Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1919)
- Date
- 1919-11-21
- Page
- Seite 530 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Dem Ziele ei netz allgemeinen kulturellen Zusammenschlusses sollen wir treiben. Tie Menschen sollen gebessert, aber auch auf die Höhen des Wissens gebracht werden. Den Kultursührern muß eine geistige Oberschicht zur Seite gestellt werden, und das Material für eine solche Oberschicht müssen und können diejenigen Berufsstände abgeben, die gegenwärtig (mit sehr wenig Recht) die „gelehrten" genannt werden. Dazu ist vor allem nötig, die Einrichtung des „Fachstudiums", wie wir sie jetzt haben, zu beseitigen. Die zusammenhanglose Selbständigkeit der „Fakultäten" muß zugunsten einer wirklichen „universitas" der Wissenschaften aufgegeben werden. Es muß verlangt werden, daß jeder, der sich einem gelehrten Berufe zuwenden will, zuvor eine solide (Grundlage der Wissenschaft im allgemeinen erwerbe und sich hierüber durch den Nachweis eines mehrjährigen Studiums und durch eine Prüfung ausweise, ehe er zu einer besonderen Fakultät zugelassen wird. Jeder muß also während dieses Vorstudiums beispielsweise hören: Geschichte der Philosophie, Erkenntnistheorie, deutsche Sprache, Weltgeschichte, Kulturgeschichte, Literaturgeschichte, Kunstgeschichte, allgemeine Anatomie, Physiologie, Zoologie, Botanik, Physik, Ehemie, Astronomie, Einführung in die Integral- und Differentialrechnung, Entwicklungsgeschichte, Ethnographie, Religionsgeschichte, Einführung in die Rechts¬ und Staats-Wissenschaften, Soziologie, Nationalökonomie usw. Erst nach Abschluß dieses allgemeinen Studiums mögen dann diejenigen, denen der Atem noch nicht ausgegangen ist, sich noch einem Spezialfach zuwenden. Tie zukünftige bürgerliche Kulturpolitik muß sich also die umfassende Aufgabe stellen, alle lebendigen Kräfte des Individuums auf allen Kulturgebieten zur Entfaltung zu bringen. Die allgemeine Schulpflicht ist auf das vollendete 16. Lebensjahr auszudehnen, und dies ist eine der Forderungen und Grundsätze für eine Deutsche Entwicklungspart ei, wie sie Max Wolfs schaffen will. Die Werber für eine solche Partei und für das von ihm aufgestellte bürgerliche Parteiprogramm sollen, wie er sagt, kühnlich vor die Massen treten und zu ihnen also sprechen: „Alle Politiker vor uns haben auch gesagt, ihr selber wäret vortrefflich und nur eure Einrichtungen müßten besser werden, dann würdet ihr glücklich sein. Wir aber sagen euch: Eure Einrichtungen taugen nichts, weil ihr selber nichts taugt! Also lernet werden — und laßt euch von uns dazu helfen!" Das Buch enthält eine solche Ueberfülle von interessanten Anregungen, neuen Kulturideen und erhabenen Kulturzielen, daß jeder Kulturmensch sich mit ihnen freuen und mit Hamlet sagen muß: „Ein Ziel, aufs innigste zu wünschen!" Aber wenn man es dur'chgelesen hat, dann sagt man sich: „Nahe beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen." Was Max Wolfs an Kulturwissen verlangt, ist in einer Zeit, in welcher der Wert geistiger Arbeit zweifellos herabgesetzt ist, ein bißchen viel und nur von wenigen auserlesenen Menschen zu erringen. Und wie sollen seine hohen Knltnrziele erreicht werden in einer Zeit des Kampfes aller gegen alle, des Spartacismus und des Bolschewismus, des selbstsüchtigen, rücksichtslosesten Nationalismus, der schrecklichsten Pogrome, einer unerhörten Arbeitsscheu und Zuchtlosigkeit! Wenn die Kultur des 20. Jahrhunderts solche Früchte gezeitigt hat, ob es sich da nicht empfiehlt, etwas mehr zur Natur zurückzukehren, im Sinne Jean Jacques Rousseaus, der ja als Begründer der „Volkssouveränität" jetzt zeitgemäßer als jemals früher geworden ist? Vielleicht ist es aber doch möglich, daß in dem „Tohuwabohu" wüster Verwirrung unserer realistischen, materiellen Zeit, worin alles brodelt und gärt wie im Lavakessel eines ausbrechenden Vulkans, der Idealist rrnd Kulturprophet recht behält und wir noch glücklichen. Paradiesischen Kulturzuständett entgegengehen. Nach Rabbi Ben Akiba ist ja „alles schon dagewesen!". Bit Wache. Berlin, 17. November.. n der letzten Zeit haben wir uns des öfteren der N nicht besonders angenehmen Aufgabe unterziehen müssen, auf antisemitische Wühlereien in der Reichswehr hinzuweisen. So sehr sich auch Herr Noske bemühen mag, diesem Treiben Einhalt zrl tun, er beißt auf Granit; denn der Widerstand der untergeordneten Stellen, in erster Linie der höheren und niederen Offiziere, scheint mächtiger zu sein als der Herr Reichsminister. Das zeigte sich auch neulich bei den von den Deutschnationalen und Antisemiten für Hindenburg veranstalteten Demonstrationen, an denen Soldaten der Reichswehr mit nrngeschnalltem Revolver sich beteiligten. Gewiß liegt es uns fern, dem Grundsatz zu huldigen, daß die Offiziere nach dem bekannten Satze handeln müßten: „Wes Brot ich esse, des Lied ich singe." Die Freiheit der Ueberzeugung soll in der Republik jedem gewährt bleiben; sie soll auch denr Soldaten nicht verwehrt werden. Etwas anderes ist aber die politische Betätigung, und es muß als ausgeschlossen gelten, daß sich Angehörige der Reichswehr in die Dienste von Parteien stellen, die sich im ausgesprochenen Gegensätze zur jetzigen Regierung befinden, und zwar deshalb, weil ja die Reichswehr dazu bestimmt ist, die Regierung zu schützen. Werden auch im Heere gegenteilige Anschauungen bekundet, so ist es klar, daß die Stütze, welche die Regierung von der Reichswehr erhofft, nur eine recht unzuverlässige sein kann. Einige Vorfälle aus jüngster Zeit erbringen wieder einmal den Beweis, wie sich führende Stellen der Reichswehr im krassen politischen Gegensätze zum Standpunkt der Regierung befinden. Wir lesen hierüber in der „Abwehr-Korrespondenz": Zn dein in Nr. 16 der „Zeitschrift des Nationalverbandes Deutscher Offiziere" veröffentlichten Geschäftsbericht des genannten Verbandes heißt es u. a.: „Entgegen der Ansfassung des D. O. B. waren und sind alle dem D. N. O. angchörigen Offiziere, deren Zahl von Tag zu Tag wächst, nach wie vor erfüllt von dem Gedanken, daß es einen Boden gibt, auf dem alle Offiziere, einerlei welcher politischen Partei sie sich anschließen, zusammenstehen können und müssen, nämlich den dentschnakionalen." Ferner wird an anderer Stelle der Freude Ausdruck gegeben, daß die Ueberzeugung sich Bahn breche, daß der Verband dazu berufen sei, die Interessen aller derjenigen Offiziere im weitesten Umfange zu vertreten, die aus deutschnationalem Boden stehen und „deutschnational denken und fühlen". Wie der Begriff „dentschnativnal" aber auszufasfen ist, geht daraus hervor, daß der Verband in seiner Satzung ausdrücklich „Angehörige jüdischer Nasse" von der Mitgliedschast ausschließt, obwohl doch eine ganze Anzahl von Inden wegen ihrer Bewährung im Kriege zu Offizieren befördert worden ist. Ferner hat der Verband Vortragsabende eingerichtet, auf denen bekannte Größen der Deutschnationalen Dolkspartei ihr Sprüchlein hersagen sollen, darunter die Herren Professor Roethe, Direktor Wulle von der „Deutschen Zeitun-g", Graf Westarp, Herr v. Wrisberg und der zur Genüge bekannte Schriftsteller Fritz Btey., der hier in seiner militärischen Würde als Hauptmann figuriert. Aus alledem erhellt' auf das deutlichste, daß der Nativnalverband Deutscher Offiziere einzig und allein in dem politisch dentschnationalen Fahrwasser schwimmen soll, und daß es daher -eitel Spiegelfechterei ist, wenn erklärt wird, daß alle Offiziere, einerlei welcher politischen Partei sie angehören, sich dem Verbände anschließen können — es müßte denn sein, daß man Stimmenfang für die D. N. V. treiben will. Wie rege dies,d Agitation der Reaktionäre im Heere ist und wie man sich besonders bemüht, das antisemitische Gift den militärischen Kreisen einzuunpfen, erweist sich aus einem Vorgehen der Intendantur in Altona, die erfreulicherweise energisch eingeschritten ist-