlt nur, daß er auch an dieser Stelle die Juden hervorhebt. Ganz abgesehen davon, daß der Herr General es unterläßt, für seine Behauptung über die jüdischen Geldgeber auch, nur den Schatten eines Beweises zu erbringen, ergeben sich aus diesem Auftreten klipp und klar die Tendenzen, die in der Führung der Reichswehr vorherrschen, die sich zu einem Krebsschaden in unserem Staatswesen ausbilden. Unstreitig ist das Vaterland den Offizieren - großen Dank schuldig. Dieser Dank darf aber nicht ausnrten in eine stillschweigende Duldung von Bestrebungen, 'die geeignet sind, die Autorität der Regierung zu untergraben und einen „Staat ün Staate" aufzurichten, mit dem Ergebnis, daß anstatt der notwendigen Gesundung und Beruhigung letzten Endes ein neuer Bürgerkrieg entfacht wird. Darum mutz derartigen Bestrebungen mit aller Schärfe entgegengetreten und dom Reichswehrminister, der in der Reichstagssttzung vom 29. Oktober zwar schöne und kräftige Worte fand, aber in der Praxis in übertriebener Rücksichtnahme die den reaktionären Strömungen «nur allzu willig Vorschub leistenden Offiziere mit Samthandschuhen anfatzt, zugerufen werden: „N o s k e, werde hart!" * . In der Sitzung der Landesversam-mlung vom 14. d. M. % hielt Ministerpräsident Paul Hirsch feine seit einigen Tagen erwartete programmatische Rede, in der er die Tendenzen der j| beiden oppositionellen Parteien, der äußersten Rechten wie der äußersten Linken, einer strengen Kritik unterzog. Der Ministerpräsident wendete sich mit besonderer Schärfe gegen | den Chauvinismus der Deutschnationalen, die Huldigungen | für Hindenburg veranstalteten, um in Wirklichkeit gegen die Regierung, gegen die Republik und für die Wiederherstellung 5 Der Monarchie zu demonstrieren, und führte dabei fol- .? gendes aus:;j .In engster organischer Verbindung mit der monarchistischen und [ gegenrevolutionären Propaganda der Rechten steht die antisemitische /' Hetze, die heute einen Umfang erreicht hat, daß keine- Negierung, stehe % sie an sich zur Judenfrage innerlich, wie sie wolle, ihr gegenüber sich - untätig verhalten darf, wenn sie die Aufrechterhaltung der öffent- \ liche Ruhe und Ordnung gewährleisten will. Ich brauche diese enge | organische Verbindung nicht erst damit zu belegen, daß an vielen 1 Orten, ich nenne nur die Namen des Dr. Silber in Frankfurt a. M. und des Herrn Rittmeisters v. Rammin, die leitenden Persönlich- ■; feiten der Deutschnationalen Volkspartei zugleich auch Vorstandsmitglieder oder Ortsgruppenvorsitzende des „Ausschusses für Volks- : aufklnrung" oder des „Deutschen Schutz- und Trutzbundes" sind. Niemandem, der die rechtsstehende Presse verfolgt, kann es ja ders borgen bleiben, daß man gerade hier in der denkbar schärfsten und j aufreizendsten Weise tagaus, tagein die Gegensätze zwischen den ]\ jüdischen und nichtjüdischen Staatsbürgern zu verschärfen sucht. Man beruft sich in antisemitischen Kreisen« dann, wenn auf die überaus gefährliche Art der antisemitischen Propaganda in Deutschland hingewiesen wird, immer darauf, daß die politisch ernst zu nehmende nationale Presse die Juden nur sachlich bekämpfe, und daß es lediglich die Nadaupresse sei, die in allerdings sehr kräftiger Art zu Gewalttätigkeiten aufreize. Ich halte diesen Hinweis für überaus demagogisch. Es kommt keines- Wegs darauf an, daß direkt und unverhüllt zu Tätlichkeiten anfgefordert wird. Das Wesentliche ist, daß ganz systematisch von nahezu der gesamten rechtsstehenden Presse durch unablässige und Überalls gehässige Polemik gegen die Juden mit absoluter Sicherheit eine; Atmosphäre erzeugt wird, die so gewitterschwül ist, daß es auch ohne äußeren Anlaß einmal von selbst zu einer Explosion, zu einer Entladung des emsig zusammengetragenen Zündstoffes kommen muß. Aus diesem Grunde können auch die Blätter, die es mit großer Entrüstung von sich weisen, daß sie etwa dazu aufforderten, die Juden zu boykottieren, totzuschlagen oder aus dem Lande zu jagen, nicht von der Schuld daran freigesprochen werden, daß wir uns in Deutschland Zuständen zu nähern beginnen, die der jüdischen Bevölkerung Anlaß zu lebhafter Beunruhigung geben. Ganz besonders frevelhaft erscheint mir die Propaganda, die unter der Jugend betrieben wird und die auch vor den untersten Schulklassen nicht haltmacht. Wenn es beispielsweise in einem Gymnasium bereits zu einem Schweigestreik gegen die jüdischen Schüler gekommen ist, so ist das doch ein Zeichen - dafür. Die Verhetzung der jungen Generation hat ein ganz ungeheuerj liches Maß erreicht. Wie sollen Volkskreise, die man schon in der $ Kindheit so gegeneinander aufwiegelt, später als erwachsene Staatsbürger jemals einträchtlich zum Wöhle des Vaterlandes Zusammenarbeiten können? Die antisemitische Broschüren-, Flugblatt- und Zeitschristenliteratur ist bergehoch. Es handelt sich hier um Auswüchse eines Geistes, der die Inquisition und < Hexenverbrennungen j geboren hat, den wir aber i>m 20. Jahrhundert überwunden glaubten. I Bemerkenswert, weil sie einen Beitrag zur Zeitgeschichte j bilden, sind auch die in derselben Sitzung gemachten Ausj sührungen des Abgeordneten Heil mann (Soz.):

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