Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- Seite 526 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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526 fltßfctt Lebens nirgends so ungeteilte Anerkennung und Förderung als gerade in Berlin gefunden hatten, ist ihm schon 1820 die Erlaubnis erteilt worden, im Beerschen Tempel (neue Synagoge) zu Berlin seine erste Predigt zu halten, der er weitere unbesoldete und um so prophetischer glühende Versuche folgen ließ. Seine feste Anstellung am Berliner Tempel erfolgte erst eine geraume Zeit später, als er sich einen eigenen Hausstand gründete. Aber trotzdem bei seiner Mittellosigkeit, durch die Gründung seines Ehestandes scheinbar in Abhängigkeit geraten, scheute er keinen Augenblick, ein Opfer zu bringen, das seine Ueberzeugung von ihm forderte, der Zustimmung der ihm an Geist und Charakter ebenbürtigen Lebensgefährtin von vornherein sicher. Schon am 13. September 1822, nach schweren Enttäuschungen, legte er sein Amt nieder, das mit seiner Begeisterung und Religiosität wie mit seinem Geradsinn und Mannesmute ihm unerträglich schien. Seine hier gehaltenen Predigten aber, welche 1823 erschienen, waren ein klassisches Denkmal der Vollendung, mit der die jüdische Kanzelberedsamkeit mit der deutschen Sprache und Bildung sich erfüllt hatte^). Es wollte ihm nicht gelingen, eine seiner Würde entsprechende Rabbiner- oder Predigerstelle zu erhalten, bis er aus eine Aufforderung von Dr. Pinhas, sich um das Rabbinat in Kassel zu erwerben, am 20. November 1834 mit echtem Gelehrten- und Räbbinerstolz antwortete: „Bewerben und in Reihe und Glied mit opseurüs üornirnbus treten werde ich nie, werde mich auch nie von jüdischen Parnasim eraminieren lassen. Fühlt eine Gemeinde nicht das Bedürfnis eines tüchtigen Führers itrtb beruft sie mich nicht — von mir geht keine Bewerbung aus . . . lieber will ich fortfahren, ärmlich und nebenbei nützlich für die Wissenschaft zu leben, als meine Muße und Ruhe so nutzlos vergeuden. Ueberhaupt verstehe ich es nicht, mich zu eitlem Amte zu drängen, ich habe deren mehr weggegeben, als andere je gehabt. Wer mich nicht sucht, findet mich nicht."7 8) Der schon damals berühmt gewordene Verfasser der „Gottesdienstlichen Vorträge" konnte mit gewissem Selbstbewußtsein die abweisenden Worte schreiben. Ein ehrenvoller Ruf des „Vereins zur Verbesserung des israelitischen Kultus" in Prag lockte doch einmal zu Beginn des Jahres 1835 Zunz aus seinem idyllischen Gelehrtenleben in Berlin heraus, den Posten eines Predigers anzunehmen. Aber er vermißte dort „Wissenschaft, Menschen, Bücher, Zeitungen und Freiheit", daß schon nach 50 Tagen als einzige Rettung die Rückkehr ihm übrig schien. Vor Not war Zunz dadurch bewahrt, daß ihn Spener am 22. Dezember 1823 zum Schriftleiter der „Hände u. Spenerschen Zeitung" anstellte, wo er täglich die Durchsicht von 27 deutschen und ausländischen Zeitungen zu bewältigen hatte; unverdrossen harrte der große Forscher acht Jahre auf diesem Posten aus, bis seine politisch freiheitlichen Bestrebungen ihn nötigten, seine Stellung aufzugeben. Während der gleichen Zeit waren die Nachmittage dem Privatunterricht gewidmet, und vier Jahre hatte Zunz die Leitung der jüdischen Gemeindesckule inne, welche er wiederum ohne Rücksicht auf 'seine persönliche Einbuße durch Mißstände, deren Heilung nicht in seiner Hand lag, aufgab. In all diesem Kampf ums Dasein war -sein ganzes Sein durchsüllt und durchdrungen von seiner Wissenschaft. Noch 1832 klagt Zunz in einem Brief an den Besitzer reicher Manuskripte, H. I. Michael (Hamburg), daß ihm Büchersammlungen fehlen. „Ohne dies ist mir der hiesige Aufenthalt, der mir fast keine Subsistenzmittel darbietet, zuwider. Ja, wüßte ich dort eine Beschäftigung, und wäre es nur die eines Schreibers, die nur ein Drittel oder die Hälfte des Tages frei ließe und wenigstens 25 Mark wöchentlich einbrächte, ich zöge ohne weiteres dorthin, da ich genügsam bin und Gott 7) Kaufmann, „Gesammelte Schriften" I, 338. 8) Maybaum, ibidem. für das Fehlende schon sorgen wird. Hätte ich eine Stelle mit Mark 1300,— jährlich, ich nähme sie an, wenn sie sicher und-anständig wäre." Im Jahre 1833 schreibt Zunz ferner an seinen Freund Michael: „Für wichtigere Unternehmungen fehlt mir Ruhe, Zeit und Geld, da ich mir keine Bibliothek anlegen und auch keine wissenschaftlichen Reisen antreten kann. Unsere Rothschilds haben für Unterstützungen der Art keinen Sinn; für ein Gastmahl an die Diplomaten kann ich Oxfords und Paris« besuchen; so aber muß man verkrüppeln."^ Die mageren Jahre seiner Mittel- und oft selbst Subsistenz-- losigkeit wareü von einer geistigen Sammlung, Vorbereitung und Reife erfüllt, die Früchte von der höchsten Vollkommenheit zeitigen mußten an dem Baume der Erkenntnis. Venjsmlns Liebeslied. (19. Forts.) Roman von ©amuel Meisels. ein, Sara-Lea," sprach er weiter, „du darfst mich nicht mißverstehen. Ich fühle es ja selbst, daß ich mich einer trügerischen Hoffnung hingebe. Aber — ich meine bloß — schaden könnte es ja auf alle Fälle nicht, wenn Onkel Chajim hinginlge, wenn wir vorerst die Antwort deines Baters hörten . . ." Sie schwieg noch immer, hob jedoch den Kopf in die Höhe und sah ihn unverwandt an. Ihr schweigender Blick trieb ihn völlig zur Verzweiflung. „Nein, nein, Sara-Lea," sprach er weiter, und seine Stimme koste sie, „du darfst mich nicht mißverstehen, ich will die Antwort deines Vaters gar nicht abwarten. Ich weiß, das ist vollkommen zwecklos; ich kenne die Antwort ja, noch bevor er sie gegeben. Die Zeit, zu handeln, ist gekommen. Siehst du, Sara-Lea, es ist mir, als fitze ich da und warte, daß du kommen solltest und sprächest-Doch nein — ich warte nicht darauf — Sara-Lea! —" Er schlang feine Arme um sie, riß sie vom Stuhl zu sich enrpor und drückte sie an seine Brust . . . Plötzlich fühlte er etwas Hartes seine Wange streifen; wie aus der Luft kam es herniedergesaust, er taumelte zurück und ließ sich in einem Zustand von Betäubung aus einen Stuhl fallen. Eine geballte Faust schlug auf den Tisch, daß die Scheiben in der Küche klirrten, und „Das mir!" donnerte eine rollende Stimme einmal um das andere. Kalman Schlüte stand unter ihnen. Sara-Lea zitterte am ganzen Leibe. Sie blickte nach Benjamin hin, und es war ihr, als müßte er jetzt aufstehen und mit tapferem Mut, vor dem selbst ihr Vater die Waffen strecken würde, seine Ehre und seine Liebe verteidigen. Doch Benjamin saß, mit brennender Wange, kauernd auf seinem Stuhl und sah aus wie ein reuiger Missetäter auf dem Armensünderbänkchen. Frau Eisenhardt kam herein und übersah sogleich die ganze Situation; sie blieb indessen seelenruhig und ihre Augen lachten ihr altgewohntes Lachen. Friedsam, als wäre nichts vorgefallen, näherte sie sich ihrem Bruder und wollte ihm etwas Beruhigendes sagen. Doch Kalman Schlüte schnitt ihr zornentbrannt das Wort ab. „Du bist mir auch eine gute Fürsorgerin!" schrie er sie.an. „Dir kann man auch mit gutem Gewissen ein Kind anvertrauen! ... Laß mich gehen! . . - Ich will nichts hören . . . nichts will ich hören! ... Ihr 9) Briefwechsel zwischen Heimann Michael und Leopold Zunz, herausgeben von Dr. Berliner, 1907.