Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- Seite 527 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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SS7 packt sofort eure Sachen. und fahrt mit mir zurück nach Haufe! ..." Kürze Zeit danach blieb Benjamin allein in der Stube. Da hörte er unterm Fenstern ein schallendes Gelächter. Er erkannte es. Es war das selbstherrliche Lachen des rothaarigen Äwrum. — Einige Tage später sprach man „Am Tor" von nichts anderem als von der Verlobung Sara-Leas mit dem rothaarigen Awrum. Diese Verlobung bildete die Sensation des Tages. Ein junger Mann ging mit der neuesten Nummer der „Stimme der Gesetzestreuen" von einer Gruppe zur anderen und zeigte es jedermann, der es lesen wollte — und es war keiner, der es nicht lesen wollte —, daß sich „Awrum ben Hazaddik Dowber" mit der „lobenswürdigen Jungfrau Sara-Lea, der Tochter des allzeit rechtschaffenen, gottesfürchtigen und wohltätigen Kalman Schlüte", verlobt habe. „Die Stimme der Gesetzestreuen" begnügte sich diesmal nicht, dieses hochersveuliche und hochwichtige Ereignis mit übergroßen Buchstaben der Welt zu künden, sie knüpfte auch an diese Mitteilung einen Bandwurm von Glückwunsch, worin die Schriftleitung sich eherbietigst gestattete, Gottes reichsten Segen aus Verlobte und Verschwägerte herabzuflehen. Außer der „Stimme der Gesetzestreuen" gab es „Am Tor" noch andere Stimmen. Die Meinungen über den Glückspunkt, d. h. über die Frage, wer an wem ein größeres Glück gemacht habe — gingen vielfach auseinander. Etwas boshaft bemerkten die einen, dem einstigen Ladenbesitzer Kalman Schlüte sei sicher an der Wiege nicht gesungen worden, daß er sich dereinst mit einem Rabbi verschwägern würde. Andere dagegen hatten am rothaarigen Awrum vieles aus-, zusetzen und bemitleideten die arme schöne Sara-Lea und zitierten den klugen Ausspruch: Das ist nun schon der Lauf der Welt, daß der schlechteste Hund den besten Bissen erhält... Die Chassidim aber sagten gar nichts, sondern erzählten sich wieder einmal die Geschichte von der Wassermühl' und wiederholten — zum soundsovielten Mal — des Rabbi Wunderwort: Ein Rat — ein Rad Auch Benjamin mußte jetzt öfter an die Geschichte von der Wassermühl' denken, auch er wiederholte jetzt öfter des Rabbi Wunderwort von dem Rad, das sich in der Welt herumdreht. „Ueber mich hat es sich herumgedveht und mich zermalmt," sagte er zu sich selbst. Er überblickte die Lebensstrecke, die er bisher gewandert, und gewahrte den rothaarigen Awrum als Hindernis auf allen seinen Wegen. Nun ist er über dieses Hindernis gestolpert und liegt zerschmettert am Boden. Klar und deutlich sieht Benjamin den Verruchten an der Arbeit, seinen Vorsatz zu verwirklichen, seinen Vorsatz: Benjamin aus dem Wege zu räumen. Der Rothaarige wendet für diesen Zweck, je nach den Umständen, gute oder böse Mittel an. Er lobt Benjamin vor Jankel Krummholz, damit er ihn zum Schwiegersohn nehme und ihn somit unschädlich mache. i©c veranlaßt seinen Vater, bei der dritten Mahlzeit Benjamin das Heimweh zu suggerieren; ist er erst fort von hier, sagt ihm sein hinterhältiger Sinn, so wird sich das Weitere schon finden. Er stiehlt das Bild und das Liebeslieds um den Zorn Kalman Schlütes wider ihn zu entfachen. Er gibt den Rat, Benjamin nach Ungarn zu schicken, und er ist es, der die Zusammenkunft Benjamins mit Sara-Lea in Lipowica an Kalman Schlüte verrät. . . Immer ist es er, er und kein anderer — der rothaarige Awrum. . . Der Kampf geht um Sara-Lea, und der Rothaarige kämpft aus dem Hinterhalt und mit giftigen Waffen, und Benjamin unterliegt, muß unterliegen . . . Benjamin sieht dies alles, klar und deutlich; dabei fällt ihm sin, daß Jostel einmal den Rothaarigen einen Kletterer genannt hat... Ach, dieser verruchte Kletterer! Im hockenden Häuschen hat er das Licht der Welt erblickt — und nun ist er richtig zu dem weißgelb getünchten Hause hinaufgeklettert. Achte s K a p i t e l. Spät am Abend steht unter freiem Himmel vor dem Häuschen des Hügel-Rabbi eine Gruppe von Männern. Und der Rabbi ist unter ihnen. Tiefes Dunkel deöst-idie Erde. Der Himmel ist mit schwarzen Wolkenschleiern überzogen. Kein blasser Strahl dringt von oben hernieder. Kein Sternchen ist zu sehen. Das einsame Flämmchen einer Straßenlaterne wirst einen spärlichen Lichtschein auf die Gasse. Die Menschengruppe, die -vor dem hockenden Häuschen steht, zeichnet sich schwarz in grau in der nächtlichen Dunkelheit. Die Männer stehen da und recken die Hälse in die Höhe und spähen nach dem Himmel aus, als suchten sie etwas da droben. Ein jüdischer Gutspächter fährt in einer Droschke durch die Gasse.- Als er die Männergruppe unter freiem Himmel erblickt, läßt er halten, neigt sich ein wenig aus dem Wagen heraus und fragt einen der Umstehenden, was dies zu bedeuten habe. „Wir wollen den Segen über den Mond -sprechen," erhält I er zur Antwort. „Juden erfüllen ein heiliges Gebot, da soll man sich nicht ausschließen," sagt darauf der Gutspächter, steigt vom Wagen herunter und schließt sich der Gruppe an. Motje, der Wasserträger, stampft mit zwei schweren, bis an den Rand gefüllten Wasserkannen durch das Gäßchen. Und als er die vielen Menschen sieht, wie sie in der Dunkelheit zum Himmel emporschauen, bleibt er verwundert stehen und fragt, was denn eigentlich los sei. Alan sagt ihm, daß man zur Begrüßung des neuen Mondes den Segen sprechen möchte. Darauf stellt er stumm die schweren Wasserkannen mitten ans den Bürgersteig hin und mischt sich unter die Wartenden. Ein moderner Jude, "ein „Aufgeklärter", kommt des Weges daher, erblickt die wartende Männergruppe und fragt: „Worauf wartet man?" „Auf den Mond," entgegnet man ihm. Er hört's und will weiterziehen. Da ruft ihn jemand an: „Sie, hören Sie mal, wer den Segen bei der Erneuerung des Mondes spricht, darf sicher sein, daß er im Lause dieses Monats nicht sterben wird — so sagen die Kabbalisten." „Eine Lebensversicherung auf einen Monat ist auch etwas wert," sagt der moderne Jude und bleibtebenfalls stehen. Noch viele Juden, die zufällig vorübergehen, schließen sich der auf den Mond wartenden Männergruppe an, und die Gruppe wächst und wird allmählich zur großen stattlichen Gemeinde. Inzwischen erklärt der Rabbi seinen Getreuen, warum die Juden nach Mondjahren und die Völker -der Welt nach Sonnenjahren rechnen, und was die Einrichtung, allmonatlich beim Erscheinen des Neumondes den Segen zu sprechen, zu bedeuten habe. In seine Erklärungen flicht er die Geschichte von der Verkleinerung des Mondes ein. Es ist eine alte Geschichte, allen bekannt: der Rabbi selbst hat sie bereits hundertundeinmal erzählt, aber den >Getreuen klingt sie neu wie am ersten Tag. „Man sieht ja gar keinen Mond," sagt Plötzlich der moderne Jude, „der Himmel ist bewölkt, ich -glaube, wir warten vergebens." „Wir können warten," antwortet eine Stimme. Der Rabbi hat's gesagt. Und siehe da, hinter einer dichten Wolke tritt langsam das blasse Gestirn hervor. Schelmisch lachend blickt der Mond auf die Judengruppe herunter; daß er so gefeiert wird, macht ihm offenbar viel Spaß. (Fortsetzung folgt.)